Götz George (l.) als TV-Kommissar Horst Schimanski: Der Ruhrpott-Rambo prägte den "Tatort" Foto: picture alliance / United Archives | IFTN
Götz George (l.) als TV-Kommissar Horst Schimanski: Der Ruhrpott-Rambo prägte den „Tatort“ Foto: picture alliance / United Archives | IFTN

40 Jahre Horst Schimanski
 

Vom Ruhrpott-Rambo zur toxischen Männlichkeit

Ein mittelalter Mann schlurft durch seine vermüllte Wohnung. Das Spülbecken ist vollgestapelt mit dreckigem Geschirr. Weil keine saubere Pfanne zur Hand ist, gibt es die Frühstückseier roh aus dem Glas. In einer grauen Armeejacke geht es dann durchs Viertel. Aus einem Fenster fliegt begleitet von Flüchen ein Fernseher auf die Straße.

„Hotte, du Idiot, hör auf mit der Scheiße“, brüllt der Jackenträger. Es waren die ersten Worte des TV-Kommissars Horst Schimanski im ARD-Tatort „Ruhrort“. Mit dem Erscheinen des stets schmuddeligen Ermittlers auf dem Bildschirm begann am 28. Juni 1981 eine neue Zeitrechnung im bundesrepublikanischen Fernsehprogramm.

Das Medienecho auf den von Götz George verkörperten Polizisten war vernichtend. Allen voran die Neue Ruhr Zeitung forderte die Verbannung der Figur. „Der Ruhrpott kocht: Sind wir alle Mörder oder Trinker?“, empörte sich die Bild-Zeitung.

Schimanski war als Provokation geplant

Ein Gesetzeshüter, der auch im Dienst dem Alkohol nicht abgeneigt ist, der die Fäuste fliegen läßt und oft als Erster zuschlägt, der sich mit seinen Vorgesetzten und gefühlt der halben Welt anlegt und Frauen anbaggert, das war vor 40 Jahren unerhört.

Schimanski ging in seinen Fällen im Milieu auf Tuchfühlung Foto: picture-alliance / KPA Copyright | -
Schimanski ging in seinen Fällen im Milieu auf Tuchfühlung Foto: picture-alliance / KPA Copyright | –

Wie der WDR, der Haussender von Schimanksi, der in Duisburg Verbrecher jagte, später zugab, lag die Figur seit den späten 1970ern fertig in der Schublade. Jedoch traute man sich schlicht nicht, das dem Publikum zuzumuten. „Zu extrem“, so lautete die Befürchtung.

Dabei war die Provokation von den Schöpfern der Figur von Anfang an beabsichtigt. George erinnerte sich, daß die an der Geburt des Ermittlers beteiligten Personen fast alles 68er gewesen seien. „Wir wollten etwas Anarchistisches machen. Das war ja auch die Rückwirkung der 68er“, so das Fazit des 2016 verstorbenen Darstellers.

Kollege Thanner war der deutsche Beamte aus dem Bilderbuch

Zur 68er-DNS der Figur gehörte auch sein ständiges Aufbegehren und Infragestellen von Obrigkeiten. Ob die Vorgesetzten, Staatsanwälte oder Reiche, Schimanski ging meist auf Konfrontationskurs. Als Ausdruck sozialromantischer 68er-Träume verkehrte er in heruntergekommenen Kneipen mit den Abgehängten, mit Gastarbeitern (wie man damals „Menschen mit Migrationshintergrund“ noch nannte) und Trinkern.

Diesem „Robin Hood mit Dienstmarke“ (WDR) stellten die Drehbuchautoren mit Kriminalhauptkommissar Christian Thanner (gespielt von Eberhard Feik) das Paradebeispiel des spießigen deutschen Beamten zur Seite. Stets im Anzug unterwegs, penibel auf Vorschriften achtend, so mußte es zwischen den ungleichen Charakteren ständig krachen.

Ein ungleiches Ermittler-Paar: Schimanski (r.) und Thanner Foto: picture alliance / Horst Galuschka dpa | Horst Galuschka
Ein ungleiches Ermittler-Paar: Schimanski (r.) und Thanner Foto: picture alliance / Horst Galuschka dpa | Horst Galuschka

„Dick und Doof“ nannte George die Figurenkonstellation einst und verglich sie mit einem alten Ehepaar, das sich nicht mochte, aber im Grunde doch. Die heutigen Tatort-Ermittler aus Münster, Frank Thiel (Axel Prahl) und Karl-Friedrich Börne (Jan-Josef Liefers), wirken wie eine harmlosere Kopie von Thanner und Schimanski.

Schimanski hinterließ tiefe Spuren

Trotz der Kritik an den Duisburger Tatort-Folgen schalteten immer mehr Zuschauer am Sonntag abend ein und schlossen das Team ins Herz. Offenbar traf Schimanski im Jahrzehnt, in dem sich die Grünen in der Politik etablierten, einen Nerv. Bis 1991 entstanden 29 Folgen mit George als Horst Schimanski. 1985 und 1987 gab es als Novum der Krimireihe noch zwei Kinofilme. Zwischen 1997 und 2013 folgten noch 17 Filme mit dem schlichten Titel „Schimanski“.

Wie stark der Ruhrpott-Rambo auf die Serie gewirkt hat, zeigen auch die aktuellen Ermittler-Teams. Mittlerweile tummeln sich lauter schmuddelige, möglichst unangepaßte Kommissare in den ARD-Revieren. Sei es der Dortmunder Faber, unrasiert im Gammel-Parka. Der Münsteraner Kommissar Frank Thiel, der im St. Pauli-Totenkopf-T-Shirt aufläuft. Die ewigen Münchner Junggesellen Ivo Batic und Franz Leitmayr, die ebenso den Typ einsamer Wolf verkörpern, wie der Konventionenbrecher aus dem Ruhrpott.

Schimanski reicht für drei metoo-Kampagnen

Was vor vier Dekaden die Zuschauer zunächst aufschreckte, hat auch heute noch sein Provokationspotential – allerdings unter gewandelten Vorzeichen. Für die seit Jahrzehnten linksgeprägten Zuschauer insbesondere der jüngeren Jahrgänge muß Schimanski wie die Verkörperung totaler toxischer Männlichkeit erscheinen.

Schimanski ist der gewalttätige, trinkende weiße Mann, der Frauen so offensiv anbaggert, daß es für mindestens drei metoo-Kampagnen pro Folge reichen würde. Eine solche Filmfigur würde heute wohl auch in der Schublade des Drehbuchautors versauern. „Zu extrem“, wäre sicherlich das Urteil, würde man dem WDR diesen Schimanski im Jahr 2021 vorstellen.

Herzlichen Glückwunsch, Schimanski.

Götz George (l.) als TV-Kommissar Horst Schimanski: Der Ruhrpott-Rambo prägte den „Tatort“ Foto: picture alliance / United Archives | IFTN
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