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Klaus Hornung Foto: privat

Klaus Hornung zum 90. Geburtstag
 

Praktische Vernunft

Klaus Hornung, der am heutigen Tag sein 90. Lebensjahr vollendet, gehört demselben Jahrgang an wie Robert Spaemann, Günter Rohrmoser und Joseph Ratzinger, Benedikt XVI. – ein guter Jahrgang, alt genug den Zweiten Weltkrieg und das Jahr 1945 noch sehr bewußt erlebt zu haben, jung genug, um die nachfolgenden Jahrzehnte der Bundesrepublik federführend begleiten und gestalten zu können.

Hornung kam nach dramatischen Monaten in der Wehrmacht nach 1944 in amerikanische Kriegsgefangenschaft. 1946 absolvierte er in seiner Heimatstadt Heilbronn das Abitur und studierte dann in Tübingen breit angelegt, und doch zielgerichtet auf den Schuldienst hin Geschichte, Politik, Anglistik und Germanistik. Bei dem bedeutenden Historiker des Widerstands und jüdischen Emigranten Hans Rothfels promovierte Hornung im Jahr 1955; auch Theodor Eschenburg und der früh verstorbene Historiker Rudolf Stadelmann prägten sein Denken.

Verhältnis von demokratischem Staat und Armee

Sein Organisationstalent und seine große pädagogische Fähigkeit formten sich am Beginn des Berufslebens in der Landeszentrale für Politische Bildung Baden-Württemberg aus. Die Dozentur und spätere Ordentliche Professur an der Pädagogischen Hochschule Reutlingen, nach mehreren erfolgreichen Bewerbungen auf vergleichbare Lehrstühle, schloss sich seit 1962 an. 1987 wechselte Hornung an die Universität Hohenheim, wo er, ähnlich wie Günter Rohrmoser, auch zahlreiche Hörer aus dem Bürgertum der Stadt Stuttgart erreichte.

Einige Besonderheiten fallen schon an seinem frühen Oeuvre auf: Mit seiner Habilitation an der Universität Freiburg unter der Ägide von Wilhelm Hennis und Dieter Oberndörfer profiliert sich Hornung in einem seinerzeit – und auch später – viel zu wenig thematisierten Forschungsfeld, dem Verhältnis von demokratischem Staat und Armee.

Seine Habilitationsschrift nimmt, seinerzeit sehr innovativ, Impulse aus der US-amerikanischen Politologie, namentlich von Samuel Huntington auf. Das strategische Denken Hornungs wird hier bereits deutlich. Angesichts der vielfachen Krisen der Bundeswehr und ihrer hektischen Umbauten unter einer nicht immer trittsicheren politischen Grammatik dürfte diese Studie neue Aufmerksamkeit beanspruchen.

Politischen Denker

Ebenso wird deutlich, daß Hornung schon 1980, in der Folge einer DAAD-Gastprofessur in Kairo die Gefährdungen im Nahen Osten und insbesondere die Probleme des Politischen Islamismus eingehend analysierte.

Als eigentlicher Fokus seiner Publikationen bildete sich indes die Totalitarismusforschung heraus. Mit Hannah Arendt oder Ernst Nolte, dessen Theorie vom Kausalnexus Hornung sich freilich nicht aneignete, arbeitete er die totalitäre Bilanz des 20. Jahrhunderts heraus: nach einer Reihe von Vorstudien und Lehrwerken, nicht zuletzt von profunden Abhandlungen über den Marxismus, souverän und mit meisterlicher Hand in der Monographie: ‘Das totalitäre Zeitalter’ (1993). Es liegt auf dieser Linie, daß sich Hornung besonders intensiv mit den Fragen des Widerstands gegen Hitler und den Alternativen in der Zeit selbst beschäftigte.

Die Monographie über den General Wilhelm Groener aus dem Jahr 2007 legt davon ein besonders souveränes Zeugnis ab. Nicht die Perspektive des allwissenden arroganten Nachgeborenen, sondern die konzise Rekonstruktion von Weichenstellungen, Erwartungen, verfehlten und doch denkbaren Optionen in der Zeit leitet Hornungs Geschichtsschreibung an. Auch die beiden Sammelbände aus jüngeren Jahren ‘Vernunft im Zeitalter der Extreme’ (2012) und ‘Freiheit oder Despotismus: Die Erfahrung des 20. Jahrhunderts’ (2015), die seine Aufsätze und Abhandlungen bündeln, zeigen Hornung als einen politischen Denker und Ideenhistoriker, dem vor allem an einem wohlbegründeten Gemeinsinn der freiheitlichen Demokratie gelegen ist.

