Stelldichein der Wattebäusche

A lle Jahre wieder im Juni, zwischen dem „Karneval der Kulturen“ am Pfingstwochenende und der Love Parade Mitte Juli, wird in Berlin der Christopher-Street-Day (CDS) veranstaltet. In diesem Jahr werden dazu 500.000 Teilnehmer erwartet. Der CSD hat für die Homosexuellen- eine ähnliche Bedeutung wie der 1. Mai für die Arbeiterbewegung: ein Tag, an dem sie öffentlich den Anspruch auf gesellschaftliche Emanzipation und Gleichberechtigung erheben wollen. Doch wie der 1. Mai ist auch der CSD – als Politikum – in die Krise geraten. Denn wovon muß die deutsche Schwulenszene sich heute noch emanzipieren? Das diesjährige Motto klingt so unverbindlich wie eine Karstadt-Werbung mit Verona Feldbusch: „Wir machen Berlin anders – weltoffen, tolerant, queer“. Berlins schwuler Bürgermeister Klaus Wowereit hat die Regenbogenfahne am Roten Rathaus gehißt und wird eine Ansprache halten, Bundestagspräsident Wolfgang Thierse und die grüne Bundesministerin Renate Künast werden bei der CSD-Parade am 22. Juni vom ersten Paradewagen winken, Rita Süssmuth, die Hamburger Bischöfin Maria Jepsen und die Grüne Claudia Roth bekommen einen „Preis für Zivilcourage“, und ein Berliner Lokalsender überträgt alles live. Man ist angekommen in der „Mitte der Gesellschaft“. Soviel Harmonie fordert zur Sezession heraus. Im Bezirk Kreuzberg findet deshalb ein eigener CSD statt, dessen Veranstalter davon träumen, die Schwulenbewegung als revolutionäres Potential zu mobilisieren: „Wir wollen gemeinsam für eine Änderung der gesellschaftlichen Verhältnisse feiern und demonstrieren, und nicht für eine Integration in diese!“ In Wahrheit reicht es nur zur verbalen Kraftmeierei von der Sorte: „Stoppt den alltäglichen Rassismus!“, „Gegen Rassismus in der Medizin!“ – das zielt wohl auf den weltweiten Gesundheitstourismus von Aids-Patienten ins deutsche Sozialsystem – und schließlich: „Soziale Absicherung statt Sicherheitsterror!“ Wer würde wenigstens da nicht von Herzen zustimmen? Entsprechend unspektakulär sind auch die Szene-Zeitschriften, die in zahlreichen Berliner Lokalen als Gratis-Exemplare ausliegen. Viel Lifestyle, Kultur, Szene-Nachrichten und der übliche Klatsch über Tagesschau-Sprecher Jens Riewa. Politische Themen werden, wenn überhaupt, mit einer überholten, leicht infantilen Kampfrhetorik abgehandelt, die einer kritische Selbstreflexion entgegensteht. Neuerdings gilt das Adoptionsrecht schwuler Paare als Gradmesser der gesellschaftlichen Gleichberechtigung, wobei man sich kaum in die Perspektive der Kinder versetzt. Und daß ein Antidiskriminierungsgesetz die Umkehrung der Beweislast beinhaltet und sich dieses Verfahren auch gegen die eigene Klientel wenden könnte, interessiert ebenfalls nicht. Die Welt bleibt sauber sortiert: Böse sind der Papst, der CSU-Rechtspolitiker Norbert Geis, die allgegenwärtigen Nazis (oder „Rechte“), manchmal auch die „Mitte der Gesellschaft“. Gut hingegen sind Wolfgang Thierse, Multi-Kulti, die Grünen und die PDS. Die Szene-Presse hantiert mit einem naiven Toleranz-Begriff, der mit der gesellschaftlichen Wirklichkeit nicht viel zu tun hat. Mitunter schlägt die Sprache der „Political correctness“, auf die sie schwört, auf sie selbst zurück. So war das – inzwischen eingestellte – „Schwule Überfalltelefon“, das Berichte über Übergriffe sammelte und öffentlich machte, in den „Rassismus“-Verdacht geraten, weil als Täter überwiegend Türken und Araber genannt werden mußten. Wie wird auf die Ermordung Pim Fortuyns reagiert? Der HochglanzzeitschriftSergej fällt dazu gar nichts ein, und dieSiegessäule hat einen ratlosen Volontär einen ratlosen Artikel verfassen lassen, in dem Fortuyn als Mann der „markigen Sprüche“ und „populistischen Äußerungen“ vorgestellt wird, der seine Affekte vor allem gegen den Islam richtete. „Seine Abneigung gegen diese Reli-gion wurde verstärkt, als
