Ex-Spiegel-Journalist Claas Relotius bei der Verleihung des Preises „CNN-Journalist des Jahres 2014“ neben seiner Laudatorin, der heutigen bayerischen Landtagspräsidentin Ilse Aigner (CSU) Foto: picture alliance/ dpa
Medienskandal

Interne Prüfung beim Spiegel: Zahlreiche Relotius-Texte gefälscht

HAMBURG. Bei der Mehrheit der bisher vom Spiegel überprüften Texte seines ehemaligen Autors Claas Relotius handelt es sich nach Angaben des Magazins um Fälschungen. Von den rund 60 Texten, die Relotius für das Blatt geschrieben hat, sind derzeit 28 geprüft und das Ergebnis auf Spiegel Online veröffentlicht worden.

Bei über der Hälfte der geprüften Texte handelt es sich demnach um offensichtliche Fälschungen und Dramatisierungen. Darunter befinden sich auch Interviews, die der Autor nachweislich nie geführt hat: etwa ein Gespräch mit den Eltern der 17 Jahre alten US-Amerikanerin Michelle Carter, die zu einer Haftstrafe verurteilt wurde, weil sie einen Bekannten zum Selbstmord ermutigt hatte. Auch ein Telefongespräch, das Relotius mit den Eltern des US-Footballspielers Colin Kaepernick geführt haben wollte, hat nie stattgefunden, wie Relotius selbst mittlerweile eingeräumt habe.

Erfundenes Zitat von Weiße-Rose-Überlebender

Unter den Fälschungen sind auch Zitate, die Relotius der mittlerweile 99jährigen Überlebenden der Widerstandsorganisation „Weiße Rose“, Traute Lafrenz, in den Mund gelegt hat. Lafrenz soll zu den Ereignissen in Chemnitz aus dem Sommer vergangenen Jahres damals gesagt haben: „In einer amerikanischen Zeitung habe ich aktuelle Fotos aus Deutschland gesehen – mir ist ganz kalt geworden.“ Auf Nachfrage gab Lafrenz an, weder Fotos aus Chemnitz gesehen noch mit Relotius darüber gesprochen zu haben.

Um seine Fälschungen zu vertuschen hat Relotius zudem unter einem Vorwand versucht, bestimmte Texte von der Spiegel Online-Seite entfernen zu lassen. Ein Junge, über den er in einem Text geschrieben habe, werde an seiner Schule gemobbt. Er habe nur unter der Voraussetzung über ihn schreiben dürfen, daß die Geschichte nicht online zu lesen sei. Damit wollte er laut Spiegel Online Recherchen von Betroffenen aus dem Wohnort des Jungen unmöglich machen, um so sein Geheimnis zu wahren. (tb)

Ex-Spiegel-Journalist Claas Relotius bei der Verleihung des Preises „CNN-Journalist des Jahres 2014“ neben seiner Laudatorin, der heutigen bayerischen Landtagspräsidentin Ilse Aigner (CSU) Foto: picture alliance/ dpa

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