Top – die Wette stinkt!

Als Tag, an dem die Bundesliga ihre Unschuld verlor, galt bis vor kurzem noch der 6. Juni 1971. Damals spielte der Präsident der Offenbacher Kickers, Horst Gregorio Canellas, vor einer Schar geladener Gäste, unter ihnen auch der damalige Bundestrainer Helmut Schön, zur Überraschung aller ein Tonband ab: „Es bewies den schockierten Hörern, daß in der am Vortag zu Ende gegangenen Meisterschaftssaison auf Teufel komm raus bestochen wurde und der Abstieg manipuliert war. Ein Supergau! Er löste eine Kettenreaktion von Offenbach bis Bielefeld, von Schalke bis Berlin, von Braunschweig bis Oberhausen und in Ausläufern bis Stuttgart, Köln und Duisburg aus. Doch: Bis die Beweise auf dem Tisch lagen, vergingen Jahre, und bis heute ist nicht mit letzter Klarheit erwiesen, ob tatsächlich alle Untaten aufgedeckt und alle Sünder von damals erfaßt werden konnten.“ So schrieb der Kicker vor zwei Jahren und feierte das vierzigjährige Bestehen der Deutschen Bundesliga, als wäre nie etwas gewesen. Man zeigte voller Verachtung gen Italien, Spanien … Des Deutschen liebstes Kind florierte, die Zuschauer strömten in die Arenen, und die Millionen flossen. Fußball ist in Deutschland ein Millionengeschäft, an dem sich viele eine goldene Nase verdienen – wie in den anderen europäischen Ländern auch. Nur eben mit dem Unterschied, daß bis vor wenigen Tagen mit verklärtem und überaus naivem Fünfziger-Jahre-Blick auf die deutschen Fußball-Geschäfte des 21. Jahrhunderts geschaut wurde. Frei nach dem Motto „Elf Freunde müßt ihr sein“ badete man sich in vollkommener Unschuld und zeigte höchstens voller Verachtung in Richtung Italien, Spanien, Tschechien oder Fernost. Dort sind Fußball-Wettbetrug, Bestechungsversuche und verschobene Spiele längst Realität und ein wachsendes Problem. Nichtsdestotrotz ist der deutsche Fußball und alles, was damit zu tun hat, nun jäh aus dem Dornröschenschlaf erwacht. Der Bundesliga-Skandal ist da und beherrscht seit Wochen die Medien und Gemüter. In seinem ersten Interview gab sich der Berliner Zweitliga-Schiedsrichter Robert Hoyzer noch kaltschnäuzig und wies alle Schuld von sich: „Ich habe nie auf die von mir geleiteten Spiele gewettet“, sagte der 25 Jahre alte Student aus Berlin gegenüber der Bild- Zeitung. Nach ersten Vernehmungen der Berliner Staatsanwaltschaft wurde der Zwei-Meter-Mann dann aber kleinlaut und gab zu, zugunsten eines Wettbetrugs vier Spiele erfolgreich manipuliert zu haben. Der Skandal war da, und es folgte, was folgen mußte. Ein Gewirr aus dunklen kroatischen Wettgeschäften, mutmaßlicher organisierter Kriminalität, neuen Enthüllungen, eidesstattlichen Erklärungen und Hausdurchsuchungen beherrscht die Schlagzeilen. Zurück bleiben in ihrem Glauben stark verunsicherte Fußball-Anhänger, sich zu Recht geprellt fühlende Fußball-Wetter und ein bis in die Grundfesten erschütterter DFB. Die Mannen um den akribischen Theo Zwanziger und den schillernden Gerhard Mayer-Vorfelder kämpfen um ihren eigenen und den Ruf des deutschen Fußballs und hoffen, daß sich der Manipulationsvorwurf nur auf die unteren Ligen beschränkt. In der Zweiten Liga und vor allem in den darbenden Regionalligen verdienen die Spieler lange nicht die Gagen wie ihre Kollegen in der Eliteliga und sind daher weitaus anfälliger für ein Zubrot. Heißt es zumindest. Nicht auszudenken, wenn statt des bei den Offenbacher Kickers kickenden Bruno Akrapovic plötzlich ein bei der Berliner Hertha spielendender Akteur im Fadenkreuz der vom Berliner Landeskriminalamt ins Lebens gerufenen Ermittlungsgruppe „Fußballwette“ auftauchte. Doch soweit ist es noch nicht, und so versuchen die Clubs zur „Normalität“ zurückzukehren. In Deutschland stand die WM 1974 vor der Tür Doch Manipulationen sind nur schwer nachweisbar und so fällt der Blick zurück in die siebziger Jahre. Damals schlug der DFB-„Inquisitor“ Hans Kindermann unbarmherzig zu. Lizenzentzüge, Sperren und hohe Geldbußen erschütterten die Liga bis aufs Mark. Die Zuschauerzahlen in den Stadien sanken rapide, und was kam dann? Öffentlichkeit und DFB gingen flugs zur Tagesordnung über. “ Es sollte wieder nach vorn gedacht werden im Land der Beckenbauer und Netzer. Denn in Deutschland stand schließlich die Fußball-Weltmeisterschaft 1974 vor der Tür.“ (Kicker) Auch diesmal steht die WM im eigenen Land bevor – und der Blick nach vorn sollte nicht allzu arg getrübt werden.

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