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Buchrezension: Anschreiben gegen den moralischen Totalitarismus

Buchrezension: Anschreiben gegen den moralischen Totalitarismus

Buchrezension: Anschreiben gegen den moralischen Totalitarismus

Vor einem antik anmutenden Museum – es handelt sich um das Museo del Prado in Madrid – läuft ein Mann mit einer umgehängten Regenbogenflagge – Symbolbild für den woken Totalitarismus
Vor einem antik anmutenden Museum – es handelt sich um das Museo del Prado in Madrid – läuft ein Mann mit einer umgehängten Regenbogenflagge – Symbolbild für den woken Totalitarismus
Ein Mann trägt einen Regenbogen-Umhang und läuft vor dem Museo del Prado in Madrid (Symbolbild). Foto: IMAGO / NurPhoto
Buchrezension
 

Anschreiben gegen den moralischen Totalitarismus

Kunst als Moralpredigt, Bibliotheken als Zensurräume, Museen als pädagogische Lernorte – in „Woke Kulturpolitik“ analysieren 15 Autoren die ideologischen Verschiebungen unserer Kultur. Der Band entlarvt den Zeitgeist als den Versuch, eine alles umspannende Herrschaft zu errichten.
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Daß die Kultur längst zum Schlachtfeld geworden ist, gehört zu den bitteren Selbstverständlichkeiten unserer Zeit. Der von dem promovierten Philosophen Alexander Ulfig herausgegebene Sammelband „Woke Kulturpolitik“ versammelt auf rund 160 Seiten fünfzehn Beiträge namhafter Autoren, die nicht nur den Vormarsch einer identitätspolitischen Gesinnungsästhetik dokumentieren, sondern ihn kulturphilosophisch, historisch und institutionell entschlüsseln. Herausgekommen ist ein luzider, in der Sache entschlossener Band, der das Zeitgeistige nicht nur kritisiert, sondern analytisch entlarvt – als Symptom eines neuen Totalitarismus.

Bereits der einleitende Beitrag von Till Kinzel zeichnet mit kritischer Akribie die US-amerikanischen Ursprünge der Woke-Kultur nach – von den linken Campusbewegungen der 1960er bis zur heutigen Sprachregulierungs- und Zensurpraxis. Kinzel zeigt: Was in den USA als postmarxistische Identitätspolitik begann, wurde unter dem Deckmantel von Antidiskriminierung zur neuen Orthodoxie – mit dominanter Wirkung auf Medien, Bildung und Kunst.

Diesen ideengeschichtlichen Faden nimmt der Wissenschaftsphilosoph Michael Esfeld (Universität Lausanne) auf, indem er den Wokeismus als spätmoderne Erbschaft postmoderner Theorie identifiziert. In ihrer Ablehnung objektiver Wahrheit und ihrer Obsession für Macht- und Diskurskritik sei die Woke-Bewegung logische Vollstreckerin einer dekonstruktivistischen Selbstauflösung westlicher Rationalität.

In der Kunst geht es nicht mehr um die conditio humana

Was dies für konkrete Kulturfelder bedeutet, wird in den Beiträgen zur Kunst, Musik und Literatur deutlich. Tom Sora analysiert den Musikbetrieb als exemplarisches Feld einer „woken Überkodierung“, in der Künstler zunehmend nach Gesinnung statt Können beurteilt würden. Ähnlich argumentiert Gunnar Kunz mit Blick auf den Literaturbetrieb: Bücher würden nicht mehr nach ästhetischen oder sprachlichen, sondern zunehmend nach moralisch-ideologischen Kriterien selektiert.

Ein besonderer Höhepunkt des Bandes ist Anna Dioufs pointierter Essay „Der Verlust des Theaters“. Diouf zeichnet mit scharfer Feder das Bild einer Kunstform, die sich selbst entkernt hat: Nicht mehr das Drama der conditio humana, nicht Ambivalenz, Tragik oder ontologische Tiefe werden verhandelt, sondern politische Botschaften, in eindimensionaler Lesart und moralischem Hochton. Das Theater, so Diouf, sei „auf dem besten Weg, seine künstlerische und gesellschaftliche Relevanz durch Opportunismus zu verspielen“.

