Interview

„Das war so schäbig“

Der Schriftsteller Thor Kunkel hat für den Kinofilm „Herrliche Zeiten“ die Romanvorlage geliefert. Jetzt fühlt er sich von der Produktionsfirma ausgegrenzt. Der sei offenbar seine Arbeit für den Bundestagswahlkampf der AfD ein Dorn im Auge.

Herr Kunkel, Anfang Mai lief der Kinofilm „Herrliche Zeiten“ an, der auf Ihrem 2011 erschienenen Roman „Subs“ basiert. Nun fühlen Sie sich von der Produktionsfirma diskriminiert und ausgegrenzt. Warum?

Kunkel: Die absurden Schikanen begannen schon während der Dreharbeiten in Köln und gipfelten nun in einem Schreiben der Produktion, ich hätte zwar eine Premiereneinladung, sei auf der Bühne aber eine unerwünschte Person.

Sie beklagen sich darüber, mit keiner Zeile erwähnt zu werden. Aber auf der Internetseite der Produktionsfirma steht alles andere als versteckt unter Drehbuch: „frei nach Motiven des Romans ‘Subs’ von Thor Kunkel“.

Meine Rolle als Künstler soll geschmälert werden

Kunkel: Achten Sie auf die Feinheiten. Usus ist im Filmgeschäft die Formulierung: „Nach einem Roman von XY“, die von der Produktion gewählte Formulierung beabsichtigt, meine Rolle als Künstler zu schmälern und so zu tun, als hätte ich nur eine Prämisse geliefert. De facto entspricht der Handlungsrahmen der ersten 50 Minuten aber eins zu eins meinem Roman, die Hauptfiguren Dr. Claus Müller-Todt und Evi, seine Frau, entsprechen eins zu eins der Romanvorlage.

Lesen Sie einfach den Roman. Korrekterweise möchte ich anmerken, daß mein Freund Oskar Roehler mich bereits 2015, als die Pre-Production lief, von der Idee überzeugte, daß man den 420 Seiten langen Roman filmisch „eindampfen“ müsse, das heißt nach der Exposition und dem ersten Akt würde auf viele dialoglastige Szenen verzichtet werden müssen, um auf eine normale Spielfilmlänge zu kommen.

Zu der Weltpremiere vergangene Woche sind Sie aber doch eingeladen worden, oder? Und stimmt es, daß Sie zunächst trotzdem nicht eingelassen worden sind?

Kunkel: Mir wurde tatsächlich – unter dem Vorgaukeln falscher Tatsachen – der rote Teppich sowie die Bühne verwehrt. Die Behandlung war so schäbig, daß ich sie hier nicht wiederholen möchte. Es tat mir nur leid für meine Begleitung.

Gab es denn keine Absprachen, vielleicht sogar Verträge, wie und in welcher Form Sie an der Entstehung und Promotion für den Film beteiligt sein sollten?

Kunkel: In meinem Vertrag steht eindeutig „Nach einem Roman von Thor Kunkel“ und daß die Filmproduktion sich dazu verpflichte, diese Formulierung zu wählen. Wir werden nun einen Medienanwalt einschalten, denn bisher führte noch jede Kontaktaufnahme mit der geschäftsführenden Produzentin zu einem Mißverständnis.

Propaganda- und Gefälligkeitsliteratur

Oskar Roehler, der Regisseur des Films, hat Verständnis für Ihr Lamento geäußert und Sie verteidigt. Wie ist Ihr Verhältnis zu ihm?

Kunkel: Oskar ist mein geistiger Bruder und guter Kumpel; wenn er eine Frau wäre, würde ich es bei ihm versuchen … just kidding, okay? Unsere Freundschaft begann im Dunstkreis der kaputten Großstadt und im Schwarzlicht von Discostrahlern. Da braucht es mehr als eine altlinke Filmproduktion, um uns auseinanderzubringen.

