Mont-Saint-Michel

Bretonische Skizzen I

Es ist ein ewiger Streit, und er hat mit der Grenze der Bretagne am Fluß Couesnon zu tun. Der Konflikt entzündet sich an der Frage, ob der Mont-Saint-Michel zur Normandie oder eben zur Bretagne gehört. Manche Verlage behelfen sich damit, daß sie den berühmten Berg des Erzengels in den Reiseführern der einen wie der anderen Region behandeln. Was verständlich ist. Denn aus der Sicht der Tourismusbranche geht es vor allem darum, noch mehr als die drei Millionen Besucher anzulocken, die den Mont-Saint-Michel heute schon jährlich besuchen.

Als sich die ersten Mönche im 8. Jahrhundert auf dem kleinen Eiland ansiedelten, das durch eine große Flut vom Festland abgerissen worden war, gab es noch keine Normannen und kein Frankreich und das Interesse an diesem Abschnitt der Kanalküste war eher gering. Das änderte sich, nachdem Michael drei Mal dem Heiligen Aubert erschienen war und von ihm die Errichtung eines Klosters verlangt hatte.

Beschützer Frankreichs

Abguß der Figur des Heiligen Michael auf der Turmspitze der Abteikirche Foto: Karlheinz Weißmann

Da Aubert zögerte, drückte ihm der Engel als Mahnung ein kreisrundes Loch in den Schädel. Wer daran zweifelt, kann sich persönlich überzeugen. Allerdings nicht auf dem Mont, sondern in der Kirche Saint-Gervais der kleinen Stadt Avranches, die dem Inselberg gegenüber an der Küste liegt. Dorthin wurden nach der Aufhebung des Klosters im Gefolge der Französischen Revolution alle verbliebenen Gegenstände gebracht.

Es handelte sich nur noch um einen traurigen Rest der einstmals reichen Ausstattung, denn der Mont-Saint-Michel gehörte zu den wichtigsten Abteien und Pilgerzielen Frankreichs, und er war gleichzeitig Festungsanlage, von Bedeutung sowohl im Hundertjährigen Krieg wie während der Hugenottenkriege. Seine Unbezwingbarkeit galt als Symbol der Unbezwingbarkeit Frankreichs und als Beweis dafür, daß St. Michael der „Beschützer Frankreichs“ sei.

Diese ausgezeichnete Stellung des Erzengels war das Ergebnis einer längeren Entwicklung, die im Hochmittelalter einsetzte, aber im Grunde bis auf die Zeit der Christianisierung zurückreichte. Denn die Verehrung Michaels war im Westen lange unbekannt und kam erst mit der Gründung des Klosters auf dem Monte Gargano 491 in Gang.

Kriegsgott der Deutschen

St. Michael an einem steinernen Kruzifix vor der Kirche Notre-Dame-et-Saint-Tugen in Brasparts Foto: Karlheinz Weißmann

Dieser andere Berg des Heiligen Michael im Süden Italiens wurde rasch zum bevorzugten Wallfahrtsort der Normannen. Die waren zwar nur mit Mühe zu taufen gewesen, legten dann aber eine bemerkenswerte Frömmigkeit an den Tag. Die behielt indes eine besondere Färbung durch den bleibend kriegerischen Charakter der Normannen, der wiederum die Sympathie für Michael, den Drachentöter und Kommandanten der Himmlischen Heerscharen, erklärt.

Es spricht außerdem viel dafür, daß Michael an die Stelle älterer heidnischer Götter trat, vor allem dann, wenn die ihm gewidmeten Kapellen und Kirchen auf Bergen errichtet wurden, die wie der Mont-Saint-Michel seit alters heilige Plätze waren. Ein Hinweis, der in Deutschland aus Gründen historischer wie theologischer Korrektheit ungern gehört wird, weil man sich bloß mit Unbehagen daran erinnert, daß Michael weiland als „Kriegsgott der Deutschen“ gepriesen worden war und sich die Behauptung, daß der Erzengel im Weltbild der Germanen Odin oder Wotan ablöste, schon bei Jacob Grimm findet, dann aber auch in den Köpfen aller möglichen völkischen Neuheiden herumspukte.

Solche Vorbehalte kennt man in Frankreich nicht. Wer durch das Museum in Avranches geht, das die Handschriften des Mont-Saint-Michel beherbergt, wird auf den erläuternden Tafeln ganz selbstverständlich den Hinweis finden, daß sich die Popularität des Erzengels wohl daraus erklärte, daß er keltische oder gallo-römische oder germanische Kriegs- und Sturmgötter ersetzt habe. Was auch recht gut erklärt, warum die wichtigsten Michaelsheiligtümer des Mittelalters in den Gebieten der Langobarden, Angelsachsen und Normannen lagen.

Ganz unwidersprochen wird das der geschichtsstolze Bretone nicht lassen, sondern seinerseits darauf hinweisen, daß einer alten Legende nach, die Bretagne selbst aus dem Leib des von Michael erschlagenen Drachen geformt wurde, und zu den sieben heiligen Anhöhen des alten Armorika neben dem Mont Dol, dem Menez Bel-Air, dem Menez Bré, dem Mané Gwen und dem Ménez-Hom auch der kleine oder Mont Saint-Michel de Brasparts und eben der große Mont-Saint-Michel gehörten.

Der Mont-Saint-Michel Foto: Karlheinz Weißmann

Unterstützung

Wenn Ihnen der Artikel gefallen hat: Unterstützen Sie die JF mit einer Spende.

Der nächste Beitrag

ähnliche Themen

All articles loaded
No more articles to load

aktuelles

All articles loaded
No more articles to load