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Keira Bell Geschlechtsumwandlung
Keira Bell vor dem Courts of Justice in London im Dezember 2020 Foto: picture alliance / empics | Sam Tobin

Hormonbehandlung bei Jugendlichen
 

Junge Engländerin warnt vor vorschneller Geschlechtsumwandlung

LONDON. Die Engländerin Keira Bell hat davor gewarnt, bei Jugendlichen, die glauben transsexuel zu sein, vorschnell Maßnahmen zur Geschlechtsumwandlung vorzunehmen. „Überstürzt nichts. Wartet, bis ihr vollständig versteht, worauf ihr euch einlaßt“, empfahl sie den Betroffenen in einem Interview mit dem Spiegel. Bell habe Klage gegen die Klinik eingereicht, die sie als Minderjährige behandelt hatte.

Bell, die sich laut dem Blatt während der Pubertät immer mehr als Junge gefühlt hatte, begann mit 16 Jahren eine Hormonbehandlung und erhielt später Testosteroninjektionen. Daraufhin sei ihr ein Bart gewachsen und ihre Stimme sei tiefer geworden.

Mit 19 Jahren seien ihr durch eine Mastektomie die Brüste entfernt worden. Zuerst habe sie ihre neue Rolle glücklich gemacht. Doch schon nach einiger Zeit habe Bell festgestellt, daß ihre Probleme mit dem weiblichen Körper eher eine psychologische Komponente hatte und weniger eine geschlechtliche. Heute bereue sie ihren Schritt.

Mit der Pubertät begann die Odyssee

„Ich war zu jung, um zu verstehen, wofür ich mich da eigentlich entscheide. Ich glaube, daß es vielen Kindern so geht. Wenn man einmal auf den Zug aufsteigt, ist es schwer, wieder abzuspringen.“

Bell ging im Januar 2020 juristisch dagegen vor, daß Minderjährige mit Pubertätsblockern behandelt werden dürfen. Ihrem Antrag sei im Dezember vom High Court of Justice, dem dritthöchsten englischen Gericht, in weiten Teilen zuerst stattgegeben worden. „Ich wünschte, dieses Urteil wäre früher gefällt worden“, hätte Bell nach dem Urteil gesagt. „Dann wäre mein Leben heute ganz anders.“

Doch schon im März habe ein weiteres Urteil den Einsatz von Pubertätsblockern für unter 16jährige mit dem Einverständnis der Eltern wieder erlaubt. Da die beklagte Klinik gegen das Urteil Berufung eingelegt habe, erwarteten Prozeßbeobachter nun eine abschließende Klärung vor dem britischen Verfassungsgericht.

Begonnen hatte Bells Odyssee laut eigenen Angaben während ihrer Pubertät. Sie habe Probleme gehabt, Freunde zu finden. Sie empfand sich nicht weiblich genug und vermutete daraufhin, womöglich ein Junge zu sein. Sie habe sich dann immer stärker selbst abgelehnt. Ihre alkoholkranke Mutter und ihr Vater seien keine Stütze gewesen.

Als sie 14 Jahre alt war, habe Bell im Internet eine Checkliste gefunden, mit Hilfe derer man herausfinden konnte, ob man im „falschen Körper geboren“ sei. Am Ende habe sie die Fragen alle mit Ja beantworten können. Fragen wie: Leiden Sie stark unter Ihrem Körper; Waren Sie schon immer eine untypische Frau / ein untypischer Mann? Oder Sind Ihnen Brustwachstum und Periode unangenehm?

Schon bald kamen Zweifel

„Jeder Punkt traf auf mich zu. Ich dachte: Das bin ich. Hier ist die Wurzel all meiner Probleme. Und eine Lösung für sie“, erklärte sie. Wenig später habe sie von Mitschülern gefordert, „Quincy“ genannt zu werden.

In der „Tavistock-Klinik“ in London, in der Bell die Hormonbehandlung erhielt, seien ihr vorab ein paar oberflächliche Fragen gestellt worden. „Hast du als Kind lieber mit Jungs oder mit Mädchen gespielt? Was waren deine Hobbys? Solche Sachen. Wenn ein Teenager dort hinkommt und Hormone möchte, dann stellen sie das nicht infrage. Sie sagen: Wer sind wir, daß wir deine innere Identität debattieren?“ Ihre Entwicklung oder Probleme in der Familie, wie die alkoholkranke Mutter, die Scheidung der Eltern und anderes, seien nie thematisiert worden.

Nach der Geschlechtsumwandlung habe sich Bell ein knappes Jahr in ihrem neuen Körper wohl gefühlt, dann seien die Zweifel gekommen. Der Umgang mit anderen Menschen sei ihr nach wie vor schwergefallen, hinzu traten Schmerzen im Unterleib, die durch den Mangel an Östrogenen ausgelöst worden waren. Sie habe sich verlorener, einsamer und verwirrter als vor der Behandlung gefühlt.

„Anstatt mich äußerlich zu verändern, hätte man mir helfen müssen, mich innerlich besser zu fühlen. Zu akzeptieren, daß ich eben nicht den klassischen Rollenbildern entspreche. Und daß ich das auch nicht muß, um eine Frau zu sein“, beklagte Bell in dem Interview.

Bell glaubte heute, daß Ärzte und Psychologen Minderjährige zu leichtfertig bei ihrem Vorhaben unterstützten. Die Befürworter der Pubertätsblocker argumentieren laut Spiegel damit, daß die gezielte Gabe von Hormonen den betroffenen Menschen ein Leben ohne das Stigma ermögliche, optisch weder eindeutig Mann noch Frau zu sein und den Kindern jahrelanges Leid erspare.

Laut eigenen Angaben hat Bell die Hormone mittlerweile wieder abgesetzt. Sie fühle sich zwar wieder als Frau. Doch sie werde immer noch jeden Tag mit „Sir“ angesprochen. Die Menschen dächten, sie sei ein Mann. Sie müsse nun für den Rest ihres Lebens mit den Konsequenzen leben. (hl)

Keira Bell vor dem Courts of Justice in London im Dezember 2020 Foto: picture alliance / empics | Sam Tobin
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