Joachim Kuhs

 

Das große Fressen geht los

Vor einigen Tagen gab es Alarm auf dem Flughafen von Nizza an der Riviera. Ein ungeheurer Heuschreckenschwarm hatte sich auf der Piste und den umliegenden Wiesen niedergelassen, Schneepflüge mußten ausrücken, um die dezimeterdicke, raschelnde Biomasse wegzuschieben und den Flugbetrieb wieder in Gang zu bringen. „Menschen kamen nicht zu Schaden“, hieß es schließlich aufatmend im Kommuniqué der Flughafenleitung. In Nordafrika, in den Ländern rund um die Sahara, kann man dergleichen leider nicht sagen. Dort wütet ein „Heuschreckenjahr“, wie es lange keines mehr gegeben hat. Die Ernten in der Sahelzone sind vernichtet, Not steht ins Haus. Alle Flugeinsätze gegen die Schwärme waren vergeblich. Hunderte Tonnen von Kontaktgiften wurden versprüht, eine „chemische Keule“ von noch nie dagewesener Härte kam zum Einsatz. Aber die Heuschrecken fraßen trotzdem alles auf, was grün war. Kein Mensch weiß genau, wie die riesigen Vernichtungszüge zustande kommen, welcher biologische Mechanismus die Schrecken periodenweise zu schier wahnwitziger Vermehrungssucht antreibt. Ihre Eier haben eine dicke Lederhaut und sind gegen äußere Einflüsse faktisch immun. Eines Tages schlüpfen aus ihnen große, kräftige Viecher und formieren sich zu todbringenden Zügen von geradezu irren Dimensionen. Hunderte von Kilometern ist solch ein Zug lang und bis zu zwanzig Kilometer breit. Die Flughöhe beträgt im Durchschnitt 1000 Meter. Aus dieser Höhe stürzt sich die Meute, sobald unten irgendetwas Grünes aufscheint, mit Stuka-ähnlicher Plötzlichkeit auf die Erde und beginnt sofort zu fressen. Innerhalb von Minuten ist auch das ausgedehnteste Mais- oder sonstige Feld leergeräumt. Buchstäblich kein Krümel bleibt übrig. Und das Fatale ist: Die Schrecken haben, außer dem Menschen, kaum Feinde, wenigstens als kompakte Flugformation nicht. Kaum ein Vogel traut sich an die Schwärme heran. Nur vor bestimmten Leguanen und vor den Feneks, den süßen kleinen Wüstenfüchsen mit den großen Ohren, müssen sie sich in acht nehmen. Die Züge der Wanderheuschrecken zählen zu den sprichwörtlichen biblischen Plagen, und zwar völlig zu Recht. Weder Mücken noch Ameisen (von unseren Maikäfern zu schweigen) erreichen auch nur im Ansatz ihr Vernichtungspotential, und als Nahrungsreserve für anderes Getier fallen sie faktisch aus. Man denke dagegen an die Kalorienhaltigkeit vergleichbarer ozeanischer Wanderzüge, an das Plankton, den Krill, die gewaltigen Sardinen- und Sardellenschwärme! Diese ernähren ganze Legionen „höherer“ Arten, sie sind ein reiner Segen für das Leben auf der Erde. Nicht so die Wanderheuschrecken. Sie bilden sich aus Arten, denen man nichts Freund-liches oder Erfreuliches nachsagen kann. Es sind grobe, unansehnliche Tiere, wie von einem ungeschickten Assistenten Gottes geschnitzt, es haftet ihnen etwas Unfertiges und Vorläufiges an. Obwohl sie zu den Insekten zählen, ist ihre „Verwandlung“, jene feenhafte Metamorphose vom Ei über Larve und Puppe zur Imago, welche andere Insektenarten so wundersam macht, nur höchst unvollkommen; aus den Eiern schlüpft gleich die Endstufe, freilich in plumper Ausfertigung, die sich einige Male häuten muß, um „fertig“ zu werden, wobei man nie weiß, was bei ihnen eigentlich wirklich „fertig“ ist. Wanderheuschrecken bilden keine Ehrfurcht