Auch die bildende Kunst bleibt vom Totalitarismus nicht verschont

Seine Ästhetik habe sich in eine „Moralpredigt“ verwandelt, die Bühne in eine „Kanzel“, von der aus die Botschaften identitätspolitischer Orthodoxie verkündet würden. Statt Räume für Erfahrung und Widerspruch zu schaffen, würden Zuschauer heute mit „pädagogischen Gleichnissen“ konfrontiert, die keinen Erkenntnisgewinn, sondern Einstimmigkeit erzwingen.

Dioufs Beobachtungen beschränken sich nicht auf Einzelfälle. Sie verweist etwa auf Inszenierungen, in denen Stücke wie Schillers „Don Karlos“ oder Goethes „Faust“ umgedeutet oder mit postkolonialem Vokabular überformt würden – nicht um Deutungsspielräume zu erweitern, sondern um alte Stoffe in aktuelle Empörungsdiskurse zu integrieren. Ein Theater, das sich damit begnügt, die jeweils herrschende Moralordnung zu spiegeln, werde aber überflüssig – ästhetisch wie gesellschaftlich.

Auch die bildende Kunst bleibt nicht verschont. Alexander Ulfig selbst widmet seinen Beitrag den Mechanismen einer zunehmend normierten und politisierten Museums- und Ausstellungspraxis.

Alexander Ulfig (Herausgeber): Woke Kulturpolitik. 151 Seiten, Deutscher Wissenschaftsverlag, Jetzt im JF-Buchdienst bestellen
Alexander Ulfig (Herausgeber): Woke Kulturpolitik. 151 Seiten, Deutscher Wissenschaftsverlag, Jetzt im JF-Buchdienst bestellen

Besucher sollen nicht sehen, sondern „lernen“

Im Zentrum seiner Kritik steht die Tendenz zur „Erziehungsästhetik“, bei der die künstlerische Form zum bloßen Trägermedium politischer Intentionen herabgestuft werde. Die Ästhetik werde gewissermaßen „aufgeladen“ mit Forderungen nach Dekolonisierung, Gendervielfalt oder Klimaethik, wobei der Rezipient nicht mehr zur Anschauung, sondern zur Haltung erzogen werden soll.

Ulfig analysiert insbesondere den Einfluß internationaler kuratorischer Trends, die von Organisationen wie ICOM (International Council of Museums) und deren Neudefinitionen von Museumsethik getragen werden. Der kuratorische Diskurs entferne sich zunehmend vom Kunstwerk selbst, um sich auf dessen gesellschaftliche Wirkung im Sinne moralischer Transformation zu konzentrieren.

So gerate das Museum, einst ein Ort kontemplativer Betrachtung, unter das Verdikt der Aktivierung: Besucher sollen nicht sehen, sondern „lernen“, nicht empfinden, sondern „einordnen“. Eine solche Strategie, so Ulfig, führe zu einer Infantilisierung des Publikums und zu einer Entwertung der Kunst als autonome Erfahrungsform.

Der Westen erscheint nur noch als Täter

Besonders prägnant ist Ulfigs Diagnose der Repräsentationslogik, die sich zunehmend in Quotenforderungen, Herkunftsbezügen und Dekolonisierungsdebatten niederschlägt. Nicht mehr das Kunstwerk steht im Mittelpunkt, sondern die Frage, ob es der „richtigen“ Gruppe angehört, eine „unterrepräsentierte“ Perspektive bietet oder eine bestehende Struktur „dekonstruieren“ hilft. Ästhetischer Wert, handwerkliches Können oder ikonographische Tiefe geraten darüber fast vollständig in den Hintergrund. Der Künstler als „Zeuge“ oder „Betroffener“ ersetzt den Künstler als Formgeber, Seher und Erfinder.

Wie weit die neue Moral reicht, zeigt der Bibliothekar Uwe Jochum: Die Bibliothek, einst Ort freiheitlichen Denkens, werde zur „woken Wohnstube“ – mit „Sensibilisierungstrainings“, Triggerwarnungen und zensierter Literatur. Auch der Sport bleibt nicht außen vor: Birgit Kelle beschreibt unter dem Titel „Queer-Fußbälle oder Sportkultur für alle“ die zunehmende Instrumentalisierung des Sports als Bühne identitätspolitischer Inszenierung.