in den Niederlanden lebende Imaniten, Anhänger einer islamistischen Partei, jüngst die Todesstrafe für Homosexuelle forderten.“ Die Empörung der Siegessäule gilt interessanterweise nicht den muslimischen Volksverhetzern, sondern Fortuyn: „Ein sofortiges Einreiseverbot für Muslime war seine Antwort.“ Gemeint ist natürlich: Die Forderung nach einem Verbot! „Nicht nur Pim Fortuyn wurde Mitte Mai zu Grabe getragen, mit ihm auch die tolerant eingestellten Niederlande“, heißt es zum Schluß. Also war er doch „ein Guter“? Man sieht, Konfusion auf der ganzen Linie. Weit kompetenter als die Hauptstadt-Blätter berichtet die Kölner Monatszeitung Queer. Unter der Schlagzeile „Entsetzen auch in der Szene“ wird vor allem die Reaktion in den Niederlanden referiert. Fortuyn hatte einer holländischen Schwulenzeitung unter anderem gesagt: „Die Freiheit der Meinungsäußerung ist in meinen Augen wichtiger als das Recht auf Nichtdiskriminierung.“ Er war gegen das Adoptionsrecht schwuler Paare: „Kinder haben ein Recht auf eine Familie mit einem Vater und einer Mutter. Ich finde, daß man keine Kinder innerhalb einer schwulen oder lesbischen Beziehung in die Welt setzen sollte.“ Er war auch gegen die weltweit einmalige Einführung der bürgerlichen Ehe für gleichgeschlechtliche Paare in den Niederlanden (die eine ganz andere Qualität hat als das Partnerschaftsgesetz in Deutschland, das fälschlich „Homoehe“ genannt wird). Die Kölner Kollegen erwähnen einen Kriminalfall aus Berlin, den die Berliner Zeitschriften schamhaft verschweigen: Ausgerechnet am Pfingstsonntag, am Karneval der Kulturen, der offiziell „für ein tolerantes Miteinander aller Nationen und Menschen wirbt“, wurden mitten in Kreuzberg zwei Düsseldorfer Schwule von fünf jungen Männern, „vermutlich türkischer Herkunft, angepöbelt und als schwule Dreckschweine“ beschimpft und zusammengeschlagen. Die Polizei nahm drei der Angreifer vorläufig fest, die noch im Polizeigewahrsam Gelegenheit hatten, ihre Opfer weiter zu bedrohen. Diese haben einen Brief an den Bürgermeister und an den Parlamentspräsidenten Walter Momper (beide SPD) geschrieben: „Was gedenkt der Senat in Zukunft zum Schutz der schwulen und lesbischen Bürger zu unternehmen, oder dürfen sie weiterhin verfolgt, diskriminiert und auf offener Straße angegriffen und zusammengeschlagen werden wie Freiwild, ohne entsprechende Bestrafung der Angreifer?“ Übrigens hat ein flämischer Geschäftsmann einen alljährlichen Pim-Fortuyn-Preis für Persönlichkeiten ausgelobt, die sich im Geiste des Namensgebers „für ein friedliches Zusammenleben, Toleranz und Integration von Lesben, Schwulen, In- und Ausländerinnen“ einsetzen. Falls dieser auf einem der nächsten CSDs verliehen würde, wäre das ein Zeichen, daß seine Veranstalter sich von den eigenen ideologischen Beschränkungen und der Projektion, nach wie vor einer gepeinigten Minderheit anzugehören, emanzipiert hätten. Dann hätte die Veranstaltung auch als Politikum wieder einen Sinn.

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