Für Kaiser, Gott und Vaterland

Die Friedensperiode des Wilhelminischen Reiches war vielleicht die glücklichste Epoche der jüngeren deutschen Geschichte. Was für bahnbrechende Erfindungen wurden in Deutschland gemacht! Was für kolossale Bauten wurden errichtet! Was für kühne Neuerungen hielten Einzug! Und die weitgehend liberale Presse- und Meinungsfreiheit sorgte auch im geistigen Leben für vitale Produktivität. Deutschland „boomte“.

Und heute? Finanzkrise, Politikverdrossenheit, EU-Zentralismus. Sogar das Wetter war damals besser – „Kaiserwetter“ statt Klimakatastrophe. Also kein Wunder, daß es Menschen gibt, die den Kantus „Wir woll’n unsern alten Kaiser Wilhelm wiederhab’n!“ wörtlich nehmen und sich in die Gründerzeit zurückwünschen. Von Thierse zu Tirpitz! Zumindest virtuell ist das möglich: Das Onlinespiel „Imperial Age“ (www.imperial-age.net) läßt Teilnehmer das Kaiserreich erleben – jeden einzelnen Tag davon!

Während in den Medien permanent vom Dritten Reich die Rede ist, wissen viele nicht einmal, daß es demnach auch mal ein Zweites Reich gegeben hat. Die Schüler von Lehrern in Strickpullovern lernen nicht viel darüber, höchstens, daß dieser Kaiser Wilhelm II. eine Mischung aus Bösewicht und Witzfigur war, nach dem man heute keine Straßen und Einrichtungen mehr benennen sollte.

Umso erstaunlicher, daß sich schon seit 2005 eine Gemeinde von einigen hundert Spielern der Simulation dieser verleumdeten Ära widmet. Die Avatare wandeln durch das Berlin der „Belle Epoque“. Das Spiel läuft in Echtzeit ab: Aktuell schreibt man das Datum von heute im Jahre 1873. Über Wohl und Wehe der virtuellen Untertanen wacht Seine Digitale Majestät Wilhelm I.

Der ständig erweiterte Informationsteil aus Chroniken, zeitgenössischen Nachrichten und Karten hilft dabei, sich in der Zeitgeschichte zu orientieren. Vier Moderatoren achten darauf, daß der historische Rahmen eingehalten wird. Die Spieler können Unternehmen gründen (wie den „Weltguck“-Zeitungsverlag) oder Handel mit Gütern treiben (Klafter Holz aus königlich preußischen Wäldern oder Kartoffeln aus dem Brandenburger Land).

Um das Spiel attraktiver zu gestalten, werden einige Konzessionen an den liberalen Zeitgeist gemacht: Weibliche Mitspieler dürfen studieren. Auch die Klassengesellschaft ist durchlässiger: Man kann vom Proletariat zum Adel aufsteigen. Aber wer Karriere machen will, muß dafür Wissensprüfungen zur Zeitgeschichte bestehen.

Natürlich gibt es nicht nur kaisertreue Charaktere, sondern auch subversive Elemente wie „Socialdemokraten“ oder Katholiken, die derzeit mit Bismarck im Kulturkampf liegen. Doch auch bei Konflikten ist Internet-Preußen kein rechtsfreier Raum: Es gelten Verfassung und Strafgesetzbuch des Deutschen Reiches, alle im Amtsblatt veröffentlichten Erlasse und Verordnungen sowie die Berliner Städteordnung.

Wer unzufrieden ist, hat Gelegenheit zur Opposition: Im virtuellen Wahllokal können die Avatare bei Reichs- oder Landtagswahlen ihre Stimme abgeben und natürlich auch selbst Parteien gründen und Posten erringen. Ernennungen werden von der Systemverwaltung bestätigt.

Die privaten Anbieter des Spiels erklären in ihrer Selbstdarstellung: „Wir versuchen, auf diesen Seiten das Leben einer Nation im 19. Jahrhundert zu simulieren. Unsere Intention: Spaß dabei haben und Interesse an der Geschichte damit zu verbinden.“

Das ist nicht nur ein Vergnügen für Historiker. Im Gegensatz zu anderen Onlinespielen verfügt Imperial Age über keine Mission, die der Spieler zu erfüllen hat („Töte das Monster“ oder „Finde den Schatz“). Wirklich nicht? Sich mit der Geschichte der deutschen Nation zu identifizieren, ist schon eine ziemlich große Mission.

Foto: Herrliche Kaiserzeit: Im Rheinischen Freilichtmuseum Kommern oder beim Onlinespiel (r.)

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