Bemerkenswert ist auch der Beitrag des Historikers Ronald G. Asch, der den historischen Revisionismus in Großbritannien und Deutschland analysiert. Seine These: Unter dem Vorwand kritischer Dekolonisierung werde Vergangenheitsbewältigung zur Schuldverfestigung – der Westen erscheine nur noch als Täter, nie als Träger einer komplexen Zivilisationsgeschichte.

Der Band grenzt sich von polemischen Klängen ab

In Sabine Beppler-Spahls Essay wird schließlich der heikle Zusammenhang zwischen Woke-Agenda und Antisemitismus offengelegt – insbesondere in der amerikanischen Linken. Eine ideologisch nivellierte Diversitätsrhetorik blende zunehmend die reale Bedrohung jüdischer Gemeinschaften aus, solange sie nicht in das bevorzugte Opferprofil passe.

Ulfigs Sammelband steht in einer wachsenden Reihe kulturkritischer Diagnosen, die den Wokeismus nicht nur als soziologisches, sondern als metapolitisches Phänomen begreifen. Neben klassischen Arbeiten wie Douglas Murray („The Madness of Crowds“) oder Eric Kaufmann („Whiteshift“) reiht sich dieser Band als dezidiert deutschsprachiger, geisteswissenschaftlicher Beitrag ein. Er grenzt sich zugleich ab von populistischen Klagen: Nicht Polemik, sondern Reflexion, Differenzierung und Belegarbeit prägen fast alle Texte.

Zugleich greift der Band unausgesprochen auf Denkfiguren zurück, die etwa bei dem Staatsrechtler Carl Schmitt oder dem deutsch-amerikanischen Philosophen Hans Jonas angelegt sind: Die These vom moralischen Totalismus, der unter dem Vorzeichen des Guten alle Lebensbereiche regiert, hat in der deutschen politischen Theorie lange genealogische Linien. In diesem Sinne läßt sich „Woke Kulturpolitik“ auch als Beitrag zu einer zeitdiagnostischen Anthropologie lesen.

Wie sähe eine nicht-woke Kulturpolitik aus?

Ein kleiner, aber nicht unwesentlicher Einwand betrifft den Zuschnitt des Bandes: Viele Beiträge sind ausgesprochen pointiert, gelegentlich aber zu knapp. Einige Analysen – etwa die zur Bibliothekslandschaft oder zum Theater – hätten eine stärkere empirische Fundierung oder weiterführende Fallstudien verdient. Auch eine systematische Einleitung zum gemeinsamen theoretischen Rahmen fehlt; der rote Faden wird primär thematisch, weniger begrifflich gezogen.

Darüber hinaus bleibt die Anschlußfrage offen: Wie sähe eine nicht-woke Kulturpolitik aus? Welche Prinzipien, welche institutionellen Standards und welche Bildungsziele wären ihr eigen? Diese konstruktive Perspektive wird – mit wenigen Ausnahmen – nicht explizit entwickelt.

Ein Buch gegen den Zeitgeist

Trotz dieser offenen Fragen ist Ulfigs Band ein wichtiger kulturphilosophischer Einspruch gegen einen Zeitgeist, der Vielfalt predigt und Konformität praktiziert. Die versammelten Stimmen treten nicht gegen Diversität, sondern gegen ihre moralische Zwangsverstaatlichung auf – gegen das, was Adorján Kovács treffend den „verordneten und willig befolgten Zeitgeist“ nennt.

In einer Lage, in der das Ringen um Freiheit, Wahrheit und Geist immer öfter hinter Schlagworten verschwindet, ist dieser Sammelband ein mutiger Versuch, das Denken zu entnebeln. Keine Empörungsliteratur, sondern ein Beitrag zur Verteidigung des Eigenen – kritisch, geistvoll, standhaft.

Aus der JF-Ausgabe 36/25.

Ein Mann trägt einen Regenbogen-Umhang und läuft vor dem Museo del Prado in Madrid (Symbolbild). Foto: IMAGO / NurPhoto
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