Klaus-Rüdiger Mai Die Zukunft gestalten wir!

 

Viele dicke Frauen und ein Hahn

Ein Schunkellied des Kölner Karnevals, das in diesen Tagen, da das Geschehen auf seinen Höhepunkt zusteuert, in den diversen Prunksitzungen immer wieder ertönt und mittlerweile schon „Kultstatus“ erreicht hat, ist „den dicken Frauen“ gewidmet. Und zwar werden dieselben nicht etwa bespöttelt und subkutan zum Dünnerwerden aufgefordert, sondern sie werden verehrend angesungen, lobend herausgestellt, lauthals als Vorbild gepriesen. Das ist schon einmal originell angesichts der grassierenden Schlankheits-Begeisterung und insofern „typisch Colonia“, typisch für den Kölner Karneval. Er legt sich grundsätzlich quer, ohne daß er das eigentlich will. Nun kann man eine Menge zum Lobpreis der dicken Frauen sagen, Deftiges, Genüßliches, auch Anzügliches. Aber die Kölner Jecken sehen das anders, und genau das macht sie erst zu wirklichen Kölner Jecken. Was singen sie? Zum Beispiel dies: „Dicke Frauen haben schöne Namen, heißen Tosca, Rosa oder Carmen“. Oder dies: „Dicke Frauen können besser singen, weil die Körper von ihnen besser klingen …“ Das ist so verstörend drollig, so bieder harmlos und überraschend blödsinnig, daß es einen umhaut und man nur noch stammeln kann: „Ja, das ist er, der typische Kölner Karneval. Das gibt es nicht in Rio und nicht in Nizza und in Mainz oder Düsseldorf gleich gar nicht, das gibt es nur in Köln.“ Regieren in Rio die erotisierenden Tanzrhythmen und in Nizza die Blumen und in Mainz die gelehrten „Narren“ mit der Fliegenklatsche, die „in humorigem Gewande“ ernst gemeinte Kultur- und Gesellschaftskritik unters Volk bringen, so regiert in Köln, hat dort immer regiert der entfesselte Schwachsinn, der freilich gleichzeitig ein Starksinn ist, ein Unikum sondergleichen, eine Art Surrealismus zu nur scheinbar herabgesetzten Preisen. Wohl nicht zufällig stammte eine der Säulen des offiziellen Surrealismus, Max Ernst, aus (dem Weichbild von) Köln, nicht zufällig trugen schon viele Tafelbilder der Kölner Malerschule im Mittelalter, insbesondere die von Stephan Lochner oder Meister Wilhelm, einen entschieden surrealistischen Habitus zur Schau. Der Surrealismus, das Überpurzeln der Wirklichkeit, das haarscharfe Balancieren zwischen Wahnsinn und schier wollüstigem Seh- und Hörvergnügen, gehört zu Köln wie der Dom und eben der Karneval, der nur deshalb „besser singen“ kann als der in Rio oder Mainz, weil sein „Körper“, der autochthone, lokale Resonanzboden, schon seit Jahrtausenden mit Surrealismus geradezu durchtränkt ist. Man vergegenwärtige die Legende vom Martyrium der hl. Ursula und ihrer elftausend Jungfrauen, gewissermaßen das Eintrittsbillet Kölns ins christliche Abendland! Die Archäologie hat sich die größte Mühe gegeben, die Sache zu verifizieren, und jüngste Ausgrabungen erhärten die Annahme, daß im 3. Jahrhundert n. Ch. tatsächlich elf hochedle einheimische Christinnen von den Römern ihres Glaubens wegen hingerichtet wurden. Elf! Aber dem Kölner Ortsgeist genügte das nicht. Er machte aus elf elftausend und aus hochedlen Christinnen Jungfrauen. „Elftausend Jungfrauen, auf einen Ritt ertränkt im Rhein“: unter dem wollten es die Kölner nicht, das war das einzig zu der Stadt passende surrealistische Bild. Der „Meister der hl. Ursula“ hat es denn auch gemalt, Anfang des vierzehnten Jahrhunderts. Kölner Politik stand von Anfang an im Zeichen des Surrealismus und karnevalistischer Zweideutigkeiten. Köln beherbergte in Gestalt des Kölner Erzbischofs einen der mächtigsten Fürsten des Reiches, der manchmal sogar zu dessen Erzkanzler aufstieg wie auch zum Erzkanzler des Papstes und über die Vorzimmer des Kaisers wie des Vatikans gebot. Die Kölner waren stolz auf „ihren“ Bischof und Kanzler – lagen mit ihm allerdings in ewiger Fehde und trieben ihn schließlich in der Schlacht von Worringen 1288 erfolgreich und definitiv aus der Stadt hinaus. Köln war immer eine aristokratische, von einem Hohen Senat regierte Republik, auf die auch die mächtigsten in- und ausländischen Kräfte Rücksicht nehmen mußten und die von vielen großen Geistern, von Petrarca bis Schinkel, ob ihres unbezähmbaren Freiheitswillens und ihrer republikanischen Gesinnung bewundert wurde. Gleichzeitig herrschte in ihr seit unvordenklichen Zeiten der berüchtigte „Klüngel“, man schob sich auf allen sozialen Ebenen in kleinlichster, unvornehmster Weise Pöstchen und Pfründe zu, nicht zuletzt Karnevalsränge und Karnevalsabzeichen. Der Karneval war in Köln nie zeitlich eingegrenzt, er war und ist faktisch eine Dauereinrichtung und prägt sowohl Politik wie Religion. Seiner Attraktivität in aller Welt schadet das nicht, im Gegenteil. Auswärtige Sänger und andere Unterhaltungskanonen drängeln sich, um während der „närrischen Zeit“ auf Kölner „Diver-tissimentchen“ ihr Debüt zu geben, und es ist faszinierend zu beobachten, wie sie sich dabei dem genius loci hemmungslos anpassen und sich hektisch in die Schunkelei einfügen. So dieses Jahr die original Tiroler „Klostertaler“, deren „Sound“ am Ende überhaupt nicht mehr von den „dicken Frauen“ zu unterscheiden ist und von deren Originalität nur noch die heimatlichen Trach-tenjanker übrigbleiben. Den erzgebirgischen „Randfichten“ ergeht es ähnlich. Ihr Riesenhit „Lebt denn der alte Holzmichel noch?“ ist für den aktuellen Kölner Karneval schlankweg in „Lebt denn der alte Gockelhahn noch, Gockelhahn noch, Gockelhahn noch?“ umgedichtet worden; die Erzgebirgler machen gute Miene zum surrealistischen Spiel, zumal da die originale Fortsetzung, „Ja, er lebt noch, er lebt noch, er lebt noch“, in Köln besonders gewaltig mitgesungen wird und sich dabei sämtliche Karnevalisten im Saal zu schier unendlicher Verbrüderung gegenseitig in die Arme fallen. So viel Ekstase schaffen nicht einmal die „dicken Frauen“. Dagegen kann man nicht protestieren, dabei kann man nur noch freudig mitmachen.

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