Christus: Wandbild im Markusdom in Venedig
Weihnachten

Friede, Freude, Wahrheitssuche

Was soll das bedeuten, daß das ewige Wort Gottes Mensch wurde? Schon das in Frageform gekleidete Glaubensbekenntnis wird wohl demnächst bei Facebook als Fake-News gelöscht, aus lauter Rücksicht auf Atheisten und andere Gläubige. Selbst amtlich diensthabende Christen, denen der weihnachtliche Zusammenhang von Krippe und Kreuz bekannt sein sollte, verstecken ihn hinter der menschenfreundlich-banalen Phrase des „Seid nett zueinander“.

Eine Volksmission des christlichen Wahrheitsanspruchs findet bei uns schon längst nicht mehr statt und bedarf vielleicht afrikanischer Fachkräfte, die diesmal willkommen wären. Nach dem Motto eines bayerischen Politikers: „Wir Schwarzen müssen zusammenhalten!“ Sobald die holde Weihnachtszeit naht, werden fromme Aktivisten regelmäßig vom Weihnachtsfieber ergriffen. Kaum setzt der Advent ein, hetzt man von einer Besinnung zur anderen.

Gegen dieses Fieber helfen auch die Impfungen nicht, die man in einem modernen, dem Wunder entfremdeten Theologiestudium empfangen hat. Es grenzt ja schon fast an ein Wunder, wenn sich Theologen trotz ihres langjährigen Studiums noch einen Rest von Kinderglauben bewahrt haben. „Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder“ ist die biblische Aufforderung zu einem sperrigen Glauben, der sich nicht durch permanente Modernisierung relativieren läßt.

Achtung vor dem Eigenen und den anderen

Dem wundervollen Zauber der Weihnacht, dem „Stille Nacht, heilige Nacht“, kann sich freilich kaum jemand entziehen. Auch die abgebrühtesten Modernisten und Rationalisten nicht. Auch sie flüchten vor dem Lärm und dem Terror, den diese Feier inzwischen umgibt. Und der übliche sozialkritische Verdacht gegen sentimentale Stimmungsmache und Kommerzialisierung trifft die Sache nicht im Kern. Vielmehr ist hinter dem periodisch einsetzenden Rummel immer noch die verlegene Sehnsucht nach beständigem Segen und ewigem Heil wirksam.

Nach einem üppigen Essen die Sinn- und Wahrheitsfrage anzuschneiden und die christliche Erlösungsbotschaft kundzutun, ist nicht immer und überall erwünscht. Leichter läßt sich die betuliche Kunde von der allgemeinen Harmonie vermitteln. Immerhin steht sie der weihnachtlichen Friedensbotschaft nicht diametral entgegen: Bürgerliche Manieren, Rechtstreue und Gewaltverzicht sind durchaus friedensfördernd, denn in ihnen zeigt sich wenigstens noch die Achtung vor dem Eigenen und vor den anderen. In dieser subsidiären Reihenfolge bitte.

Gerne wäre man sogar bereit, weihnachtshalber und ausnahmsweise in diesen unfriedlichen Zeiten sich vom Gefühl der Liebe ergreifen zu lassen. Denn schließlich gilt Weihnachten als Fest der Liebe und des Friedens. Bei näherem Hinsehen erweist sich die christliche Nächstenliebe allerdings als schwere Zumutung. Sie enthält nämlich auch die Feindesliebe, und die setzt eben auch den Feind voraus. Und sogar die wahrheitsgemäße Unterscheidung von Freund und Feind. Das ist gewiß eine „res dura“, eine harte Sache. Wie auch die Wahrheitsfrage, vor der sich heute auch viele Christen drücken.

Wache Zeitgenossen suchen nach der Wahrheit

Was ist Wahrheit? Ist es das, was wirkt, oder soll es wirken, weil es wahr ist? Tatsächlich kann man den großen, jetzt wieder auflebenden Ideologien der vergangenen Jahrhunderte die Wirksamkeit nicht absprechen. Aber erst aus ihren katastrophalen Wirkungen zu lernen, daß es sich um schreckliche antichristliche Lebenslügen gehandelt hat, immunisiert nicht vor neuen ideologischen Irrtümern. Wer spätestens 1989 dem quasireligiösen Sozialismus abschwor, neigt der irrigen Vorstellung zu, auch das Christentum müsse seinen Wahrheitsanspruch aufgeben.

Die linksliberale Ideologie ist in Europa gerade dabei, sich als „Diktatur des Relativismus“ (Joseph Ratzinger) zu etablieren. Die alte Pilatus-Frage „Was ist Wahrheit?“ geht uns aber immer noch nach, wenigstens den wachen Zeitgenossen, die nach Wahrheit suchen. Deren letzten Grund mögen sie in Gott finden, in einem liebenden Gott, der in seinem menschgewordenen Sohn selbst den Anspruch erhebt, „der Weg, die Wahrheit und das Leben“ zu sein.

Aber was geht der gläubige Anspruch den vielbeschworenen „Menschen von heute“ an? In der postmodernen, postfaktischen Philosophie wird die Wahrheitsfrage fein säuberlich ausgeklammert, ihr geht es vornehmlich um individuelle Meinungen, also um den Pluralismus von Ansprüchen und Interessen.

Die Erlösungsbotschaft sträubt sich gegen politische Vereinnahmung

Was man für Freiheit hält, steht jedenfalls vor der Wahrheit. Was von der Wahrheit übrigbleibt, ist allenfalls die Schwundform subjektiver Wahrhaftigkeit und Ehrlichkeit. Immerhin. Was aber „die“ Freiheit, die „wahre“ Freiheit bedeutet, bleibt fragwürdig. Wenigstens das. Die Frage nach dem gemeinsamen Grund und Sinn der Freiheiten, die sich oft gegenseitig im Wege stehen, und nach dem Wertefundament einer freiheitlichen Ordnung ist aktueller denn je. Und es gibt in Deutschland sogar eine verfassungsrechtlich verbindliche Antwort darauf.

Es ist die grundgesetzliche Aussage über die unantastbare Menschenwürde. Ihr kommt – auch juristisch gesagt – eine „Ewigkeitsgarantie“ zu. Und mit ihr kommt ein kultur- und geschichtsübergreifendes Wahrheitskriterium der Moral und des Rechts zur Geltung, das sich vorrangig der Wirkungsgeschichte des Christentums verdankt.

Es geht um die Würde der menschlichen Person, um ihre Gottebenbildlichkeit im Rahmen einer Familie und eines Volkes. Und schließlich um Christus als den „neuen Menschen“. Der ist kein politischer Messias gewesen, sondern wegen dieses Mißverständnisses gekreuzigt worden. Seine Erlösungsbotschaft sträubt sich gegen jede politische Vereinnahmung.

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Dr. Wolfgang Ockenfels, Dominikanerpater, ist Publizist und Professor für christliche Sozialethik an der Theologischen Fakultät Trier.

JF 52/17

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