Überzeugter Europäer

In diesem Sinn betätigte sich Hornung immer auch als Confessor und Politischer Publizist von Rang. Er ist ein Konservativer evangelisch-lutherischer und pietistischer Prägung, schwäbisch und zugleich preußisch orientiert. Radikalismen und Unüberlegtheiten waren seine Sache nie. Und er ist ein leidenschaftlicher Patriot, aber keineswegs ein Nationalist. Auf die Kunst der Mitte, die aristotelische mesotes versteht sich Hornung ebenso gut wie auf die praktische Urteilskraft.

So fern ihm, mit guten Gründen, ein überbürokratisiertes Brüsseler EU-Europa ist, so skeptisch er auf die neuen Fetische von Digitalisierung und einen entfesselten Finanzmarktkapitalismus blickt: Hornung ist auch in der Folge seiner Generationenerfahrung, ein überzeugter und überzeugender Europäer. Europa ist in seiner geostrategischen und kulturellen Landkarte stets auf Rußland hin geöffnet: nach 1989 pflegte er hier weitreichende Kontakte. Zugleich hielt er an einer vernünftigen transatlantischen Grundhaltung fest.

Es ist klar, daß Tendenzen zu ideologiestaatlicher Vereinheitlichung und die durchgreifenden Wirkungen der 68 er-Strategie Hornungs entschiedenen Widerspruch fanden. Von heute her gesehen, sind nicht einzelne Ämter und Engagements, die er mutig und klarwahrnahm, das, was bleibt, sondern das entschiedene Eintreten für eine Ordnung der Freiheit. Verpflichtet ist er bis in die Tagespublizistik hinein den Hausgöttern konservativen politischen Denkens, die seinen Blick mit bestimmen und an denen sich seine Analysen schulen: Burke, de Tocqueville, Burckhardt und Hayek.

Bildung und Humanität

Bismarcks klugem Gleichgewichtsspiel und Adenauers Staatskunst bilden für Hornung Koordinaten einer weitsichtigen, ethischen geprägten Politik, die auch in den veränderten Lagen des 21. Jahrhunderts nach seiner berechtigten Überzeugung ein dringendes Desiderat bleiben. Hornung weiß – und verkörpert – Politik als Praktische Philosophie, einen Sensus communis, der nicht abstrakt freischwebend konstruiert werden kann, sondern aus den bleibenden Traditionen, nicht zuletzt aus Literatur, Kunst und Kultur zu gewinnen ist. Auch die Bewahrung der Natur, die ökologische Dimension des Konservatismus, ist ihm deshalb ein Herzensanliegen. Die Kulturlandschaften Europas hat er immer wieder bereist. Auch daraus lebt seine Bildung und Humanität.

Im Habitus und Anspruch ist er deutlicher noch als von der Reformation vom Pietismus geprägt: dem Gestus des „mehr Sein als scheinen“, den er auch in verschiedenen Ehrenämtern vorbildlich zur Geltung brachte. Die Forderung des Tages und die Neugierde und Bereitschaft, sich auch auf schwierige Gedankengänge nach wie vor einzulassen, wenn sie es denn wert sind, haben ihn im neunten Lebensjahrzehnt nicht verlassen.

Großer Freundeskreis

Nicht zuletzt: Klaus Hornung ist ein wunderbar verlässlicher Freund: Auch Stürme und Untiefen kann eine Freundschaft mit ihm bestehen. Meinungsunterschiede lassen ihn nicht das Verbindende übersehen.

Er kann auf ein Werk und Leben zurückblicken, das Format hat.

Das Alter bringt, unweigerlich, auch Schatten mit sich. Klaus Hornung, den sehr lange eine glänzende Vitalität auszeichnete, hat dies auch erfahren. Die Anfechtung, tentatio, und die Frage, ob der Glaube Tod und Schmerz überwinden kann, sind ihm nicht fern. Doch er bewahrt Haltung, so daß das „Besonnte“ im Rückblick überwiegt: nicht zuletzt kann er noch immer in einem großen Freundeskreis und einem verlässlichen Familienzusammenhang leben.

Jüngst erst publizierte er einen brillanten Essay, der die Lebensthemen ‘Freiheit oder Despotismus’ mit der Analyse der gegenwärtigen Krisen von Deutschland und Europa verbindet. In diesem Sinn wird Klaus Hornung auch weiter das Zeitgeschehen betrachten, die concordia discors der Geschichte, mit Klarheit und der Kraft praktischer Vernunft, die so sehr not tut.

Klaus Hornung Foto: privat
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