Joachim Kuhs

 

Feuer aus allen Rohren

Dadurch ward ich nun mit dem Getümmel versöhnt, ich sah es an als ein bedeutendes Nationalereignis, ich bemerkte genau den Gang der Torheiten. Hierauf notierte ich mir die einzelnen Vorkommnisse der Reihe nach … Die gehobene Welt wird von zahllosen Masken zu Fuß bedrängt, belacht, mit Konfetti oder Bonbons eingedeckt.“ Mit diesen Worten aus den Aufzeichnungen über seine Italienreise des Jahres 1786 stellt uns Goethe die Welt des römischen Karnevals vor. Er war von ihm bezaubert. Auch bei unseren Fastnachtsumzügen wird in großen Mengen mit Süßigkeiten, Luftschlangen und Kamellen auf die jubelnden Fastnachter und Karnevalisten geworfen, doch wissen wir, woher dieser Brauch stammt? Goethe gibt uns eine Erklärung und nennt das Werfen eine „gedrängte Lustbarkeit, die durch eine Art von kleinem, meist scherzhaftem, oft aber nur allzu ernstlichem Kriege in Bewegung gesetzt wird.“ Die Entstehungsgeschichte beschreibt er so: „Wahrscheinlich hat einmal zufällig eine Schöne ihren vorbeigehenden guten Freund, um sich ihm unter der Menge und Maske bemerklich zu machen, mit verzuckerten Körnern angeworfen, da denn nichts natürlicher ist, als daß der Getroffene sich umkehre und die lose Freundin entdecke, dieses ist nun ein allgemeiner Gebrauch, und man sieht oft nach einem Wurfe ein Paar freundliche Gesichter sich einander begegnen. Allein man ist teils zu haushälterisch, um wirkliches Zuckerwerk zu verschwenden … Schneller bereitet und auch billiger war es, aus Gips kleine Kugeln zu formen, die den Schein von Drageen haben. Sie wurden in der wogenden Menge der fröhlichen Männer und Frauen in großen Körben zum Verkauf angeboten.“ Niemand war vor einem Angriff sicher, und so entstand aus Mutwillen oder Notwendigkeit bald hier, bald da ein Zweikampf, ein Scharmützel oder eine Schlacht. Fußgänger, Kutschenfahrer, Zuschauer aus Fenstern, traten gegeneinander an. Vornehme Damen hatten vergoldete und versilberte Körbchen voll dieser Körner, und die Begleiter wissen ihre Schönen sehr wacker zu verteidigen. Man erwartet den Angriff, man scherzt mit seinen Freunden und wehrt sich hartnäckig gegen Unbekannte. Goethe schrieb auf, was er so alles sieht, und ist beeindruckt von den „Überfällen“ auf Priester, denn „wenn ein solcher sich im schwarzen Rocke sehen läßt, werfen alle von allen Seiten auf ihn, und weil Gips und Kreide, wohin sie treffen, abfärben, so sieht ein solcher bald über und über weiß und grau punktiert“ aus. Was im 18. Jahrhundert mit Süßigkeiten begonnen hat, wurde mit kleinen Backwaren und Konfekt fortgesetzt, dann gab es die Gipskügelchen und schließlich mit dem Aufkommen des Papierlochers die ausgestanzten Papierschnipsel. Doch wer erinnert sich beim Werfen von Konfetti an den Anlaß der „Tat“ und an die Herkunft des Wortes „Konfekt“? Heute werden Bonbons und Brezeln, Mickymaus-Hefte und Feuerzeuge von den Wagen der Fastnachtsumzüge geworfen, tonnenweise fliegen Kamellen auf die Straßen, prasseln Gutseln auf die schunkelnde Menge. Ein solcher Zug ist aufregend und amüsant zugleich. Aus dem letzten Jahrhundert ist uns folgende Beschreibung überliefert: „Sich umsehn und alles dumme Zeug bemerken, aufpassen, von woher geworfen wird, um sich womöglich zu decken, den Wurf auf angemessene Weise erwidern, die Munition sammeln, die geworfen wird, sich mit den Masken unterhalten, den Augenblick abpassen, einem etwas ins Gesicht zu werfen, alle diese wichtigen Geschäfte nehmen den Geist und die Hände so in Anspruch, daß man nicht weiß, was man zuerst tun soll, ja es ist unglaublich, aber man macht so rapide Fortschritte in der Tollheit, daß man es ordentlich übel nimmt, wenn ein Wagen vorüber fährt, ohne zu werfen.“ Von einer anderen Begebenheit, die hierzulande keine Nachahmung gefunden hat, berichtet uns auch Goethe: „Für einen jeden war es Pflicht, ein angezündetes Kerzchen in der Hand zu tragen, und zu rufen ‚Sia ammazzato chi non porta moccolo!‘ Ermordet werde, der kein Lichtstümpfchen trägt, ruft einer dem andern zu, indem er ihm das Licht auszublasen sucht. Ohne Unterschied, ob man Bekannte oder Unbekannte vor sich habe, sucht man nur immer das nächste Licht auszublasen oder das seinige wieder anzuzünden. Und je stärker das Gebrüll von allen Enden widerhallte, desto mehr verlor das Wort von seinem fürchterlichen Sinn.“ Alle Stände und Alter tobten gegeneinander, die Wärme so vieler Lichter, der Dampf so vieler immer wieder ausgeblasener Kerzen, das Geschrei so vieler Menschen, machten zuletzt selbst den gesündesten Sinn schwindeln, so der Dichter. Wir kennen nicht nur das Bewerfen mit Konfetti an Fastnacht, dessen Bedeutung uns Goethe überliefert hat, sondern auch das Ausschütten von Papierschnipseln bei der Konfettiparade in New York. Hier gilt Konfetti als Zeichen der Freude, der Anerkennung und des höchstens Lobes. Nicht mehr der freudig-spaßig gemeinte Angriff, sondern der Triumph steht im Mittelpunkt – etwa wie beim Werfen der glückbringenden Reiskörner auf ein Brautpaar. Die Ehre, von der Stadt New York und ihren Bewohnern im „Canyon of Heroes“ – wie der Broadway auch genannt wird – mit einer Konfettiparade willkommen geheißen zu werden, ist seit der ersten ticker-tape parade für die Freiheitsstatue im Jahr 1886 vorwiegend politischen Persönlichkeiten, Astronauten sowie Baseballspielern zuteil geworden. 1957 gewann die New Yorkerin Althea Gibson als erste Schwarze die Tennis-Weltmeisterschaften und wurde mit einer Konfettiparade geehrt. Die erste Frau aber, auch das ein Zeugnis für den hohen gesellschaftlichen Stand des Sports in den USA, die mit einer Konfettiparade geehrte wurde, war die Schwimmerin Gertrude Ederle. Die Tochter eines New Yorker Metzgermeisters, die als 21jährige bereits im Besitz mehrerer Schwimm-Weltrekorde sowie olympischer Medaillen war, durchquerte am 6. August 1926 den Ärmelkanal zwischen Frankreich und England. Sie benötigte 14 Stunden und 31 Minuten und war mehr als zwei Stunden schneller als Enrique Tirabocci, der bisherige Rekordhalter. „Trudy of New York“ wurde im Triumphzug durch ihre Heimatstadt geleitet, im Weißen Haus empfangen und erlebte eine Tournee durch die USA. Von der nichtamerikanischen Öffentlichkeit weitgehend unbeachtet, verstarb die 98jährige im letzten Jahr in einem Altersheim bei New York.

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