Döpfner
Springer-Chef Mathias Döpfner auf einer Medientagung der österreichischen Regierung in Wien Foto: picture alliance/APA/picturedesk.com
Medien

Döpfner: Fall Relotius hat Grundvertrauen in Medien erschüttert

BERLIN. Springer-Chef Mathias Döpfner hat in der Relotius-Affäre des Spiegel vor falscher Branchensolidarität mit dem Magazin gewarnt. Die von Claas Relotius frei erfundenen Texte hätten „Grundvertrauen erschüttert“ und „zum Teil berechtigte Kritik an unserer Branche bestätigt“, sagte Döpfner der Nachrichtenagentur dpa.

Der Fall gehe alle Medien etwas an, nicht nur den Spiegel, denn: „Relotius hatte ja Vorboten!“ Döpfner erinnerte dabei an den Reporter, „der Seehofers Modelleisenbahn anschaulich beschrieb, ohne in dem Keller gewesen zu sein, in dem Seehofer sie aufgebaut haben soll“.

Schlimmer als Hitler-Tagebücher

Gleichzeitig kritisierte Döpfner zu starke Zurückhaltung bei der Aufarbeitung des Falles. „Der Skandal wurde im Wesentlichen auf den Medienseiten und in den Feuilletons abgehandelt.“ Dabei sei die Affäre Relotius noch „wesentlich schlimmer als die Hitler-Tagebücher“, eine Fälschung, auf die der Stern in den achtziger Jahren hereingefallen war.

„Der Name war zwar damals spektakulärer, aber der Vorgang beim Spiegel ist natürlich ein viel tiefergehender.“ Das Hamburger Nachrichtenmagazin sei dadurch vom „Sturmgeschütz der Demokratie“ zum „Luftgewehr der Phantasie“ geworden. Aber auch andere Publikationen hätten keinen Grund zur Schadenfreude. Jede Zeitung, die glaube „bei uns hätte das nicht passieren können“, sei an sich schon gefährdet. „Demut ist bei uns allen geboten.“

Auch zur Twitter-Kampagne „Nazis raus“ nahm Döpfner Stellung. Die Haltung, die dem zugrunde liege, sei höchst problematisch. „Durch solche Aktionen kristallisiert sich ein zunehmend intolerantes Meinungsklima und eine intellektuelle Unfähigkeit, mit anderen Meinungen sowie unterschiedlichen Auffassungen weltoffen und zivilisiert umzugehen.“

„Nicht jeder, der eine andere Meinung hat, ist ein Nazi“

Es sei traurig, „wenn sich ausgerechnet Journalisten so eine Haltung zu eigen machen und mit einem solchen Spruch obendrein den Nationalsozialismus verharmlosen, damit den Holocaust minimieren und ahistorisch kontextualisieren“. Im übrigen gelte: „Nazis müssen nicht raus, also woanders hin, sondern ganz verschwinden. Aber nicht jeder, der eine andere Meinung hat, ist ein Nazi.“ (tb)

Springer-Chef Mathias Döpfner auf einer Medientagung der österreichischen Regierung in Wien Foto: picture alliance/APA/picturedesk.com

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