Filmszene: „Charlie Hebdo“ empörte die Gemüter der anwesenden Prozeßbeobachter in Paris 2007 Foto: Phoenix
Filmszene: „Charlie Hebdo“ empörte die Gemüter der anwesenden Prozeßbeobachter in Paris 2007 Foto: Phoenix
TV-Tipp

Das Vorspiel zum Charlie-Hebdo-Attentat

Wir benötigen unverschämte, unabhängige Journalisten wie die von Charlie Hebdo“, betont Daniel Leconte, der den Dokumentarfilm „Der Fall Charlie Hebdo“ (französischer Originaltitel: „C’est dur d’être aimé par des cons“, zu deutsch: „Es ist hart, von Idioten verehrt zu werden“) gedreht hat. Erstmals wird dieser nun im deutschen Fernsehen ausgestrahlt. Im Mittelpunkt steht der Gerichtsprozeß der französischen Satirezeitung Charlie Hebdo, die wegen der 2006 veröffentlichten Mohammed-Karikaturen angeklagt worden war.

Die zwölf umstrittenen Zeichnungen zeigen den Propheten mit einer Bombe im Turban oder ihn am Himmelstor stehend, während er den um Einlaß bittenden Terroristen verkündet, daß die Jungfrauen ausgegangen seien. Höhepunkt der Bildserie ist das Cover der Ausgabe, das einen verzweifelten Mohammed mit den Worten „Es ist hart, von Idioten verehrt zu werden“ darstellt.

Damit visierte die Satirezeitung die Fundamentalisten des Islam an, die in dessen Namen Gewalt verüben und morden. Daraufhin bezichtigten die Große Moschee von Paris, die Islamische Weltliga und die Union der islamischen Organisationen Frankreichs Charlie Hebdo des Rassismus und Mißbrauchs der Pressefreiheit: Eine Personengruppe dürfe nicht aufgrund ihrer Zugehörigkeit zu einer Religion verurteilt werden, zumal die Karikaturen eine Gleichstellung aller Moslems mit Terroristen nahelegten.

Im Saal durfte nicht gefilmt werden

Nachdem Philippe Val, der Chefredakteur von Charlie Hebdo, Leconte angeboten hatte, einen Film über den Prozeß zu drehen, begleitete dieser die Redaktion am 7. Februar 2007 zum Gerichtssaal, in dem selbst nicht gefilmt werden durfte. Die Gespräche wurden aber notiert und im Anschluß an die Verhandlungen mit den jeweiligen Personen nachgestellt, um den Verlauf des Prozesses genau wiederzugegeben. Darüber hinaus ermöglichen Ausschnitte von Redaktionssitzungen einen Einblick in die Arbeit der Redaktion. Dazu kommen Interviews mit Anwälten, Journalisten, Intellektuellen und Zeugen.

Vor den Gerichtssälen zeugen wutentbrannte Bürger von ihrer Betroffenheit: Moslems tadeln die Publikation wegen ihrer beleidigenden Zeichnungen, wohingegen andere sie mit Blick auf die Pressefreiheit verteidigen. Leconte betrachtet den Prozeß nicht als Abrechnung, sondern als „Möglichkeit, die Debatte auf das anspruchsvollste Niveau zu heben, das es gibt, damit sie in Einklang mit den Werten der Republik und denen des Laizismus trete“.

Bei der juristischen Auseinandersetzung um Charlie Hebdo ging es um mehr als die Verteidigung von Presse- und Meinungsfreiheit, nämlich auch um Terrorismus, um den richtigen Umgang mit dem gewaltbereiten Islam und die Art, wie religiösen Fanatikern entgegenzutreten sei. Auf die Forderung der Kläger nach Gleichbehandlung verweist Richard Malka, der Anwalt von Charlie Hebdo, auf die obszönen Karikaturen, die der christlichen Kirche sowie dem Judentum gewidmet sind. Würde der Islam von Satirikern ausgenommen, läge tatsächlich eine Diskriminierung vor, so Malka. Leconte hob hinterher hervor: „Dieser Film spricht filigran über die Autozensur eines Großteils der Presse.“ Er wirft der Zunft vor, von Pressefreiheit zu schwatzen, aber in Schockstarre zu verfallen, wenn eine Gruppe sie machtvoll in Frage stelle.

Wo liegen die Grenzen der Pressefreiheit?

Kritiker geißelten den Prozeß als hervorragenden Schachzug für die Wahlkampfkampagnen der Politiker François Hollande, Nicolas Sarkozy und des zentristischen Präsidentschaftskandidaten François Bayrou. Vor der Kamera erklärte Hollande die Pressefreiheit für nicht „verhandelbar“. Ohne sie wäre die Französische Republik nicht jene, die er kenne, und zu ihrer Aufgabe gehöre es, gegen den Fundamentalismus vorzugehen.

Dagegen beschränkte sich Sarkozy, der selbst regelmäßig als Zielscheibe für die Karikaturisten herhalten mußte, auf ein Fax mit den Worten: „Besser zu viele Karikaturen als gar keine.“ Die politische Tragweite soll sich unter anderem in der Korruption widerspiegeln, von der Denis Jeambar, der damalige Chefredakteur der rechten Wochenzeitung Express, berichtet. Ihm zufolge soll Präsident Jacques Chirac eine Verurteilung Charlie Hebdos in Kauf genommen haben, da wenige Tage später wichtigeVerhandlungen mit Saudi-Arabien bevorstanden.

Nicht zuletzt trägt der Film dazu bei, das Attentat vom 7. Januar 2015 besser zu verstehen. Sieben der gefilmten und interviewten Karikaturisten, die in dem Prozeß freigesprochen worden sind, starben während des islamistischen Anschlages auf die Redaktion. Diese wichtige Information wird eingeblendet.
Ein Film, den es nicht zu verpassen gilt, wenn der Zuschauer alles über die Satirezeitung sowie die Presse- und Meinungsfreiheit wissen möchte. Der Streifen behandelt die Frage, wo deren Grenzen liegen und wann von einer Beleidigung und Diskriminierung gesprochen werden darf.

Der Fall Charlie Hebdo – Karikaturisten unter Anklage. Dokumentation, Phoenix, Donnerstag, 1. Oktober, 20.15 Uhr

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