Dieter Stein und Alain de Benoist
Dieter Stein und Alain de Benoist: Die mangelnde Kultur einer offenen Debatte Foto: JF

Streiflicht
 

Das Leben ist kompliziert

Kürzlich wurde ich wieder einmal gefragt, weshalb ich überhaupt Bücher des französischen Philosophen und Intellektuellen Alain de Benoist verlegen würde. Dieser widerspreche doch in einigen Punkten diametral dem, was ich meinen würde. Ob es seine Kritik am Christentum, an der Idee des Nationalstaates oder des Liberalismus betreffe.

Das vielleicht interessanteste und schönste Buch von Alain de Benoist erscheint in dieser Woche auf deutsch in der JF Edition; es handelt sich um seine Lebenserinnerungen. Benoist überwindet seine Scheu, überhaupt über seine familiäre Herkunft, über Kindheit und Jugend Auskunft zu geben. Einen Philosophen solle man schließlich primär aus seinen Texten interpretieren, glaubte er zunächst.

An der eigenen Person sind wir am verletzlichsten

An der eigenen Person und der eigenen Biographie sind wir am verletzlichsten. Es fällt schwer, sich darüber uneitel und ehrlich Rechenschaft abzulegen. Alain de Benoist wächst als Einzelkind auf, und seine Eltern haben ihm das Interesse für Politik, Philosophie und vor allem Bücher keineswegs in die Wiege gelegt. Es ist eine strenggläubige katholische Großmutter, bei der er einen Kosmos der Literatur entdeckt.

Benoist schildert den Weg aus einem bürgerlichen Umfeld in ein Engagement an den politischen Rändern, im Aktivismus einer extremistischen Rechten. Es ist die wohl spannendste Frage überhaupt: Wie wurden wir, was wir sind? Bei Alain de Benoist folgt am Ende seiner Zeit in nationalistischen Studentenorganisationen das Eingeständnis des Scheiterns seiner Bemühungen und daß diese „ins Nirgendwo“ mündeten. Er wollte noch einmal „bei Null“ anfangen und die Synthesen aus „rechten“ und „linken“ Kulturen und Weltanschauungen gewinnen.

Das Unerträgliche unserer Zeit ist die fehlende Kultur einer offenen Debatte

Warum ich Alain de Benoist verlege? Weil er einer der interessantesten Denker unserer Zeit ist. Weil ich ihn vollkommen zu Unrecht in Deutschland als einen Vordenker einer extremen Rechten, überhaupt einer „Rechten“ verortet sehe. Weil seine Thesen und Ideen gelesen und diskutiert gehören. Und weil er ein faszinierender Mensch ist, einer der bescheidensten politischen Köpfe, dessen Denken keinem Zweck oder materiellen Interessen unterworfen ist.

Das Unerträgliche unserer Zeit ist die fehlende Kultur einer offenen Debatte. Die scharfe Kritik von Alain de Benoist am Rassismus der Rechten, imperialistischem Denken, der Verachtung des Volkes, an der Engstirnigkeit insbesondere rechter intellektueller Zirkel – sie wurden regelmäßig ignoriert oder nicht gelesen. Dem Schablonenhaften gängiger Einordnungen widersetzt sich Alain de Benoist. Seine Autobiographie ist eine Aufklärungsschrift für die Komplexität des Lebens. Sie ist auch eine selbstkritische Abrechnung mit dem intellektuellen Sektierertum der politischen Rechten.

JF 41/14

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