gebietenden Superstaaten wie die Ameisen, Termiten oder Bienen. Sie bauen nicht, sie organisieren und differenzieren nicht, sie haben keine Königin, nicht einmal ihr Sexualleben läßt Struktur erkennen. Es gibt bei ihnen keine Liebestänze, keine Melodien, keine todesschwangeren Hochzeiten. Manchmal begatten sie sich, manchmal pflanzen sie sich durch Jungfernzeugung fort, wie es die jeweilige Freßsituation gerade erfordert. Eine Arbeitsgruppe am biologischen Institut der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg unter Leitung von Professor Hans-Jörg Ferenz hat kürzlich herausgefunden, daß die Schrecken bei bestimmten, für den Zug günstigen Witterungsbedingungen einen Dufstoff entwickeln, ein sogenanntes Pheromon – aber nicht etwa um, wie zum Beispiel bei den Schmetterlingen üblich, Weibchen bzw. Männchen anzulocken, sondern im Gegenteil um männliche Exemplare abzuschrecken, um bei ihnen den Sexualtrieb lahmzulegen oder völlig zum Verschwinden zu bringen, damit der große Freßzug ja nicht gefährdet wird. Bei den Schrecken geht es eben immer nur ums Fressen. Außer dieser primären Funktion gibt es bei ihnen faktisch nichts. Verglichen mit ihnen ist noch der Bandwurm ein feinsinniger Formenproduzent. Bezeichnend, wie Jahwe, der Gott, der die Israeliten aus Ägypten führte, die Schrecken in die Reihe der Plagen einordnete, die er gegen Ägypten verhängte. Sie kamen an achter Stelle, als Aufgipfelung und Kulminationspunkt aller natürlichen Übel, die nur denkbar sind; danach gab es nur noch die von Jahwe selbst herbeigerufene Finsternis und die Tötungsaktion des „Erwürgens der Erstgeburt“. Etwas Schlimmeres aus der Natur als die Wanderheuschrecken konnte sich also nicht einmal Gott vorstellen. Begonnen hatte die Reihe der Plagen mit der Verwandlung des Nilwassers in „Blut“, d.h. eine bestimmte Rot-Alge breitete sich in dem Strom trillionenfach aus und machte das Wasser ungenießbar. Danach geschah die Invasion der Frösche, die die Algen zwar auffraßen, davon aber so fett und zahlreich wurden, daß sie ihrerseits zum Problem wurden. Und bald starben sie, „stanken“ und provozierten Pestilenz und Läusebefall, mit anschließendem Donner, Regen und Hagelschlag. Das liest sich beinahe wie die Beschreibung jenes furchtbaren Sommers 2003, der für Europa monatelang Trockenheit und arabische Temperaturen brachte, für die Sahelzone jedoch ungewöhnlich viel Regen, Fäulnis und Ungeziefer – offenbar der ideale Nährboden zur Erzeugung eines anschließenden „Heuschreckenjahrs“, wie wir es nun 2004 haben. Genau wie in der Bibel als achte Plage beschrieben, bedecken die Schrecken nun wieder das Land, „fressen alles Kraut und alle Früchte an den Bäumen“ (2. Mose 10,15), und ihren Schwärmen folgt die sprichwörtliche „ägyptische Finsternis“. Und eng mit diesen finalen Plagen verquickt ist die zehnte, das „Erwürgen der Erstgeburt“. Mörderbanden zur Vertilgung von Gottesfeinden sind unterwegs, in Darfur, im Sudan und anderswo. Man könnte vor alledem fast abergläubisch werden. Vorerst ist freilich kein wissenschaftlicher Zusammenhang zwischen den Zügen der Wanderheuschrecken und dem grassierenden Politterror nachweisbar. Foto: Wanderheuschrecke: „Grobe, unansehnliche Tiere, wie von einem ungeschickten Assistenten Gottes geschnitzt“

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