Neues Buch von David Engels

„Renovatio Europae“: Gegenentwurf zur Europäischen Union

Ausgerechnet im Polnischen Institut in Berlin erblickt das hesperialistische Europa das Licht der Welt. Hesperialistisch? Den gewöhnungsbedürftigen Namen hat David Engels, Professor für Römische Geschichte in Brüssel, aus der Taufe gehoben. Am Montag stellte er der Öffentlichkeit sein neues Buch vor, das nicht weniger als ein konservativer Gegenentwurf zur identitätslosen Europäischen Union sein soll und einem Forschungsprojekt des polnischen „Instytut Zachodni“ entstammt.

Der Sammelband plädiert für eine „Renovatio Europae“, eine Erneuerung Europas. Engels knüpft damit an das Buch an, das ihn in der europäischen Öffentlichkeit schlagartig bekannt machte: „Auf dem Weg ins Imperium“. Demnach weist der gegenwärtige Zustand Europas deutliche Parallelen zum Zustand der alten Römischen Republik vor den Bürgerkriegen auf, wonach sich dieses zu einem geeinten, aber autoritären Gebilde entwickelt habe. Engels greift dabei auch die Geschichtsphilosophie Oswald Spenglers auf.

Der kritischen Analyse folgt nun der konstruktive Ansatz in Form des „Hesperialismus“. Vor dem Publikum im Polnischen Institut Berlin erklärt der Althistoriker genauer, was er und seine Mitstreiter darunter verstehen. Er habe bewußt diese Konnotation gewählt: Der Begriff Okzidentalismus sei im steten Widerstreit zum Orientalismus gedacht und werde daher negativ aufgefaßt; das Schlagwort Europeismus hingegen hätten die Parteigänger der EU für sich besetzt.

Vorbild ungarische Verfassung

Hespera, das griechische Wort für Abend, vereinnahme dagegen die christlich-abendländische Idee, sowie die mythische Vorstellungen der Antike, die jenseits des Sonnenuntergangs stets ein fernes Land ersehnt hätten, ob nun Atlantis oder Avalon. Darin steckte sowohl eine deutliche Anspielung auf den „faustischen“ Charakter des Abendländers und dessen Sehnsucht nach Grenzenlosigkeit, als auch auf das Werk des „Herr der Ringe“-Erfinders J. R. R. Tolkien, dessen paradiesischer Sehnsuchtsort Valinor eine ähnliche Form des europäischen Mythos fortsetzte.

Aber Tolkien, führte Engels aus, sei eben mehr als nur ein Fantasy-Autor, sondern im Gegenteil einer der vermutlich wichtigsten konservativen Köpfe des 20. Jahrhunderts. Als überzeugter Katholik und Traditionalist habe der Brite die dauernde Spannung in einer Welt hervorgehoben, die von Fremdheit und Niedergang herausgefordert werde, zugleich Kraft daraus schöpfe, Altes zu bewahren und zu neuem Glanz zu verhelfen. Ganz ähnliches könne für den Zustand des Kontinents gelten: Der gemeinsame Nenner Europas sei das christliche Erbe, das es bei einer Neuordnung zu stärken gelte.

Engels erwähnte als Vorbild die ungarische Verfassung, die einen starken Bezug zum Christentum und historischen Symbolen herstelle, sowie – in einem größeren historischen Kontext – das Heilige Römische Reich Deutscher Nation oder die Polnisch-Litauische Union, die ihren Teilgliedern eine weitreichende Autonomie zugestanden. Wie stark das Christentum in den Knochen der Europäer steckt, zeige sich zum Beispiel darin, dass selbst der hiesige Atheismus ein christlicher sie und sehr verschieden vom chinesischen Atheismus.

Vor jeder Neuordnung bedürfe es einer Krise

David Engels und Olga Doleśniak-Harczuk Foto: JF

Vor jeder Neuordnung – so machte Engels deutlich – bedürfe es aber einer Krise und Verwerfungen. Der Historiker rekurrierte hier neuerlich auf eine Kernthese aus seinem „Imperium“, demnach Europa dasselbe Schicksal wie der Römischen Republik bevorstehe, bevor es sich in einer neuen, geeinten, zugleich autoritären Form wiederfände.

Bereits die Liste der Autoren, die Engels für seine Aufsatzsammlung gewinnen konnte, deutet europäische Ambitionen an. Der Herausgeber legte offensichtlich Wert darauf, daß die wichtigsten Nationen des Abendlandes entsprechend vertreten sind. Die deutsche Perspektive übernehmen dabei die Publizistin Birgit Kelle und der Ökonom Max Otte, als französische Repräsentantin konnte Engels die Philosophin Chantal Delsol gewinnen. Weitere Beiträge stammen aus Italien, Polen, Belgien, Großbritannien und Ungarn; der Band soll in den nächsten Wochen auch in polnischer, englischer, französischer und spanischer Sprache erscheinen

Trotz der Theoretisierung eines gemeinsamen Europas unter traditionellen Vorzeichen konnte auch an diesem Abend der Zustand der real-existierenden Union nicht ausgeblendet werden. Die polnische Journalistin Olga Doleśniak-Harczuk führte durch den Abend und stellte immer wieder Fragen zur aktuellen politischen Lage. Engels führte dabei aus, daß der humanistisch-universalistische Grundsatz der EU kein festes Fundament für eine neue Ordnung verspreche. Die aktuelle Politik versuche das zwar, aber im Gegensatz zu den historischen Werten handele es sich um den Versuch, eine Art „Weltstaat“ zu schaffen, statt ein echtes europäisches Projekt.

Demokratiedefizite in der EU

Die anstehenden EU-Parlamentswahlen würden zwar alternative Kräfte stärken, die etablierten Parteien würden dadurch jedoch eher zusammenrücken und auch ihre Ideologie eher stärker denn schwächer vertreten – es stehe eine „Bundestagisierung“ des EU-Parlaments bevor. Auch den Brexit betrachtete der in Polen lebende deutschsprachige Belgier nüchtern: allein um ein Exempel zu statuieren, daß die EU eine „Einbahnstraße“ sei, werde man die Briten nicht ziehen lassen.

Man beklage die Demokratiedefizite in anderen Ländern, dabei greife die EU im Ernstfall auf dieselben Methoden zurück, wenn sie – wie im Falle Irlands bei der Absegnung des Lissabon-Vertrages – so lange abstimmen lasse, bis das Ergebnis passe. Dem Vereinigten Königreich könne Ähnliches bevorstehen.

David Engels: Der gemeinsame Nenner Europas ist das christliche Erbe Foto: JF / Manuscriptum / JF-Montage

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