Klaus-Rüdiger Mai Die Zukunft gestalten wir!

 

Weder natürlich noch gesund

Nicht zufällig fällt die vorösterliche Fastenzeit in jene Monate, wo in der Vor-Supermarkt-Ära die Vorräte knapp wurden: Der Kartoffelkeller leerte sich, Lageräpfel gingen zur Neige, Eingemachtes wurde rar, das Vieh war längst geschlachtet oder in Reproduktionsvorgängen begriffen. Religiöses Fasten spielt heute kaum eine Rolle, dafür sind die einschlägigen Magazine alljährlich in diesen Wochen voll mit Tips zum Heilfasten. Der Winterspeck soll weg, der rund-um-reinigende Effekt einer begrenzten Abstinenz soll zusätzlich euphorisierend wirken. Alle Jahre wieder schrillt auch die Dicke-Kinder-Alarmglocke: Fünfzehn bis zwanzig Prozent der Heranwachsenden seien fettleibig oder durch Übergewicht gefährdet. Magerwahn als „Lifestyle“-Phänomen Es scheint, als sei im Zeitalter der allzeit verfügbaren Nahrungsmittel ein gesundes Maß aus den Fugen geraten: Dem angeblichen Fünftel der adipösen Kinder steht eine andere Zahl gegenüber: Nach neuen Studien weist jedes dritte Mädchen Symptome einer Eßstörung auf. Die Bandbreite reicht von Diäten und Schlankheitswünschen bis hin zu manifesten Krankheiten. Bulimie (Eß-Brech-Sucht) und Magersucht stehen hier im Fokus. Unter Federführung von Alice Schwarzer ist Ende des Jahres durch die Ministerinnen von der Leyen, Schavan und Schmidt eine Kampagne losgetreten worden, die vor allem die Wirkung medienrelevanter Idole in den Blick nimmt. Models und andere Hochglanzprominente würden mit ihren Maßen Körperbilder vorleben, die weder natürlich noch gesund seien. Das Zauberwort heißt Body-Mass-Index (BMI). Das morgendliche Gewicht, geteilt durch die Körpergröße zum Quadrat ergibt das Normalgewicht. Zwischen 19 und 24 sollte der BMI junger Frauen angesiedelt sein. Ein 1,70 Meter großes Mädchen wäre mit einem Gewicht zwischen 56 und 68 Kilogramm im grünen Bereich – abhängig von der individuellen Konstitution. Unter Models liegt der gängige BMI jedoch unter siebzehn, und zahlreiche Hollywoodstars kasteien ihre Körper, um sich diesem Mindermaß zu fügen. Es dominiert der „Lollipop-Look“: ein unnatürlich groß wirkender Kopf auf knochigen Schultern; Streichholzärmchen, kaum zu ahnende Brüste und Hüften, dürre Stecken als Beine. Ob die radikal abgemagerten Schauspielerinnen Angelina Jolie, Lindsay Lohan und Keira Knightley oder die Sternchen Nicole Richie und Mary Kate Olsen: Der anorektische Typus herrscht vor auf dem Boulevard. Es heißt, drei von vier weiblichen US-Berühmtheiten knechten ihre Körper durch erschöpfende Hungerkuren, Erbrechen und Abführmittelmißbrauch. Magerwahn als „Lifestyle“-Phänomen – auf den ersten Blick fügt sich das nur schwer in die Geschichte des Krankheitsbilds. Es gilt als psychische Erkrankung mit der höchsten Todesrate – 15 Prozent der Betroffenen sterben, meist entweder durch Suizid oder Organversagen. Nicht nur die Diätmittelindustrie (Appetithemmer, Abführ- und Entwässerungsprodukte, Vitaminpillen) profitiert davon, sondern auch Psychomedizin und Zahnärzte finden hier weite Betätigungsfelder. Manche Bulimikerin, die kiloweise Nahrungsmittel, oft im Wert von Hunderten Euro pro Monat, der Toilette überantwortet, läßt sich mit Dreißig bereits zum wiederholten Male das Gebiß – oder was davon übrig ist – sanieren. Mag die Eß-Brech-Sucht (bekannteste Patientinnen: Prinzessin Diana und Jane Fonda) mit den Insignien einer satten Überflußgesellschaft einhergehen, so hat die Magersucht ihre frühen Vorläufer. Abgesehen von religiösen Eiferern vergangener Jahrhunderte wiesen etwa die Schriftstellerinnen Virginia Woolf und Tania Blixen eindeutige Magersuchtssymptome auf – es galt, das Fleisch unter die Macht des Geistes zu zwingen. Seit je versagen sämtliche Erklärungsmuster, um die Ursache des selbstgewählten Hungerleids auf einen gültigen Punkt zu bringen: Mal galt die überfürsorgliche, mal die vernachlässigende Mutter als Schuldige, mal wurde ein verdrängtes Mißbrauchstrauma verantwortlich gemacht, mal perfektionistischer Ehrgeiz und häufig die generelle Weigerung, eine Frau zu werden. Ebensowenig dürfen Magersüchtige als durchweg hochbegabt (siehe Paris Hilton!) gelten. „Thinspiration“ zum Noch-dünner-werden Das Rezept einer mustergültigen Krankheitsgenese fehlt bis heute, zumal den Erkrankten tausendfache biographische Beispiele gegenüberstehen von Frauen, die trotz zerrütteter Eltern-Kind-Verhältnisse, trotz Leistungsdrucks keine Eßstörung entwickelten. Was neu ist und durch das Internet Verbreitung fand, ist die offensive Bejahung der Krankheit. Der Vertrieb kursierender „Pro-Ana“ (Magersucht, lat. Anorexia nervosa) und „Pro-Mia“ (lat. Bulimia)- Armbändchen wurde jüngst von Ebay unterbunden, ebenso wurden etliche Seiten gesperrt, in denen das Krankheitsbild verherrlicht und zum weiteren Abmagern ermuntert wurde. Etwa bei Youtube finden sie sich dennoch zahlreich, jene amateurhaft mit melancholischen Popklängen untermalten Videos zur „Thinspiration“: Inspiration (durch entsprechende Promi-Fotos) zum Noch-dünner-werden. Wie heißt es bei Naomi Wolf: „Anstelle des Rosenkranzes ist die Kalorientabelle getreten.“

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