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Neue Dissertation: Aus „Antisemitismusforschung“ mach verdeckte Ermittlung

Neue Dissertation: Aus „Antisemitismusforschung“ mach verdeckte Ermittlung

Neue Dissertation: Aus „Antisemitismusforschung“ mach verdeckte Ermittlung

Tumulte während der Räumung eines propalästinensischen Besatzungscamps an der HU Berlin: In diesem Gewand tritt ein neuer Antisemitismus an den Hochschulen hervor. (Themenbild)
Tumulte während der Räumung eines propalästinensischen Besatzungscamps an der HU Berlin: In diesem Gewand tritt ein neuer Antisemitismus an den Hochschulen hervor. (Themenbild)
Tumulte während der Räumung eines propalästinensischen Besatzungscamps an der HU Berlin: In diesem Gewand tritt ein neuer Antisemitismus an den Hochschulen hervor. Foto: picture alliance / ZUMAPRESS.com | Michael Kuenne
Neue Dissertation
 

Aus „Antisemitismusforschung“ mach verdeckte Ermittlung

Eine Dissertation setzt sich zum Ziel, den Antisemitismus an Universitäten in Deutschland zu erforschen. Doch die Interviewmethoden sind bestenfalls fragwürdig – und die Befragten werden ohne Not bloßgestellt.
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Mehr als ein halbes Jahrhundert galt Antisemitismus als eine Domäne der Rechten und die Bekämpfung antijüdischer Ressentiments gleichsam als Synonym für den „Kampf gegen Rechts“. Während die Forschung vor fünfzig Jahren noch einem Drittel der Bundesdeutschen offenen Antisemitismus unterstellte, ließ man in späteren, auf Repräsentativität angelegten Bevölkerungsumfragen eine gewisse Zurückhaltung walten und betonte lieber, daß das gefährliche „Gerücht“ aus der Mitte der Gesellschaft käme.

Die Zustimmungsraten zu antijüdischen oder judenkritischen Äußerungen gingen seit 2000 auf unter zehn Prozent zurück. Allerdings glaubte man, parallel zu den sinkenden Zahlen, neben dem ausgeprägten Antisemitismus auch einen heimlichen aufzuspüren, der durch die Ausdifferenzierung in bis zu neun verschiedenen Erscheinungsformen, insbesondere durch einen hinzugefügten Israelbezug, dann wieder 20 Prozent erreichte und überschritt.

Mit der Eskalation des Nahostkonflikts hat sich die offizielle Sichtweise verändert. Empört von den Aktivisten bestritten, trat an den Universitäten im Gewande der Palästina-Solidarität ein neuer Antisemitismus hervor: antiisraelisch und antikolonialistisch getönt. Das Problem steht wie der berüchtigte Elefant im wissenschaftlichen Raum. Wie soll man es, sozusagen im eigenen Beritt und ohne Risiko der Nestbeschmutzung, erforschen? Nun hat sich ein Reserveoffizier der Bundeswehr der Sache angenommen und einen ersten Zugriff gewagt.

Johannes Sosada:
Gebildeter Antisemitismus an Universitäten in Deutschland. Orte der Toleranz? Nomos Verlag, Baden-Baden 2025, broschiert, 374 Seiten, 94 Euro. Auch kostenfrei als PDF erhältlich.

Die Interviewpartner wußten nicht, wovon das Interview handelte

In der allgemeinen Herleitung seines Themas überrascht Johannes Sosada mit der Behauptung, daß Antisemitismus „maßgeblich von gebildeten Menschen tradiert“ werde. Damit werden bisherige Umfrageergebnisse, die durchgehend ein Umkehrverhältnis zwischen Bildungsstand und dem Grad des Antisemitismus konstatieren, geradezu auf den Kopf gestellt. Dabei stützt sich der Autor im wesentlichen auf Schätzungen einer Professorin (der Antisemitismusforscherin Monika Schwarz-Friesel an der TU Berlin), bei der er promoviert und die er etwa dreihundertmal zitiert.

Der Doktorand fragte, welche Formen von Antisemitismus unter Studenten an deutschen Universitäten präsent seien und wie sie artikuliert werden. Dazu führte er im Zeitraum von zwanzig Monaten (vor dem großen Terrorschlag der Hamas im Oktober 2023) dreißig Interviews an sechs Universitäten. Das ist nicht eben berauschend, auch wenn es sich ja um eine qualitative Studie handelt, bei der es auf Zahlen und Repräsentativität nicht ankommt.

Nun ist man sich in Kreisen der „Forschenden“ der Tatsache bewußt, daß nicht nur bei gemeinen Bürgern, sondern auch bei „Gebildeten“ mit Reaktionen zu rechnen ist, die das Resultat verzerren können, sobald man sie mit Fragen über Juden oder Israel konfrontiert. Die Äußerungen werden lange überlegt, bevor sie stockend über die Zunge kommen. Das bekannte Phänomen der sozialen Erwünschtheit ist naheliegend.

