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Prügelnde Provokateure: Die UFC lebt auch von Skandalen – aber wieviel Politik ist erlaubt?

Prügelnde Provokateure: Die UFC lebt auch von Skandalen – aber wieviel Politik ist erlaubt?

Prügelnde Provokateure: Die UFC lebt auch von Skandalen – aber wieviel Politik ist erlaubt?

UFC-Kämpfer Khamzat Chimaev provoziert gern
UFC-Kämpfer Khamzat Chimaev provoziert gern
Der UFC-Star Khamzat Chimaev kann kämpfen und provoziert Foto: picture alliance / ASSOCIATED PRESS | John Locher
Prügelnde Provokateure
 

Die UFC lebt auch von Skandalen – aber wieviel Politik ist erlaubt?

Die Kampfsportorganisation UFC, Ultimate Fighting Championship, ist nicht nur ein Paradies für die Ausnahmeathleten des Kampfsports, sondern auch für skandalbelastete Haudegen. Das Geschehen rund um die Sportart Mixed Martial Arts (MMA) lebt von diesem rauen Image: hitzige Wortgefechte, fliegende Flaschen auf Pressekonferenzen und sogar Schlägereien außerhalb der offiziellen Kampffläche gehören dazu. Doch ist für diese Verfehlungen lediglich ein großer Überschuß an Testosteron verantwortlich, oder steckt hinter dem Geschehen eine durchdachte Strategie, mitunter politisches Kalkül?

Im Octagon, so heißt der von Maschendraht umzäunte Kampfbereich, in den sich die gestählten Männer und Frauen begeben, gibt es für die Sportler nur ein Ziel: Den Gegner auszuschalten. Besonderen Erfolg darin hatte in der Vergangenheit auch Khamzat Chimaev. Seinen ersten professionellen Fight bestritt der Schwede mit tschetschenischen Wurzeln im Mai 2018, ein Sieg durch technisches Knock-Out. Seitdem bezwang der 28jährige seine Gegner elf weitere Male. Sechsmal durch Knock-Out, fünfmal durch Aufgabe und nur einmal per Punktentscheidung. Chimaev gehört zweifellos zu den aufsteigenden Sternen der UFC. Jedoch macht er nicht allein durch seine sportlichen Auftritte auf sich aufmerksam, auch die Fehltritte außerhalb des Octagons und seine großspurige Art verhelfen zu steigender Bekanntheit.

Der größte seiner bisherigen Skandale entwickelte sich im September rund um den geplanten Kampf gegen Nate Diaz. Im Vorfeld des Kampfes prügelte er sich mit MMA-Kollegen Kevin Holland, eine geplante Pressekonferenz wurde daraufhin abgesagt. Tags darauf verpaßte Chimaev das angestrebte Kampfgewicht um satte drei Kilogramm. Die Folge: Das Programm mußte umstrukturiert und ein neuer Gegner gefunden werden. Zu diesem auserkoren wurde, welch Überraschung, sein Prügelkumpan Kevin Holland.

UFC-Star provoziert mit „I kill everybody! Allahu Akbar!“

Nachdem der Schwede sein Gegenüber innerhalb von nur zwei Minuten und dreizehn Sekunden in die Schranken, beziehungsweise den Maschendrahtzaun wies, folgte der nächste Aufreger. Aufgeheizt vom Kampf, schnappte er sich das Mikrofon des Ringreporters und brüllt nur einen Tag vor dem elften September: „I kill everybody! Allahu Akbar!“ Das amerikanische Publikum, das verbale Provokationen des gläubigen Moslems in der Vergangenheit beklatschte, zeigte sich dieses Mal nicht mehr erfreut und reagierte mit Buh-Rufen. Chimaev hatte den Bogen überspannt.

Mit seinem Auftreten tritt der aufsteigende UFC-Kämpfer in die Fußstapfen von Stars wie Conor McGregor oder Khabib Nurmagomedov. Letzterer provozierte nach seinen Kämpfen ebenfalls mit religionsbezogenen Aussagen wie „Alhamdulillah, God gives me everything.“ Von den negativen Reaktionen des Publikums offenbar amüsiert, legte er seinerzeit mit einem Schmunzeln im Gesicht nach: „Alhamdulillah, I know you don´t like this.“

Von derartigen Auftritten profitieren nicht nur die Athleten, sondern auch die UFC selbst. Jeder Skandal steigert die Aufmerksamkeit, die auf den Sport gerichtet wird und sorgt im Umkehrschluß für höhere Zuschauerzahlen und finanzielle Gewinne. Das Publikum verlangt nicht nur nach sauberen Kämpfen, sondern auch nach seinen polarisierenden Helden. Die Show gehört zum Sport, ist Teil des Images der Kämpfer. Das Schmunzeln, das mit Nurmagomedovs „Alhamdulillah“ einhergeht, zeigt, daß die Athleten bewußt selbst in die vermeintlichen Fettnäpfchen stampfen. Es ist Teil der durchdachten Strategie, um zu den berüchtigtsten Stars der Szene aufzusteigen.

UFC-Star mit Verbindungen zu Kadyrow

Auch Khamzat Chimaev war diese Strategie bislang von großem Nutzen: große Kämpfe, große Provokation. Anders als seine Vorgänger droht er jedoch die äußerst weit gezogenen Grenzen zu überschreiten. Durch ein enges, freundschaftliches Verhältnis zum tschetschenischen Machthaber Ramsan Kadyrow begibt sich der Sportler auf dünnes Eis. Kadyrow gilt als treuer Handlanger von Rußlands Präsident Wladimir Putins, der die autonome und muslimisch geprägte Teilrepublik im Nordkaukasus verwaltet. Seine Armee ist für ihre Brutalität bekannt: Auch für Morde an russischen Oppositionellen sollen Kadyrows Getreue verantwortlich sein.

Eine ähnlich große Liebe wie für Wladimir Putin hegt der Machthaber auch für seinen Landsmann Chimaev. Angefangen bei der Unterstützung auf seinem Telegram-Kanal, zeigten sich die beiden in der Vergangenheit beim gemeinsamen Beten oder dem privaten Boxtraining. Wenn es um Menschenrechtsverletzungen in Tschetschenien geht, agiert der MMA-Kämpfer allerdings nicht mehr so offensiv wie im Octagon – er schweigt.

Der russische Angriffskrieg in der Ukraine läßt das Verhältnis der beiden in einem noch zweifelhafteren Licht erscheinen. Wurde die Verbindung durch seine herausragenden sportlichen Leistungen bisher kaum beleuchtet, könnte sie bei zukünftigen Skandalen Chimaevs dazu beitragen, daß der Kämpfer deutlich an Beliebtheit einbüßt. Die enge Verbindung zu einem diktatorischen Machthaber zeigt zudem, daß er offenbar nicht besonders viel nachdenkt. Anstatt wie seine Kollegen lediglich auf provokante Phrasen und kurzweilige Scharmützel zu setzen, zeigt sich Chimaev mit einem Mann, der in seiner Heimat auch für Verbrechen und Menschenrechtsverletzungen verantwortlich ist. Bleibt seine Strategie auch in Zukunft unverändert, könnte er schon bald den großen Kampf verlieren – gegen das Publikum.

Der UFC-Star Khamzat Chimaev kann kämpfen und provoziert Foto: picture alliance / ASSOCIATED PRESS | John Locher
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