Agitprop fürs freie Kiffen

Günter Amendt gehört seit Jahrzehnten zu den unermüdlichsten Befürwortern einer sogenannten Liberalisierung der Drogengesetzgebung. Zu seinen zentralen Thesen zählt u.a. die Behauptung, die einzige Lösung des Drogenproblems bestehe darin, „sich von der Illusion einer drogenfreien Gesellschaft zu verabschieden“. Zudem würden Jahr für Jahr immer mehr Drogenkonsumenten wegen vergleichsweise harmloser Delikte „kriminalisiert“. Amendt weiß natürlich genau, daß davon überhaupt keine Rede sein kann, aber linkspopulistische Thesen kommen bei einem Teil des Publikums gut an, und wer in allerlei Talkshows so charmant und überzeugend über dieses Thema zu plaudern versteht wie der Autor, dem wird dann auch gern geglaubt. Tatsächlich ist es aber so, daß Polizei und Justiz immer öfter beide Augen zudrücken. Befaßt man sich ernsthaft mit den Amendtschen Aussagen, bleibt von ihrer Überzeugungskraft kaum etwas übrig. Im Grunde betreibt er eine Verharmlosungs- und Verdummungspropaganda, dies allerdings mit großem Geschick. Was ist zum Beispiel davon zu halten, wenn er den Konsum von Drogen schlicht zur „Selbstmedikation“ erklärt und die Drogensucht so mit einer Erkältung vergleicht, gegen die man sich in der Apotheke ein paar Halsbonbons besorgt? Und ist es nicht purer Meinungsanarchismus, einerseits die Definition von Drogensüchtigen als Kranke als „Errungenschaft“ zu feiern, andererseits dann die „Krankheit Drogensucht“ als „Lust“, „Spaß“ und „neue Erfahrung“ schönzureden? Die konkrete Bedrohung der leiblichen und geistig-seelischen Integrität des Menschen, der durch die Drogensucht in ein sklavenähnliches Abhängigkeitsverhältnis gerät, interessiert ihn nicht. Wie glaubhaft ist jemand, der den legalen Drogen Alkohol, Tabak und Psychopharmaka, die ja nun weiß Gott bereits genug Schaden anrichten, noch weitere und gefährlichere hinzufügen will? Doch wie weiland 1968 rennt Amendt auch jetzt wieder mit seinen „mutigen“ Forderungen bei seinem „hellwachen Publikum“ offene Türen ein. „Mutig“ daran ist jedoch gar nichts, weil in seiner „antitabuistischen“ Darstellungsweise nicht der kleinste kritische oder analytische Aspekt zur Wirkung kommt. Das völlige Scheitern der von Amendt propagierten liberalen Drogenpolitik in den Niederlanden und der Schweiz, wo solche Experimente auf dem Rücken der Süchtigen – und selbstverständlich finanziert mit den Steuergeldern der Bürger – ausgetragen wurden, spricht Bände. „Harmlos“, wie Amendt suggeriert, ist nicht einmal Cannabis. Das bezeugen fachwissenschaftliche Hinweise, in denen von schweren Hirn- und Leberschäden nach längerem Gebrauch die Rede ist, ganz zu schweigen von seiner Eigenschaft als Einstiegsdroge. Die Klagen von Sozialarbeitern und Psychologen, daß inzwischen bereits elfjährige Schüler ungeniert Haschisch rauchen, werden einfach nicht zur Kenntnis genommen, weil sie nicht ins Konzept passen. Spätestens seit der Cannabis-Wirkstoff bei manchen chronischen Schmerzkrankheiten eine positive Wirkung gezeigt hat, ist jedoch von einer „Dämonisierung“ dieses Rauschmittels, wie der Autor wider besseres Wissen behauptet, in der Gesellschaft nichts mehr zu spüren. Allerdings muß man diese nicht ungefährliche Droge deswegen noch lange nicht einem Personenkreis zur Verfügung stellen, dem es allein um hedonistischen Zeitvertreib und nicht um die Bekämpfung starker Tumorschmerzen geht. Tatsächlich wird Amendts obsessiv propagierte „liberale Drogenpolitik“ längst praktiziert. Von „Null-Toleranz“, wie er schreibt, ist angesichts der lächerlich geringen Strafen für Dealer und eines gesellschaftlichen Indifferentismus und Relativismus gegenüber Drogenproblemen weit und breit keine Spur zu entdecken. Was Amendt als „Repression“ bezeichnet, ist der hilflose Versuch einer überforderten bzw. unwilligen Justiz und der von der politischen Klasse im Stich gelassenen Polizei, mit handzahmen Methoden die Organisierte Kriminalität der Drogenkartelle in den Griff zu bekommen. Hinzu kommt, daß die Justiz in weiten Bereichen längst von Amendts Gesinnungsgenossen unterwandert ist. Daß er auch darüber kein Wort verliert, ist bezeichnend und weist den sogenannten „Tabubrecher“ als ideologischen Türöffner einer drogenverseuchten Gesellschaft aus. Gewiß ist es eine Illusion zu glauben, daß mit einem Verbot auch das Problem verschwindet. Aber Amendt argumentiert hier wie ein unfähiger Arzt, der seinem Patienten erklärt, daß der Kampf gegen dessen Krankheit viel zu lang und zu hart ist, und als Ausweg aus dem Dilemma empfiehlt, die Krankheit doch einfach als Gesundheit anzusehen. Daß ein drogenfreies Leben durchaus möglich ist, beweisen Suchtselbsthilfeorganisationen wie Synanon oder die Suchthilfen Fleckenbühl und Frankfurt – deren Urteil über Amendts Thesen vernichtend ist – in ihrer täglichen Praxis. Und auch eine – zumindest weitgehend – drogenfreie Gesellschaft ist keine Utopie. Sie muß jedoch politisch gewollt sein und mit intelligenten präventiven und – da es ohne sie nicht gehen wird -, auch mit beeindruckenden strafrechtlich-repressiven Maßnahmen durchgesetzt werden. Davon sind wir jedoch leider meilenweit entfernt. Günter Amendt: No Drugs – No Future. Drogen im Zeitalter der Globalisierung. Zweitausendeins, Frankfurt 2004. 206 Seiten, 15,90 Euro Foto: Mariuhana: Als Einstiegsdroge für Jugendliche oftmals unterschätzt

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