Die NASA präsentiert die Flugbahnen des Himmelskörpers „Ultima Thule“ (Archivbild) Foto: picture alliance / newscom
NASA benennt Himmelskörper um

Es kam ein Komet aus Thule

Wie politisch heikel Namensgebungen sein können, zeigen hierzulande immer wieder Auseinandersetzungen über Straßen- oder Kasernennamen, denen ein Bezug zum Dritten Reich angelastet wird. Daß es sich dabei nicht um ein deutsches Phänomen handelt, zeigt nun die US-Raumfahrtbehörde NASA bei der Umbenennung eines Himmelskörpers.

Seit seiner Entdeckung trug das Objekt die nüchterne Bezeichnung „2014 MU69“. Die Sonde „New Horizons“ war Anfang des Jahres an dem Kometen vorbeigeflogen. Dabei handelte es sich um die bislang am weitesten von der Erde entfernte Begegnung einer Sonde mit einem Himmelskörper. Das veranlaßte die Wissenschaftler dazu, ihm den Namen „Ultima Thule“ zu geben, der in der Antike und im Mittelalter für Orte jenseits der bekannten Welt genutzt wurde.

Soweit so gut – sollte man meinen. Doch schon kurz nach der Taufe schrillten in US-Medien die Alarmglocken. Denn „Thule“ sei ein Begriff, der mit dem Nationalsozialismus verbunden sei. So sei „Thule“ in der Ideologie des Dritten Reiches die Heimat der Arier, zudem seien auch die Führung des NS-Regimes von Raketen fasziniert gewesen. Solche und ähnliche Vorwürfe machten die Runde. Auch ein Ethno-Musikwissenschaftler meldete sich zu Wort und gab zu bedenken, daß es eine schwedische Rechtsrockband mit gleichem Namen gebe.

Die Thule-Gesellschaft sorgte für den schlechten Ruf

Ein Wissenschaftler der NASA betonte öffentlichkeitswirksam, es handele sich nur um eine vorübergehende Bezeichnung für den Kometen. Es sei ihnen bei der Namenswahl um die Assoziation mit Reisen, exotischen Orten und unbekannten Gebieten gegangen.

Damit liegen sie richtig. Seit dem vierten Jahrhundert vor Christus bezeichnete „Ultima Thule“ den Nordrand der bekannten Welt. Griechen und Römer meinten damit das Territorium nördlich von Großbritannien. Auch im Mittelalter verorteten Gelehrte dort jenes unbekannte Land, das bald zum Mythos wurde. Selbst Goethe griff dies auf. So singt Gretchen im „Faust“: „Es war ein König in Thule, Gar treu bis an das Grab, …“

Der König von Thule, Aquarell, 1840, von Carl Gottlieb Peschel (1798-1879) Foto: picture-alliance / akg-images

Der schlechte Ruf „Thules“ hängt in erster Linie mit der gleichnamigen Gesellschaft zusammen, die sich 1918 in München gründete. Dieser okkultistisch-antisemitische Geheimbund gilt nicht zuletzt wegen seiner Verbindung zu später führenden Nationalsozialisten als Ideen- und Stichwortgeber der NSDAP.

Rettung kommt von den Indianern

Neben rechtsextremen Gruppen haben „Thule“ und „Ultima Thule“ auch Einzug in die Pop-Kultur gehalten. Es existieren Filme, Comics, Computerspiele und eine umfangreiche Auswahl an Fantasy-Literatur über den sagenumwogenen Ort im Norden.

Die NASA hat sich zum Glück aus der Bredouille retten können. Der Komet wurde nun in „Arrokoth“ umgetauft. Das ist ein Wort aus der Sprache der Alguin- und Powhatan-Indianer und bedeutet schlicht „Himmel“. Das ist aufgrund der räumlichen Trennung von Mitteleuropa wahrscheinlich frei von „Nazi-Bezügen“. Bleibt zu hoffen, daß kein prominenter Vertreter des Dritten Reiches ein Faible für die Ureinwohner Nordamerikas hatte und sie daher auch als Namensgeber unmöglich sind.

Die NASA präsentiert die Flugbahnen des Himmelskörpers „Ultima Thule“ (Archivbild) Foto: picture alliance / newscom

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