Für Ihre Ausgrenzung machen Sie das „System Kulturbetrieb“ verantwortlich, das Schriftsteller-Existenzen „am laufenden Band“ zerstöre, wie Sie auf Ihrer Facebook-Seite schreiben. Was und wen genau meinen Sie damit?

Kunkel: Nun, lange vor Uwe Tellkamp und Akif Pirinçci wurde an mir das erste Exempel an einem Andersdenkenden statuiert. Ich wurde als Jahrgangszweitbester beim Bachmann-Wettbewerb jahrelang vom Kulturbetrieb verhätschelt. Dann schrieb ich „Endstufe“, einen Roman, der das Dritte Reich als turbokapitalistisches „Erotik-Wunderland“ schildert, und in dem sich junge Deutsche wie heute junge Amerikaner benehmen.

Everybody wants to rule the world. Henryk M. Broder verleumdete mich damals beim Spiegel als Revisionisten und warf mir den Satz vor, es sei auf dieser Welt besser, Täter als Opfer zu sein. Das mag hart klingen, aber ich bin nun mal ein geborener Erzähler und „ verliebe“ mich in Sätze, obwohl oder gerade weil sie auf eine klarere Sicht der Dinge abzielen. Der deutsche Literaturbetrieb ist eher an Propaganda- und Gefälligkeitsliteratur interessiert.

Welche Rolle spielt bei Ihrer Ausgrenzung Ihr Engagement für die Alternative für Deutschland (AfD), für die Sie zur Bundestagswahl 2017 eine Plakatkampagne entworfen haben?

Kunkel: Feudale Linksliberale sind schlechte Verlierer. Anstatt die Sache sportlich zu nehmen, sind sie nachtragend. Oder anders gesagt: Hätte ich nicht „Trau Dich Deutschland“, den Wahlkampfslogan der AfD, geschrieben, wäre Frau Müller nie auf den Gedanken gekommen, mich so zu dissen. Es besteht für mich jedenfalls kein Zweifel, daß es hier einen Zusammenhang gibt.

Ich rate zur Gelassenheit

Die „Zeit“ wirft Ihnen vor, Sie würden mit Ihren Einlassungen nach Jahren der Mißachtung „dringend einen Skandal anzetteln“, um auf sich aufmerksam zu machen und selbst noch einmal die Hauptrolle zu spielen. Die „Welt“ behauptet, Sie betrieben „Paria-Publicity in eigener Sache“. Hand aufs Herz: Steckt in den Vorwürfen nicht auch ein Körnchen Wahrheit?

Kunkel: Aber ja, wenn das die Marketing-Experten dieser Zeitungen so sehen, wird es schon stimmen … Den Sticker hat Marc Reichwein von der Welt extra für mich gemacht, toll. Ich persönlich rate eher zu Gelassenheit. Es wird keinen Skandal geben, ganz sicher nicht.

Immerhin erscheint parallel zum Film im Manusciptum-Verlag Ihr Roman „Subs“ in einer Neuauflage. Die Debatte um Sie dürfte dem Verkaufserfolg nicht gerade abträglich sein.

Kunkel: Das bleibt zu hoffen, denn Manuscriptums Mut, auch unbequeme Autoren zu präsentieren, sollte belohnt werden.

Sind Sie eigentlich mit der Film-Adaption zufrieden?

Kunkel: Genial, wunderbar, ein Meisterwerk des deutschen Films! Meinen Titel „der deutsche Großmeister des Trashs“ – den einzigen, den ich noch habe – vermache ich gerne meinem Freund Oskar Roehler, er hat ihn sich redlich verdient.

Wie gefallen Ihnen die Hauptdarsteller Oliver Masucci und Katja Riemann?

Kunkel: Beide sind klasse! Obwohl ich gezwungen war, mir den Film von einem Stehplatz anzusehen, habe ich oft fast schon Tränen gelacht. Vor allem Oliver Masucci hat es geschafft, die Hauptfigur zum Leben zu erwecken. Er hat offenbar den Roman besser gelesen als die Filmproduzentin.

JF 19/18

Thor Kunkel Foto: picture alliance/dpa

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