So oft gesehen und doch so selten

Bei nahezu jedem Rundgang in einem Kunstmuseum wird der Besucher mit dem Begriff „Meisterwerk“ konfrontiert. Dennoch geraten selbst bessere Kenner der Materie in Schwierigkeiten, sobald sie konkret definieren sollen, was sich dahinter verbergen könnte. Aus diesem Grund hat sich das Germanische Nationalmuseum in Nürnberg, zweifellos eine der größten Schatzkammern Deutschlands im Bereich der Kunst des 16. bis 18. Jahrhunderts, im Rahmen einer Sonderausstellung unter dem Titel „Faszination Meisterwerk“ intensiver mit dieser Frage auseinandergesetzt. Besucher sind dazu eingeladen, in neun Räumen bekannte und einige weniger bekannte Werke speziell unter diesem Blickwinkel zu betrachten. Bereits bei der Bestimmung des Begriffes „Meisterwerk“ gibt es Schwierigkeiten. In zahlreichen Lexika zur Kunstgeschichte und Wörterbüchern ist er nicht einmal verzeichnet. Versucht man nun ersatzweise die Fülle von Expertenmeinungen auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen, schält sich folgendes heraus: Meisterwerke sind Arbeiten, die auf ihrem jeweiligen Gebiet „das Übliche“ übertreffen und mit Hilfe des aus der Masse Herausragenden die Könnerschaft ihres Autors belegen. Führt man sich diese beide Bedingungen näher vor Augen, wird die besondere Rolle der Deutungsmacht von Kunsthistorikern und Kunstkritikern deutlich: Sie prägen zumindest die zeitgenössische Wahrnehmung in hohem Maße. Auch der Name eines Künstlers wird den meisten Interessierten zunächst fast ausschließlich durch die Kunstkritik vermittelt. Sich ohne deren Mithilfe einen „großen Namen“ – ein wichtiges Kriterium für ein Meisterwerk – zu verschaffen, ist beinahe unmöglich. Im allgemeinen wählten Kaiser und Fürsten für ihre Porträts in besonderen Situationen (große politische und militärische Erfolge, Machtausweitung, Gefangennahme von Konkurrenten um den Thron) Künstler von international höchstem Rang. Ähnlich verhielt es sich bei Auftragsarbeiten des hohen Klerus. Doch selbst wenn die dargestellten Persönlichkeiten längst nicht mehr lebten, griffen deren Nachfahren bei Historiendarstellungen und Porträts ihrer Ahnen auf Namen zurück, die für Qualitätsstandards bürgten. So auch im Falle des Rates der Stadt Nürnberg, der für die Heiltumskammer im Schoperschen Haus am Hauptmarkt zwei Porträts Kaiser Karls der Großen und Kaiser Sigismunds bei Albrecht Dürer in Auftrag gab. An diesem Ort wurden die Reichskleinodien aufbewahrt, die Kaiser Sigismund 1424 von Prag nach Nürnberg übertragen hatte. Neben Geschichtsdarstellungen erfreuten sich Porträtzeichnungen von Machthabern unter allen Bereichen der Malerei der größten Achtung. Auch im 16. bis 18. Jahrhundert war den Zeitgenossen der Kult um große Persönlichkeiten, der bis zur mythischen Verehrung reichte, keineswegs fremd. Dieser Kult übertrug sich häufig auch auf den Künstler, der mit seinem Werk erst dazu beitrug, daß sich größere Massen ein „Bild“ von der entsprechenden Person machen konnten. Oft mündete er geradezu in einer Form von Heiligenverehrung und offenbarte im modernen Sinne „fetischistische Neigungen“, wie unter anderem anhand eines Luther-Erinnerungsstückes, eines kleinen Utensils vom Rock des Reformators, anschaulich demonstriert wird. Der „große Name“ steht als solcher häufig nicht allein: Große Meister haben Schüler, die mit vergleichbaren Leistungen wie ihre Lehrer aufwarten können – oder diese sogar noch übertreffen. Trotz aller Ähnlichkeit der Werke, die heute eine Entscheidung darüber oft schwer machen, ob das Bild tatsächlich vom „Meister“ selbst oder (zum Teil) von seinen „Gehilfen“ gemalt wurde, ist charakteristisch, daß die talentiertesten Schüler es immer verstanden, sich eine eigene Handschrift zuzulegen. Dies traf sowohl für die Werkstätten von Dürer, Riemenschneider und Cranach als auch von Rubens und van Dyck zu. Ein weiteres Merkmal eines Meisterwerkes ist dessen herausragender Wert für die Kultur- bzw. Kunstgeschichte. Die Voraussetzung dafür ist, daß das Schaffen des Künstlers nicht nur in seiner Epoche, sondern auch bei der Nachwelt mit besonderer Anerkennung bedacht wird. Direkt damit verknüpft ist wiederum das Kriterium der Seltenheit: Selten ist ein Stück im allgemeinen dann, wenn es die oft unbarmherzigen „Ausmusterungen“ späterer Jahrhunderte überlebt und ihm grundsätzlich der Status eines „sammelwürdigen“ Objektes zugestanden wird.
Lange galt die Natur der Kunst als höchstes Vorbild „Meister“ müssen ferner den Mut haben, sich zum Zeitpunkt der Entstehung eher ungewöhnlichen Inhalten und künstlerischen Ausdrucksformen zu widmen. Das bewußte Durchbrechen der Norm – mitunter gegen den Willen des Auftraggebers – erforderte mehr als nur das unerschütterliche Bewußtsein, etwas Besonderes zu leisten. Über viele Jahrhunderte galt als höchstes Qualitätsmerkmal eines Kunstwerks, sich dem Vorbild der „Natur“ möglichst unmittelbar anzunähern: Was der Natur am nächsten kam, genoß den höchsten Stellenwert. Dies bedeutete freilich nicht immer eine Idealisierung: So verstanden es große Künstler auch bei Auftragsarbeiten, in der Darstellung von Menschen charakteristische, auch unschöne Merkmale der Persönlichkeit festzuhalten, teilweise freilich in abgeschwächter Form. Die Präsentation „Faszination Meisterwerk“ maßt sich nicht an, den Besuchern ein allgemein gültiges Muster zur Beurteilung von Meisterwerken anzubieten. Eher ist das Gegenteil der Fall: Ihm wird die Möglichkeit eröffnet, über die aufgeworfenen Ansätze kritisch nachzudenken. Immerhin beweist die Ausstellung auch, daß das Publikum selbst bei bereits gut vertrauten Objekten neue Einsichten gewinnen kann, wenn diese Werke in vollkommen anderer Art und Weise und unter neuen Fragestellungen präsentiert werden. Es ist zu wünschen, daß die dadurch gesteigerte Neugier ein ebensolches Interesse an der generellen Wiederentdeckung der „Alten Meister“ hervorrufen kann. Die Ausstellung „Faszination Meisterwerk“ ist noch bis zum 6. November in Nürnberg im Germanischen Nationalmuseum, Kartäusergasse 1, täglich außer montags von 10 bis 18 Uhr, Mi bis 21 Uhr, zu sehen. Info: 09 11 / 13 31-284. Zur Ausstellung ist ein reich bebildeter Katalog (232 Seiten) erschienen. Bild: Charakterköpfe von Franz Xaver Messerschmidt (1736-1783): Alle Ausmusterungen überlebt

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