Die mausgraue Partei

Umringt von Fernsehkameras sind Mitarbeiter des Satiremagazins Titanic in der vergangenen Woche tatsächlich zur Registrierung der von ihnen initiierten „Partei“ beim Bundeswahlleiter vorstellig geworden. Damit es besonders schräg aussieht, haben sie dabei nicht nur eine Sackkarre zur Anlieferung der als notwendig erachteten Unterlagen vor sich her geschoben, sondern waren sogar einheitlich in mausgraue Anzüge gekleidet. Da werden die Beschäftigten der Wiesbadener Behörde verdutzt geschaut haben. So eine sie ihrem grauen Alltag entreißende Gaudi erleben sie ansonsten nur auf den Prunksitzungen der närrischen Zeit.
Die „Partei“, an deren Werden die Öffentlichkeit in diesen Tagen nicht minder Anteil nimmt als am Auftrieb der NPD, ist von ihren Gründern auf keinen anderen Namen als eben „Die Partei“ getauft worden. Dieser ist, darauf konnten sich die Beobachter in den Medien schnell einigen, nämlich plakativ und witzig, vor allem aber geistreich, handelt es sich doch um eine Anspielung auf all jene Massenorganisationen, die der Volksmund einst mit Fug und Recht als „die Partei“ bezeichnete. Und so erfolgreich möchte man, die Pointen nehmen einfach kein Ende mehr, natürlich auch werden. Am besten wäre es, man würde nach der neuerlichen Teilung Deutschlands, die als Hauptziel ausgegeben wird, im Westen und im Osten jeweils die Regierung stellen. Die ersten Voraussetzungen dafür – auch Hitler hat ja einmal ganz klein angefangen – sind bereits geschaffen. 1.200 Mitglieder sollen schon geworben worden sein, die Homepage kündet von der angeblichen Existenz zahlloser Untergliederungen auf lokaler Ebene, und Martin Sonneborn spricht in der Doppelfunktion als Vorsitzender der „Partei“ und Chefredakteur ihres „Organs“ namens Titanic davon, daß man bei den nordrhein-westfälischen Landtagswahlen im kommenden Jahr antreten wolle, notfalls sogar mit Oskar Lafontaine in den eigenen Reihen. Die behauptete Absicht, im alten Grenzgebiet als Vorgeschmack auf die Zukunft schon einmal ein Stück Probemauer zu errichten, rundet das Feuerwerk der guten Laune ab. Die Titanic zeichnet sich heute halt in erster Linie dadurch aus, daß sie eine zündende Idee mit der Liebe zum Detail gehörig auszuwälzen weiß.
Unabhängig davon, daß die Aktion ein breites Echo in den Medien gefunden hat und damit als ein Marketing-Erfolg zu bewerten ist, wirft sie jedoch auch einige Fragen auf. Diese betreffen vor allem die Originalität und das kreative Potential, das man den Spaßverantwortlichen der heutigen Titanic konzedieren kann. So ist der Einfall, in einem vermeintlich satirischen Kontext eine reale „Partei“ ins Leben zu rufen, wenn die Erinnerung nicht täuscht, keineswegs ganz so neu. Noch vor kurzem soll es einen Christoph Schlingensief gegeben haben, der ähnliches betrieb – und dies ungleich unberechenbarer und daher unterhaltsamer. Die Maxime, daß die endgültige Teilung Deutschlands anzustreben sei, ziert das Impressum des Magazins unterdessen seit Urzeiten, als „Programmpunkt“ der „Partei“ ist sie daher nicht gerade taufrisch und lange nach dem Ende der Einheitseuphorie auch nicht unbedingt wider den Stachel löckend. Die kleinen Happenings, mit denen sich die Titanic jene Aufhänger, die sie in der deutschen Wirklichkeit nicht mehr zu erkennen vermag, selber bastelt, sind Routine geworden. Dies merkt man auch dieser uninspirierten Aktion leider an. Zu oft sind ihre Redakteure bereits in die Rolle von SPD-, FDP- oder Sonstirgendetwas-Repräsentanten geschlüpft und haben die lustigen Resultate ihrer Spaßguerilla lang und breit im Heft dokumentiert. Jetzt spielen sie halt ausnahmsweise einmal ihre eigene „Partei“. Aufregend ist das alles also nicht. Eher ein Alarmzeichen. Anlässe für eine Sinnkrise in der Titanic-Redaktion gibt es nämlich zuhauf. Der kürzliche Tod Chlodwig Poths, der vor Augen führte, daß die Gründergeneration der bundesrepublikanischen Satire keine ebenbürtigen Nachfolger gefunden hat. Das Aufscheinen alter Titanic-Koryphäen (Hans Zippert, Achim Greser, Heribert Lenz) als Paradiesvögel in der zahlungskräftigen Qualitätspresse des liberalkonservativen Establishments. Das neuerliche Erscheinen des Traditionstitels Pardon mit seinem strikten Retro-Kurs, der die von der „Neuen Frankfurter Schule“ längst geräumte Nische des Sprachwitzes erfolgreich zu besetzen droht. Vielleicht auch das anstehende 25jährige Jubiläum, das durch die historische Reminiszenz den Blick für den durchlittenen Substanzverlust schärft. Da liegt die Versuchung nahe, einmal aus dem engen Korsett des Print-Journalismus auszubrechen und sich als Comedian zu versuchen. Um hierbei zu reüssieren, bräuchte man jedoch nicht allein eine andere Begabung, sondern vor allem ein anderes Medium, Fernsehen eben. Einen Vorteil hätte das für die ausgebrannten Heiterkeitsexperten der Titanic: Sie müßten ihre Gags nicht mehr selber schreiben. Foto: Deutsche Teilung als Ziel: Martin Sonneborn (r.) und Parteifreunde

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