Indoeuropäische Identität

Bretonische Skizzen IX: Keltisches Blut

Bevor der französische Staatspräsident Emmanuel Macron den größeren Skandal entfesselte, gab es einen kleineren. Ende Juni hatte er am Rande seiner Audienz bei Papst Franziskus den Satz fallen lassen „Die Bretonen sind überall. Sie sind die französische Mafia.“ Selbstverständlich wollte Macron das scherzhaft verstanden wissen, aber einigen stieß die Äußerung doch übel auf, den Bretonen vor allem, die sich von seiner Regierung im Stich gelassen fühlen, die im Hinblick auf die Lage von Landwirtschaft und Fischerei, die Probleme mit der Jugendarbeitslosigkeit und dem „vivre ensemble“ nichts wirkungsvolles unternimmt.

Das republikanische „Zusammen-Leben“ hat selbstverständlich auch eine Definition dafür parat, wer denn eigentlich Bretone ist: jeder, der auf dem Gebiet der Bretagne (dauerhaft) lebt. Eine Vorstellung, die indes so weit an der Realität vorbeigeht wie jede politisch-korrekte Vorstellung von Völkern als spontanen Gebilden, die aus diversen Elementen mal so mal so kombiniert werden.

Denkmal für Königin Boudica, Anführerin der britischen Stämme im Kampf gegen die römischen Besatzer, an der Tower Bridge, London Foto: Karlheinz Weißmann

Völker sind Phänomene langer Dauer

In Wirklichkeit – und diese Wirklichkeit ist auch heute noch sinnfällig, wenn man durch Europa reist – sind Völker Phänomene langer Dauer, deren Existenz sich über Epochen erstrecken und in eine Zeit zurückreichen kann, von der diese Völker nichts mehr wissen, als sie möglicherweise noch andere Namen führten und andere Götter verehrten. Das hat damit zu tun, daß sie niemals nur auf der Gemeinsamkeit von Sprache, Sitte und Mentalität beruhten, sondern im Regelfall Heiratsgemeinschaften bildeten, die für die Wahrung der Identität eine ausschlaggebende Rolle spielten.

Andreas Vonderach hat diesen Sachverhalt für einen Fall in einem brillanten kleinen Buch analysiert. Es trägt den Titel „Gab es Germanen?“ (Schnellroda: Antaios 2017) und beantwortet die Frage mit einem klaren „Ja“. Man könnte daneben die Frage stellen „Gab es Kelten?“ Dann würde man zunächst darauf stoßen, daß deren Existenz ähnlich lebhaft bestritten wird wie die der Germanen. Denn seit dem Ende des letzten Jahrhunderts kam es in Mode, das Vorhandensein keltischer Völker in Frage zu stellen und anzunehmen, daß es im Grunde einen Prozeß der „Keltisierung“ gegeben habe, dem alle möglichen Ethnien ganz verschiedener Herkunft unterworfen wurden.

Stele, die bei Licciana Nardi, Norditalien, gefunden wurde Foto: Karlheinz Weißmann

Dem hat die britische Autorin Jean Manco mit Nachdruck widersprochen. In Blood of the Celts (London: Thames & Hudson 2015), einem ihrer letzten Bücher – sie verstarb am 25. März dieses Jahres – ergänzte sie eine von ihr bereits in früheren Veröffentlichungen aufgestellte These: daß sich die europäische Bevölkerung bisher ganz wesentlich nur aus drei Elementen zusammensetzte.

Die Kelten waren organisatorisch und politisch schwach

Gemeint sind die Nachfahren jener Ureinwohner, die den Kontinent seit langem als Jäger und Sammler bewohnt hatten, die Nachfahren einer Gruppe von Viehzüchtern, die in der Jungsteinzeit aus Kleinasien hierher gekommen waren und die Nachfahren jener Reiterkrieger, die ihre Heimat in der Steppe verließen und sich mit Beginn der Kupferzeit nach Westen in Marsch setzten. Das waren die Träger der „Kurgan-Kultur“, die sich mit einiger Sicherheit als Indoeuropäer identifizieren lassen.

Auch die Indoeuropäer erschienen Jean Manco nicht als linguistisches Phantom wie vielen ihrer Kollegen, sondern als Einheit im ethnischen Sinne, aus der die Kelten hervorgegangen sind. Die werden ihrer Meinung nach zuerst historisch faßbar in jenen Menschen, die die anthropomorphen Stelen an der Schwarzmeerküste, im Donauraum, an der heutigen Südküste Frankreichs, in Spanien und in der Bretagne errichteten, und dann als die sogenannten „Glockenbecherleute“ auftraten, bevor sie in der Eisenzeit einen Machtbereich schufen, der sich von Spanien über Frankreich und Mitteleuropa bis nach Kleinasien erstreckte.

Von einem „Imperium“ kann allerdings keine Rede sein, denn auch wenn die Kelten nichts fürchteten, außer daß ihnen der Himmel auf den Kopf fallen werde, besaßen sie offenbar weder organisatorisches noch politisches Talent. Im Konflikt mit den Römern unterlagen sie rasch.

Römer und Gallier im Kampf, Installation aus dem Museum Alesia, Alésie-Sainte-Reine, Burgund Foto: Karlheinz Weißmann

Die Kelten schufen eine funktionierende Infrastruktur

Die Tatsache, daß die Kelten schon eine Hochkultur geschaffen hatten, Städte und ein Straßensystem besaßen, erlaubte den Römern die zügige Durchdringung und dauerhafte Kontrolle ihrer Gebiete, den Kelten die rasche Assimilierung. Nach wenigen Generationen waren sie mit den neuen Herren zu einer neuen Einheit verschmolzen.

Vollständig verschwunden sind sie deshalb nicht, so wenig wie in Folge ihrer späteren Niederlagen gegen die Germanen. In dem erwähnten Buch von Jean Manco gibt es eine sehr aufschlußreiche Karte, die das zeigt, was sie die besondere genetische „Signatur“ im westlichen Europa nannte: die Konzentration der Y-DNA-Untergruppe R1b1a2a1a2c (L21) in Irland sowie Schottland, Wales und Cornwall, den bekannten Rückzugsgebieten der Kelten. Auf dem Kontinent gibt es nur eine Region, die diese Auffälligkeit zeigt: die Bretagne.

 

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Bisher erschienen:

Bretonische Skizzen I
Bretonische Skizzen II – Ernest Renan
Bretonische Skizzen III
Bretonische Skizzen IV – Comics und Identität
Bretonische Skizzen V
Bretonische Skizzen VI
Bretonische Skizzen VII – Seiz Breur

Bretonische Skizzen VIII

 

Blick von Tara, Irland, dem Sitz der keltischen Hochkönige, die über den südlichen Teil der Insel herrschten Foto: Karlheinz Weißmann

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