Alain de Benoist

Bruch mit der Ordnung

Ich weiß noch, daß ich im Oktober 1960 etwa zwanzig Parteien und politische Bewegungen anschrieb mit der Bitte um Aufklärung über ihre Programme. Damals las ich auch aus Neugier eine Zeitlang die royalistische Wochenzeitung Aspects de la France und nahm sogar an einer Versammlung der Restauration nationale im Musée Social teil. Regelmäßig ging ich auch zu den Veranstaltungen der Action française in der Rue de la Contrescarpe. (…)

Der „altfranzösische“ Stil – die moralische Ordnung, das Bündnis zwischen Thron und Altar – war ganz und gar nicht mein Ding. Mir schien das alles extrem reaktionär … Gleichzeitig waren unbestreitbar die ethischen und ästhetischen Werte ein Grund dafür, daß ich mich zur Rechten hingezogen fühlte: Ehrgefühl, Mut, Sinn für die schöne Geste, Haltung, Uneigennützigkeit, Treue gegenüber einem gegebenen Versprechen, Hingabe. Erst später wurde mir klar, daß diese Tugenden keineswegs das Monopol der Rechten sind. Freilich war es die Rechte, die sie stets mit höchster Beständigkeit und Eloquenz in Ehren gehalten hat, vielleicht um andere Unzulänglichkeiten zu übertünchen. (…)

Es gibt immer einen Teil unserer Jugend, den wir nie hinter uns lassen

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Von 1961 bis Ende 1966 verbrachte ich insgesamt sechs Jahre bei der extremen Rechten. Letztlich eine sehr kurze Zeitspanne, die mich aber unbestreitbar stark geprägt hat, sowohl aufgrund der damaligen politischen Situation – es war das Ende einer Welt – als auch wegen meines Alters: Es gibt immer einen Teil unserer Jugend, den wir nie hinter uns lassen. (…)

Ansonsten belief sich unsere Arbeit auf klassischen politischen Aktivismus: Pamphlete austeilen, Plakate ankleben, Prügeleien in der Umgebung von Lyzeen, Unis oder Mensen. Einige dieser Handgreiflichkeiten, etwa am Ausgang des Lycée Buffon und des Lycée Fénelon sowie im Innenhof der Sorbonne, waren ziemlich unvergeßlich. Daneben veranstalteten wir öffentliche Versammlungen – zumeist in der Salle des Horticulteurs – und Demonstrationen.

Ich liebte die spannungsgeladene Atmosphäre dieser Demonstrationen, die Bewegungen der Menschenmenge, die Art und Weise, wie Parolen und Kriegsgebrüll aufgegriffen und von vielen Stimmen wiederholt wurden, die Konfrontationen mit der Polizei, den Geruch von Tränengas. Schon im Februar 1961 wurde ich bei einer Demonstration an der Place de l’Étoile vorübergehend festgenommen und im ehemaligen Krankenhaus Beaujon in Polizeigewahrsam genommen. Meine Mutter, die nur gekommen war, um mich abzuholen, wurde ebenfalls eingebuchtet! Später sollte ich noch häufig auf verschiedenen Polizeiwachen zu Gast sein. (…)

Der Aktivismus ist eine Schule, und zwar eine der besten, die es gibt

Der Aktivismus ist eine Schule, und zwar eine der besten, die es gibt. Er ist eine Schule der Disziplin und der Haltung, der Inbrunst und Begeisterung, eine Schule der Selbstaufgabe. Er ist auch ein Tiegel der Freundschaft, wie man ihn nirgends sonst erlebt: durch gemeinsames politisches Engagement knüpft man Bande, die ein Leben lang halten und bisweilen alles andere überdauern. Natürlich macht man sich große Illusionen, wenn man sich einbildet, daß das, was man tut, um so wirkungsvoller sei, je bedingungsloser man sich engagiert, aber man hat doch das Gefühl, seinem Leben einen Sinn zu geben.

Freilich ist es eine Schule, die man auch wieder verlassen muß: Es gibt nichts Lächerlicheres als jene alternden Aktivisten, die seit Jahrzehnten die gleichen abgedroschenen Slogans wiederholen, nichts Öderes als jene Oberpfadfinder mit behaarten Waden, die weiterhin Wanderungen unternehmen, die nicht ihrem Alter entsprechen, bloß um an der Selbsttäuschung festzuhalten, daß sie jung geblieben seien.

Der Aktivist ist auch ein Partisan im schlimmsten Sinne des Wortes

Der politische Aktivismus hat ebenfalls Grenzen. Er hat negative Aspekte. Der Aktivist ist nicht nur ein Mensch, der sich ganz und gar einer Sache hingibt – dagegen ist überhaupt nichts einzuwenden. Er ist auch ein Partisan im schlimmsten Sinne des Wortes. Er betet einen Katechismus nach, er bezieht sich auf ein kollektives „Wir“, das ihn jeglicher Verantwortung entbindet, sich eigene Gedanken zu machen. Der „gute Aktivist“ ist ein true believer, ein wahrer Gläubiger, dem Antworten lieber sind als Fragen, weil er Gewißheiten braucht. (…) Und wie alle Gläubigen verdrängt er alles kritische Denken und rühmt sich seines Sektierertums. (…)

Mich trieb ein tiefes Verlangen um, noch einmal bei Null anzufangen. Ich war dreiundzwanzig und hatte gerade mehrere Jahre in einem Milieu hinter mir, das mir das Gefühl gab, ich hätte schon alles getan und alles erlebt. Ich hatte dort viel gelernt, aber ich war auch an Grenzen gestoßen. Ich war mir bewußt, daß ich wahrscheinlich allerlei dummes Zeug von mir gegeben hatte, daß ich Parolen aus dem einzigen Grund nachgebetet hatte, daß sie dem entsprachen, was „wir“ zu denken gehalten waren.

