Spiel mir das Lied von der Würde

Wer kennt noch Costa Cordalis? Seit letzter Donnerstagnacht kennen ihn wieder fast acht Millionen Deutsche, die den Schlagersänger („Anita“) längst vergessen hatten, mehr. Denn Cordalis steckte seinen Kopf vor laufenden Kameras in acht Glaskisten, um dort mit den Zähnen jeweils einen Stern zu pflücken. Außer Cordalis‘ Kopf befinden sich darin noch andere Exoten – fiese Insekten, stinkende Buschfliegen, lauernde Tannenzapfenechsen, Radnetzspinnen, aggressive Buschbienen, Blatthornkäfer und bissige Pythons. Als Cordalis alle Sterne aus den Kästen gefischt hat, strahlt er wie ein Held – und er wird kurz darauf wie ein solcher gefeiert. Ein Gefühl, welches er die letzten 20 Jahre sicherlich nicht mehr kannte. Cordalis ist ganz sicher einer der Gewinner der RTL-Show „Ich bin ein Star – holt mich hier raus!“, in der ursprünglich zehn mehr oder minder prominente Mitspieler zwei Wochen im australischen Dschungel neben dem Durchstehen von allerlei Qualen vor allem eines müssen: durchhalten. Interaktiv können die Zuschauer durch Anrufe ihren persönlichen Liebling wählen und vor dem Ausscheiden retten, denn derjenige mit den wenigsten Unterstützern fliegt raus. Insgesamt diene das Spektakel einem guten Zweck, so die Produktionsfirma Granada Produktion – aber wen interessiert das noch? RTL-Astrologin Antonia Langsdorf, Ex-Hochspringer Carlo Thränhardt, Ex-Sat1-Moderatorin Caroline Beil, der bereits erwähnte Costa Cordalis, Schauspieler Dustin Sattler-Semmelrogge, Kabarettistin Lisa Fitz, Schauspielerin Mariella Ahrens, Popsänger Daniel Küblböck, Ex-Tagesschausprecherin Susan Stahnke und Werner Böhm alias Gottlieb Wendehals sind die Teilnehmer der Sendung und haben fast alle ihre besten Zeiten bereits hinter sich. Deshalb – so erklärt es sich der deutsche Blätterwald – machen sie überhaupt bei „einer solchen“ Sendung mit. Die Prüfungen sind hart und gemein – keine Frage. Daniel Küblböck mußte sich in einem Glassarg mit Kakerlaken überschütten lassen, und seinen Kopf in ein das sogenannte Terroraquarium stecken, wo er wegen einer schwarzen Wasserspinne eine Panikattacke erlitt. Das Kalkül der Produzenten geht voll auf. Planmäßig echauffiert sich nicht nur der deutsche Boulevard. Serienmäßig bringt Bild täglich schauerliche Neuigkeiten aus dem Urwald-Lager. Aufgeregt und empört zitiert das Springer-Blatt den Medienwissenschaftler Jo Groebel, den die Spiele gar „an Folter“ erinnern – natürlich nicht, ohne gleich daneben den nächsten Sendetermin in blutroten Buchstaben bekanntzugeben. Insgesamt schlägt die Stunde der Moralisten und Heuchler. Der Tierschutzbund fordert die Einstellung der Sendung – wegen „Geschmacklosigkeit“. Am 11. Februar debattieren die Landesmediensanstalten über die „Skandal-Show“, die allerdings bereits am 21. Januar endet. Die Macher haben gut lachen – während die einen die sofortige Absetzung fordern, spekuliert man bereits über eine zweite Staffel. Wo hemmungslos moralisiert wird, ist die Frankfurter Rundschau nicht weit. „Schadenfreude, Neugier, latenter Sadismus bilden das Kapital der Reihe“, urteilt diese. Plötzlich reden wieder alle von der „Würde“, die durch solche „unmenschlichen“ Shows den Teinehmern geraubt werde. Doch hierbei muß man schon genau hinsehen. Bleiben wir bei dem bereits genannten Costa Cordalis. Wann verlor er genau seine Würde? Doch nicht in dem Moment, wo er seinen Kopf tapfer in die Python-Kiste steckt, sondern damals, als er zum x-ten Mal seinen 1977-Hit „Anita“ bei irgendwelchen drittklassigen Kaufhauseröffnungen trällern mußte. Für ihn ist die Sendung geradezu eine Chance der Rückgewinnung der Selbstachtung. Oder der dreifache Hochsprung-Weltrekordler Carlo Thränhardt? Er verlor seine Würde in dem Moment, als er nach seiner Sportkarriere damit anfing, sich mit „Messe- und Event-Moderationen“ durchzuschlagen. Er war der erste, der von den Zuschauern herausgewählt wurde. Er war zu langweilig. Apropos langweilig, Dustin Sattler-Semmelrogge spielt eine Nebenrolle in der RTL-Serie „Ritas Welt“ neben der anstrengenden rheinischen Ulknudel Gaby Köster – hat er damit nicht schon bereits vor Beginn einer Karriere seine Seele als Schauspieler verkauft? Im Camp hätte er zeigen können, was er wirklich draufhat. Doch Sattler-Semmelrogge erweist sich als dasselbe Großmaul wie sein Vater, Schauspieler Martin Semmelrogge („Das Boot“) – Dustin gibt bereits nach zwei Tagen als erster auf, der zur Dicklichkeit Neigende will wieder duschen und Steaks essen. Außerdem vermißt er seine Freundin. Mein Gott, wie weich … Susan Stahnke, wer will da noch ernstlich über „Würde“ sprechen. Sie mußte ihren seriösen Tagesschausprecher-Job aufgeben, weil sie ernsthaft glaubte, in den USA als Schauspielerin Karriere machen zu können. Und das auch noch – der Spott war ihr damit sicher – in einer Rolle als Karin Göring. Im Camp sieht man sie zum ersten Mal ungeschminkt und gefühlsecht. Fast wirkt die sonst nur megagestylte Egomanin wie ein menschliches Wesen – sie weint sogar. Auch Ulrich Beer, altbewährter ZDF-Fernsehpsychologe („Ehen vor Gericht“), versteht die öffentliche Empörung um die Sendung nicht. Gegenüber der JUNGEN FREIHEIT bezeichnet er sie als ein weiteres Erscheinungsbild unserer „Kulturdekadenz“. Einer, der Bescheid wissen muß, ist der in München lebende Ex-Kommunarde Rainer Langhans, der momentan selbst mit zwar weit weniger Zuschauern, aber allabendlich mit seiner Harems-Kommune auf TV-München und TV-Berlin zu sehen ist. Ihn fasziniert diese Show, die den Teilnehmern die „Chance auf ein neues, authentisches Image“ bietet. Für das neue Bild müsse das alte erst einmal weichen, so Langhans im Gespräch mit der JF. „Dies kann unter Umständen auch sehr hart und brutal sein“. Langhans vermag sogar einen Trend in dem RTL-Konzept zu erkennen. „Die Menschen wollen ältere Teilnehmer sehen, denen damit die Chance zur Befreiung von ihrer alten Identität geboten wird“. Er ist überzeugt, daß die Zuschauer denjenigen unter den Teilnehmern honorieren, der am glaubwürdigsten seine alte, verbrauchte Hülle abstreift. Die ausgerechnet von Dirk Bach und Sonja Zietlow („Der Schwächste fliegt“) moderierte Show wäre dann das Gegenteil dessen, was die Kritiker befürchten – nämlich erst die Chance für die abgehalfterten Promis, ihre Würde öffentlichkeitswirksam wiederzuerlangen.

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