Sosada hat sich daher einen Trick ausgedacht, man könnte auch sagen: eine Lüge. „Die Interviewpartner wußten vor dem Gespräch nicht, wovon dieses handelt; sie wurden über einen vermeintlichen ‘Zufall’ auf das Thema gebracht.“ Diesem Trick war ein weiterer vorausgegangen. Den Zugang zur jungen Bildungselite eröffnete ein schlichter Aushang, mit dem auf ein Forschungsprojekt über „das soziale Zusammenleben in Deutschland“ hingewiesen wurde.

Sosada drängt die Probanden dazu, eigene Position aufzugeben

Darunter konnte man sich gewiß vieles vorstellen. Den Interessenten, die fast alle mit dem linken Spektrum sympathisierten, wurden sodann zwölf mögliche Themen angeboten. Über ein Thema, vermeintlich nach einer Zufallsauswahl gewonnen, sollte das Interview geführt werden. Und wie es der „Zufall“ wollte, fiel die Wahl dreißigmal auf das Thema „Juden“ (nicht etwa: Antisemitismus). Gegebenenfalls wurde wißbegierigen Teilnehmern eine fiktive Liste der Alternativen gezeigt. Daß das Vorgehen des Stipendiaten der Konrad-Adenauer-Stiftung gegen die Regeln qualitativer Forschung und damit gegen die „Grundsätze guter wissenschaftlicher Praxis“ verstößt, weiß er natürlich. Aber der Zweck heiligt die Mittel.

Der „per Zufall“ erzeugte Gesprächsgegenstand, zumeist mit einem Aufstöhnen der Teilnehmer quittiert, wird sodann „behutsam“ unter verschiedenen Aspekten betrachtet, insbesondere: Wissen zum Judentum, Haltungen zu deutscher Geschichte und Verantwortung, Israelisierung des Antisemitismus. Natürlich sind die bloß assoziativ plaudernden Mitglieder der „Bildungselite“ dem einschlägig versierten Interviewer nicht gewachsen. Sie ahnen nicht einmal, worum es eigentlich geht.

Zufrieden konstatiert Sosada „die immer wieder auftretenden Widersprüchlichkeiten“, indem die Probanden „zunächst äußern, sich kein Urteil bilden zu können, genau dieses aber direkt im Anschluß doch tun“. Daß er sie dazu drängt, ihre eigene zutreffende Position aufzugeben, kommt ihm offenbar nicht in den Sinn. Sosada folgt einem Verfahren, mit dem auch bei quantitativen Studien die natürliche Skepsis ausgehebelt und der Befragte auf eine Leimspur geführt wird, um ihm die „Partikel des Ressentiments“ zu entlocken.

These vom „Gebildeten Antisemitismus“ an den Unis wird nicht ersichtlich

Gibt es einen Ertrag der „verdeckten Ermittlung“ im Sinne der Forschungsfrage? Über die per „Zufallsauswahl“ dem Thema Zugeführten, die in Kenntnis der wahren Absicht wohl nicht gekommen wären, wird der Stab gebrochen: Es bestehe „eklatantes Unwissen“. Man verheddere sich in Widersprüchen. Bekenntnisse wirkten „vielfach reflexhaft und auswendig gelernt“. Die Erinnerungskultur werde als überholt und störend empfunden („Schlußstrichmentalität“, „Überdrußmentalität“).

Insgesamt bestätige sich die „vorherrschende Vernachlässigung des Antisemitismus als gesamtgesellschaftliches Problem“. Eine gewagte Schlußfolgerung angesichts des medial und politisch ständig präsenten Themas. Anhand dieser Fragmente dürften sich die meisten Teilnehmer direkt oder indirekt als Antisemiten markiert fühlen.

Daß es sich um Angehörige einer Bildungselite handelt, wird ebensowenig ersichtlich wie die Behauptung, einen spezifisch „Gebildeten Antisemitismus“ an deutschen Universitäten dingfest gemacht zu haben. Die protokollierten Gespräche hätten so auch an der Mittelstufe eines Gymnasiums stattfinden können. Offenbar wurde das Werk ohne Beanstandung angenommen. So hinterläßt die Publikation fatalerweise einen bitteren Nachgeschmack.

Aus der JF-Ausgabe 9/26.

Tumulte während der Räumung eines propalästinensischen Besatzungscamps an der HU Berlin: In diesem Gewand tritt ein neuer Antisemitismus an den Hochschulen hervor. Foto: picture alliance / ZUMAPRESS.com | Michael Kuenne
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