Maybritt Illner
Maybritt Illner: Nicht den Eindruck erwecken, daß die Sorgen der Demonstranten nicht ernst genommen würden Foto: Screenshot ZDF
Maybritt Illner

Sind die Sorgen der Demonstranten berechtigt?

In der Sendung von Maybrit Illner diskutierten die Moderatorin und ihre Gäste am Donnerstag abend über die wachsenden Demonstrationen gegen die sogenannten Corona-Schutzmaßnahmen. Also über die Proteste derer die, wie es der Journalist Nikolaus Blome ausdrückte, „mit dem Begriff Veränderung nichts besonders Gutes verbinden“, weil sie bei der von vielen prophezeiten Neuordnung des Alltags- und Wirtschaftslebens, „eher nervös werden als neugierig“. Die größte Sorge des ehemaligen stellvertretenden Chefredakteurs der Bild-Zeitung ist es, so konnte man deutlich vernehmen, daß aus den Kundgebungen dieser besorgten Bürger wieder einer „Massenbewegung“ wird wie damals Pegida.

Die Runde gab sich sichtlich Mühe, nicht den Eindruck zu erwecken, daß sie die Sorgen der Demonstranten nicht ernst nehmen oder die Proteste für illegitim erklären würden. Im Grunde sollte das eine Selbstverständlichkeit sein ­– die aber, nach den oft sehr elitär anmutenden Äußerungen gerade aus den Kreisen, in denen sich die Gäste normalerweise bewegen, fast schon den Charakter einer epidemiepolitischen Perestroika hatte.

Keine Beschimpfungen an diesem Abend

Der saarländischen Ministerpräsident Tobias Hans (CDU) sprach gar von dem Demonstrationsrecht als das „Königsrecht der Demokratie“. Das waren doch deutlich andere Töne, als sie viele seiner Politikerkollegen in den vergangenen Tagen und Wochen von sich gegeben hatte. Von abgehobenen Beschimpfungen der „Covidioten“, wie sie die digitale Bohème in den sozialen Netzwerken und anderswo derzeit anschlägt, sahen zumindest an diesem Abend alle Beteiligten ab.

Der kontroverseste und somit interessanteste Gesprächsgast der gestrigen Gesprächsrunde war lediglich zugeschaltet. Boris Palmer (Grüne), der wegen seiner scharfen Kritik am anhaltenden Lockdown auch in seiner eigenen Partei massiv in die Schußlinie geraten war, prangerte die „moralisierende Alternativlosigkeit“ in der öffentliche Debatte um die Corona-Maßnahmen an, welche die „Gegenöffentlichkeit“ im Internet überhaupt erst habe entstehen lassen. Der Grünen-Rebell weist einmal mehr auf die Opfer des „Shutdowns“ hin. Diese müßten gegenüber den potentiellen Corona-Toten abgewogen werden.

Palmers vor kurzem getätigte Skandaläußerung, wonach man durch die aktuellen Grundrechtseinschränkungen, Menschen rette, die in einem halben Jahr vielleicht sowieso sterben würden, schwächte der Grüne in der Form ab und entschuldigte sich. Doch auch das wollte der Immunologe Michael Meyer-Hermann nicht stehen lassen.

Selten hat man sich einen Faktencheck mehr als diesmal gewünscht

Der Leiter der Abteilung Systemimmunologie am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig erwähnte Studien, wonach Menschen, die an den Folgen von Corona gestorben sind, noch neun bis zehn Jahre gelebt hätten. Wenn das stimmen sollte, wären wir angesichts des Alters des durchschnittlichen Corona-Toten, ohne das Virus wohl eine Nation von Jopi Heesters geworden.

Der Infektionsforscher, der sich in den vergangenen Wochen bereits in verschiedenen Interviews und auch in der Talkshow von Anne Will gegen Lockerungen ausgesprochen hat, zitiert auch noch eine andere Studie der zufolge der deutsche „Lockdown“ der optimale Weg gewesen sei. Als Zuschauer hat man sich selten so sehr einen Faktencheck gewünscht, als bei diesem wild mit Studien um sich werfenden Professor.

Abseits der wie auch immer einzustufenden Wissenschaft und der schnöden Politik wurde es gegen Ende der Sendung noch einmal richtig philosophisch. Geradezu erschreckend philosophisch, möchte man sagen, wenn man die Appelle ans Kollektiv der Vorsitzende des Europäischen Ethikrates, Christiane Woopen, gehört hat.

„Jeder von uns hat in den letzten Monaten etwas verloren“, sagte Woopen, die in den vergangenen Jahren vor allem in etlichen Kommissionen auf nationaler und europäischer Ebene saß. „Was wir aber doch jetzt gewärtigen können ist, daß wir auch alle gemeinsam was gewonnen haben.“ Nämlich: Das „Bewußtsein“ dafür, „daß es notwendig ist, in der Gemeinschaft zu sein und zusammen zu halten“.

Steile Thesen

Eine These, die, nicht nur angesichts des von oben verordneten „Social Distancings“, besonders steil wirkt. „Nur die Gemeinschaft wendet die Not“, sagt die Medizinethikerin in Staats- und EU-Auftrag, unter dem zustimmenden Nicken des CDU-Ministerpräsidenten Hans. Woopen warnte die Menschen davor, sich aus Angst spalten zu lassen und glaubt, „wir“ stünden am „Beginn einer Zeitenwende“.

Ob der Bürger vor dem Fernseher überhaupt Teil von ihrem „wir“ sein und mit ihr in eine neue Zeit gehen möchte, fragt die politisch-ethisch-medizinische Philosophin nicht. Für solche Fragen haben große Denker und Gesellschaftslenker ­– nicht erst seit Marx – sowieso nur selten Zeit und Muse gefunden.

Woppen macht sich lieber Gedanken über das „Gestalten“ für die Digitalisierung und möchte schauen, „wie wir uns für eine Art nächste Krise wappnen“. Gerade so, als könnten wir uns eine solche nach dem Shutdown überhaupt noch leisten. So hat die TV-Diskussion der Eliten am Ende zumindest eines deutlich bewiesen. Die Sorgen der Demonstranten auf der Straße, vor den ihnen von oben auferlegten Veränderungen, sind absolut berechtigt.

Maybritt Illner: Nicht den Eindruck erwecken, daß die Sorgen der Demonstranten nicht ernst genommen würden Foto: Screenshot ZDF

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