Schloss
lick auf Schloß Comper und den See Vivianes Fotos: Karlheinz Weißmann

Artus-Sage
 

Bretonische Skizzen VIII – Bretonische Geheimnisse

Es war keine Überraschung. Kurz nach Erscheinen des neuesten Krimis aus der Feder von „Jean-Luc Bannalec“ (das bretonische Pseudonym des deutschen Autors Jörg Bong) stand dieser auf Platz 1 der Bestsellerlisten für leichte Lektüre. Wie immer geht Kommissar Dupin mit seinem Team aus Concarneau auf Mörderjagd. Der Titel „Bretonische Geheimnisse“ bezieht sich allerdings auf die ganz großen „Bretonischen Geheimnisse“: Wer war König Artus? Was ist der Gral? Wo lag Camelot?

Dementsprechend finden die Ermittlungen im Wald von Paimpont oder Wald von Brocéliande statt, gute sechzig Kilometer westlich von Rennes, wo zahlreiche Schauplätze des Artus-Sagenkreises angesiedelt sind: Das Tal ohne Wiederkehr, die Kirche des Grals, das Grab Merlins und der See der Fee Viviane. Dessen Zuordnung zu dem Schloß von Comper ist allerdings relativ jungen Datums und nicht zuletzt dem Erfolg des Centre de l‘ Imaginaire Arthurien zu verdanken, das dort seinen Sitz hat.

Kern der Sage dürfte keltisch sein

Fenster aus der „Gralskirche“ in Tréhorenteuc

In diesen Wochen feiert man dort das dreißigjährige Bestehen der Einrichtung mit Ausstellungen und Konferenzen, einem Fest samt Turnier. Daneben läuft das übliche Programm, das vor allem aus Führungen durch das Schloß und zu den einschlägigen Plätzen besteht, an denen Erzähler den Besuchern die Geschichten von Iwein mit dem Löwen, Gawain und Lancelot, Tristan und Isolde zu Gehör bringen, von der bösen Fee Morgane, von Merlins Schicksal und dem Ende, das König Artus im Kampf gegen Mordred findet, gefolgt von der Überfahrt nach Avalon, wo er auf seine Rückkehr wartet, um das Land von allen Feinden zu befreien.

Wenn die Artus-Sagen gemeinhin als britische Überlieferung gelten, dann wird leicht übersehen, daß er der „König beider Britannien“ war, also auch Herr der Bretagne. Möglicherweise haben jene Stämme, die seit dem 5. Jahrhundert vor dem Druck der germanischen Invasoren aus ihrer alten Heimat Cornwall oder Wales auf die Halbinsel Armorica auswichen, die Erzählungen mitgebracht. Sicher ist das aber nicht, während man mit einiger Gewißheit sagen kann, daß der Kern der Artus-Texte, die im Hochmittelalter eine so außergewöhnliche Bedeutung gewannen, keltisch sein dürfte und seinen Ursprung in jenem „dunklen Zeitalter“ hat, das auf den Zusammenbruch der römischen Herrschaft folgte.

Die Neuzeit konnte mit dem Stoff erst einmal wenig anfangen. Aber im 18. Jahrhundert gewann er seine Anziehungskraft zurück. Die „Keltischen Renaissance“ erfaßte zuerst Schottland, Irland und England, dann auch die Isle of Man, Cornwall und die Bretagne und führte zu einer Rückbesinnung auf das eigene Erbe. Selbstverständlich spiegelte sich in der Darstellung der Männer der Tafelrunde, aber mehr noch in dem Bild, das von Artus gezeichnet wurde, immer etwas von den Erwartungen der Zeit: es ging um das Ideal des „christlichen Gentleman“ oder des weisen Herrschers, um den Bürgen imperialer Einheit oder nationaler Emanzipation.

Verwurzelung der bretonischen Identität

Programm einer linksnationalistischen Kleinpartei mit einem Emblem, aus Triskel und Excalibur bestehend, Mitte der 1980er Jahre

Auch wenn das heroische Vorbild nach dem Zweiten Weltkrieg vorübergehend in Mißkredit geraten war, ließ die nächste Welle des Interesses nicht lange auf sich warten und stand im Zeichen von Fantasy und New Age. Der Erfolg der feministischen Umdeutung in Marion Zimmer Bradleys Roman Die Nebel von Avalon (1982) wie des düsteren Filmmeisterwerks Excalibur (1981) von John Boorman sprachen für sich.

Man kann auch die 1979 von einem kleinen Kreis bretonischer Intellektueller gegründete Zeitschrift artus in diesen Zusammenhang stellen. Die einzelnen Ausgaben wurden aufwendig und ästhetisch anspruchsvoll gestaltet. Ein Blick in den Inhalt genügte, um zu erkennen, daß es hier nicht darum ging, direkt politisch zu wirken. Aber mit dem Bezug auf die Überlieferung einerseits, bildende Kunst und Literatur der Gegenwart andererseits verfolgte man ein Programm des „enracinement“ – der „Verwurzelung“, der Wiederherstellung einer bretonischen und keltischen Identität, das bei Erfolg selbstverständlich politische Wirkung haben mußte.

Aufkleber der Zeitschrift artus, Mitte der 1980er Jahre

Auch die Idee für das eingangs erwähnte Centre de l‘ Imaginaire Arthurien ist im Umfeld von artus entstanden. Man hat sich dort aber längst von diesem Ursprung entfernt, ist heute ungleich populärer als zu Beginn, professioneller und weniger weltanschaulich fixiert. Wenn man die jungen Leute, die in Comper den Publikumsbereich betreuen, auf die Anfänge des Zentrums anspricht, schütteln sie nur irritiert den Kopf.

Sie haben auch keine Ahnung, daß Bong / Bannalec das Schloß als Hauptschauplatz seines Krimis genutzt hat, und Kommissar Dupin ist in der Bretagne sowieso ein Unbekannter. Dann erinnert sich einer meiner Gesprächspartner aber doch und erzählt kopfschüttelnd von einem deutschen Spielfilm, den man in Frankreich gezeigt habe, und in dem ein Deutscher einen bretonischen Polizisten spielte. „Etwas bizarr“, sagt er, aber lächelt dabei.

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Bisher erschienen:

Bretonische Skizzen I
Bretonische Skizzen II – Ernest Renan
Bretonische Skizzen III
Bretonische Skizzen IV – Comics und Identität
Bretonische Skizzen V
Bretonische Skizzen VI
Bretonische Skizzen VII – Seiz Breur

lick auf Schloß Comper und den See Vivianes Fotos: Karlheinz Weißmann
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