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Kultur
 

Raus aufs Land

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Baal Müller im Eingang seines Hauses: Ein „rechter Hippie“ auf dem Land Foto: privat

In dem alten Wehrturm ist heute das Heimatmuseum von Treuenbrietzen untergebracht“, erläutert Baal Müller seinem Besucher und findet es witzig, daß die Straße, in der er bald wohnen wird, zwischen einem Turm und einem Obelisken beginnt. Zwei Phallus-Archetypen, wie er mit Bezug auf seine tiefenpsychologischen Interessen scherzhaft hervorhebt.

Ein wenig exzentrisch ist der athletisch gebaute, kleine Mann mit dem rasierten Schädel und dem auffällig „zackig“ gestutzten Bart zweifellos. Bislang versteht er sich aber – obwohl „Wessi“ und in Süddeutschland aufgewachsen – gut mit den Bewohnern der märkischen Kleinstadt: „Ich muß mich ja gut mit ihnen stellen, falls ich eines Tages den Turm benötigen sollte“, sagt der Schriftsteller, der in Tübingen studiert hat. Er spielt damit auf den dortigen Hölderlinturm an, das Asyl des umnachteten Dichters.

Eine Neigung zur Natur liegt in der Familie

„Aber erst mal schaue ich, daß ich mein Häuschen fertig bekomme,“ versichert Müller. Viel Arbeit hat er schon in das vor einem Jahr erworbene alte Fachwerkhaus gesteckt. Die meiste Arbeit aber leistet wohl sein Vater Horst, der für seine 72 Jahre erstaunlich gewandt über schmale Bretter turnt und gerade schwere Gipskartonplatten an die Decke schraubt. Zeitweise wohnten sie in derselben Pension, bis Müller junior kürzlich zu seiner Freundin in einen Nachbarort zog.

Die familiären Verhältnisse sind bei ihnen etwas kompliziert: Der Vater, ein gebürtiger Mecklenburger, lebt sonst in einer Kärntner Berghütte, und der Sohn ist vor einigen Jahren mit seiner damaligen Frau von München nach Brandenburg gezogen – eine gewisse Neigung zur Natur haben aber beide Müllers, auch wenn für den Sohn die Geburt seiner ersten Tochter den Ausschlag gab, aufs Land zu ziehen. Die junge Familie suchte damals Platz im Grünen, der in Oberbayern fast unbezahlbar ist. Da der Publizist und seine Exfrau, eine Textildesignerin, beruflich nicht ortsgebunden sind, ließen sie sich in der Nähe von Potsdam nieder.

Auch nach ihrer Trennung wollte Müller nicht wieder fort: wegen der Nähe zu den Kindern, aber auch weil ihm die Mischung aus Provinzialität und Urbanität zusagt: Man wohne in ländlicher und noch erkennbar deutsch geprägter Umgebung und sei in einer Dreiviertelstunde in Berlin. So könne man die Reize der Metropole genießen, ohne dauerhaft deren Schattenseiten, die Unruhe und das Zuviel an Durchmischung, ertragen zu müssen. „Alles in Maßen“, fügt er mit Blick auf den eigenen „inneren Multikulturalismus“ hinzu.

Ein „rechter Hippie“ der deutschen Jugendbewegung

Schon wegen seiner auffälligen Kleidung – mal Hut und schwarzer Gehrock, mal Lederkappe und Nepalhemd, im Winter russische Fellmütze und Militärmantel – ist der Literat, der sich Mitte der 1990er Jahre nach dem phönizischen Gott „Baal“ benannt hat und 2009 zum Buddhismus konvertierte, in Treuenbrietzen ein Exot.

Als „rechten Hippie“ sieht er sich, halb selbstironisch, und knüpft dabei an die deutsche Jugendbewegung, ihre Natursehnsucht und Suche nach alternativen Lebensformen an.

Müller schätzt, daß eine ungebundene Existenz auf dem Land und im Osten eher möglich ist als in der Stadt und in Westdeutschland. Das habe natürlich auch praktische Gründe: Häuser für 8.000 Euro gibt es in Bayern nicht. Im Herbst hofft der „Stadtflüchtling“ mit seiner Lebensgefährtin, der Astrologin und psychologischen Beraterin Christine Mey, in das neue Domizil einziehen zu können.

JF 26/11

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