All das wollte ich einer kritischen Prüfung unterziehen, gewissermaßen eine Sortierung vornehmen zwischen den richtigen Ideen, die man aufbewahren sollte, und den falschen, die es zu entsorgen galt. Ich hatte das Gefühl, einen doppelten Bruch durchzumachen: zunächst mit der extremen Rechten, dann mit der politischen Aktion. Letztere schien mir ins Nirgendwo zu führen. (…)

Die Nouvelle Droite war keine Reaktion auf die Linken

Die Entstehung der Nouvelle Droite war ganz bestimmt keine Reaktion auf die Entstehung der französischen Neuen Linken. Dennoch läßt sich eine Ähnlichkeit zwischen beiden Phänomenen feststellen: In beiden Fällen bemühte sich eine neue Generation, Abstand zu der vorangegangenen zu gewinnen, an deren Diskurs sie gleichzeitig modifizierend oder erneuernd anknüpfen wollte. Der Unterschied liegt darin, daß die Neue Linke schon in den siebziger Jahren sang- und klanglos verschwand, während die Nouvelle Droite ihre Anliegen weiterhin verfolgt. (…)

In den siebziger Jahren verfaßte ich zahlreiche Artikel über das Zusammenwirken von Kultur und Politik. Mir ging es darum, den Begriff der „kulturellen Macht“ herauszuarbeiten. Ich pochte auf die Rolle der Kultur als bahnbrechendes Element politischer Veränderungen: ein deutlicher Politikwechsel zementiert einen Wandel, der auf sittlichem und geistigem Gebiet bereits stattgefunden hat.

Geistige und kulturelle Arbeit leistet einen Beitrag zu diesem Wandel, indem sie Werte, Bilder und Themenstellungen popularisiert, die einen Bruch mit der bestehenden Ordnung oder den Werten der herrschenden Klasse darstellen. Von dieser Warte aus gesehen ist die Besetzung einer Redaktionsstelle oder gar die Ausstrahlung einer Fernsehserie von größerer Bedeutung als die Wahlparolen einer Partei. (…)

Allergisch gegen Blindheit auf einem Auge in der politischen Kultur

Ich bin allergisch gegen Blindheit auf einem Auge in der politischen Kultur. Auf der Ebene der Ideen eignete ich mir zunächst eine rechte Kultur an. Sie ergänzte meine philosophische Bildung und war mehr oder weniger mit ihr kombinierbar. Dann machte ich mich daran, mir eine linke Kultur zu erarbeiten. Ein solcher Ansatz erscheint mir vollkommen natürlich: Wie sonst soll man Entscheidungen treffen, die nicht vollkommen willkürlich sind, wenn man nicht die entgegengesetzten Ansichten kennt?

Einen Standpunkt einzunehmen bedeutet, sich im Verhältnis zwischen Argumenten und Gegenargumenten zu positionieren, was voraussetzt, daß man sie kennt. Wer zugleich über eine rechte und eine linke Kultur verfügt, versetzt sich damit in die Lage, an jeder Doktrin den wahren (aber auch den falschen) Teil zu identifizieren. Der parteiische Geist ignoriert dies vorsätzlich. (…)

Das Hauptthema ist der Einsatz für Europa

Das Hauptthema, das mich bis heute beschäftigt, ist der Einsatz für Europa. Immer schon habe ich mich weitaus mehr als Europäer gefühlt denn als Franzose, daher auch die zahlreichen Kontakte, die ich zeit meines Lebens im Ausland geknüpft habe. Das ist ein Grund – keineswegs der einzige – dafür, daß ich den Nationalismus sehr schnell abgelehnt habe. Einerseits habe ich schnell begriffen, daß die Nation im besten Wortsinn nichts anderes als das Volk ist. Zum anderen hat mich die Idee des Nationalstaats im jakobinischen Wortsinn nie überzeugt. Ich habe sie zunächst im Namen des Regionalismus, dann unter Berufung auf den Begriff des Reichs kritisiert. (…)

Im Mittelpunkt steht für mich das Volk, das man sich entweder als politisch-kulturelle Einheit oder aber als soziale Schicht vorstellen kann. Dem Volk zu dienen, die Anliegen des Volkes zu verteidigen, ist ein und dasselbe. Es bedeutet, daß man sich für den Erhalt der Vielfalt der Völker einsetzt, aber auch daß man die Realität des Klassenkampfes zugibt. (…)

Die Rechten neigen stets dazu, zu glauben, daß ideologische Meinungsverschiedenheiten keine große Rolle spielen: „Ich stimme Soundso nicht zu, aber er gehört trotzdem zur ›Familie‹ der Rechten.“ Ich selber habe gerade, weil die Ideen meiner Ansicht nach grundlegend sind, nie einen derartigen „Familiengeist“ gehabt. Ich habe darin stets einen Faktor der Verwirrung gesehen, einen Vorwand für geistige Bequemlichkeit.

JF 41/14

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Alain de Benoist: Lebensthema Europa Foto: privat

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