Schlumpf-Comics
 

Braun statt blau

Dietmar Dath, der linkslastige Pop-Witzbold des FAZ-Feuilletons, schrieb 2005 einen Aufsatz über die „Schlümpfe“. Wie jedermann weiß, sind das die von dem belgischen Zeichner Peyo erfundenen blauen Comicszwerge mit den weißen Höschen und Mützen, die mitten im Wald in einer Art Kommunengemeinschaft leben, die mit strenger Hand von dem weisen Papa Schlumpf geführt wird. Dieser unterscheidet sich vom Rest seiner blauen Genossen nur durch den Rauschebart und die rote Mütze. Ansonsten gibt es im Dorf verdächtigerweise nur ein einziges, durch einen blonden Schopf und ein Kleidchen gekennzeichnetes Weibchen, was allerhand Fragen nach Fortpflanzung und Sexualleben der Wichte aufwirft.

Für Dath jedenfalls stand fest: „Wir haben es hier, da beißt die Maus keinen Faden ab, mit Maoisten zu tun. In ungemein zahlreichen essentiellen Punkten – ihrer uniformen Kollektivbekleidung, ihrer aufs Gemeinwohl gedrillten Arbeitsmoral, ihrer organisierten Abneigung gegen traditionelle Rückbindung des eigenen Tuns an den mythischen Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staates, die alle drei bei den Schlümpfen faktisch bis auf ein wenig dekoratives Zubehör nicht existieren – gleichen Mao Tse-tungs Untertanen den verzauberten Zwergen.“

Sind die schlumpfische Kommunisten etwa in Wirklichkeit Nazis?

Diese bahnbrechende Entdeckung hat gerade mal für ein müdes Amüsement gereicht, Dath aber nicht gerade Schlagzeilen eingebracht. Kommunismus gilt gemeinhin als schlumpfig-harmlose Sache, und da ist es auch schnurzegal, daß Mao doppelt so viele Menschenleben auf dem Gewissen hatte wie Hitler und Stalin zusammen.

Da war der französische Autor Antoi-ne Buéno, dessen Thesen nun die Runde durch die Medien machten, publicitytechnisch schon um einiges schlauer. In seinem für Juni angekündigten „Kleinen blauen Buch“, einem „Essay über die Schlümpfe“ räumt er zwar ein, daß der „schlumpfische Kommunismus leicht erkennbar sei“, etwas viel, viel „Problematischeres“ aber bislang übersehen wurde: denn in Wirklichkeit seien die fröhlichen Zwerge ein fieser Haufen rassistischer, frauenfeindlicher und antisemitischer Nazis!

Nazi! Hitler! Etwas Effektiveres gibt es wohl nicht, um noch dem größten Unfug breite Aufmerksamkeit zu verschaffen, was nun auch der dänische Regisseur Lars von Trier erfahren mußte, der wegen ein paar Sottisen über Hitler aus Cannes verbannt wurde.

Nach Buéno sind nun die ethnisch hyper-homogenen Schlümpfe stark auf ihre Rassereinheit bedacht, was vor allem in der berühmten Geschichte „Die schwarzen Schlümpfe“ zum Ausdruck kommt, wo die Dorfbewohner durch eine tollwutartige Infektion nach und nach den blauen Teint verlieren, bösartig werden und damit quasi „vernegern“. „Die rassische Degeneration wird als ansteckende Krankheit gezeigt.“

Der Erzfeind als antisemitische Karikatur?

Der Erzfeind der Schlümpfe, der krummnasige Zauberer Gargamel, dessen Kater den hebräischen Namen „Azrael“ trägt, kann indessen nichts anderes sein als eine antisemitische Karikatur, während das Dorf wie die „nazistische Gesellschaft und das faschistische Italien“ eine „korporatistische“ Struktur aufweise. Als weitere Belastungsindizien nennt Buéno das diktatorische Führertum des Papa Schlumpf, die Reduktion des Weiblichen, einen „okkulten“ Romantizismus und die „heidnische“, tendenziell antichristliche Ausrichtung der Bläulinge. Gefahr erkannt, Gefahr gebannt? Werden die Schlümpfe nun nach „Tim und Struppi“ wegen ihrer „rassistischen“ Abenteuer im Kongo die nächsten auf der Abschußliste politisch korrekter Saubermänner?

Wer sich Buénos bisheriges Schaffen allerdings genauer ansieht, kann leicht auf den Verdacht kommen, daß es sich bei dem Anti-Schlümpfe-Pamphlet womöglich um eine großangelegte Parodie handelt, ähnlich dem Siebziger-Jahre-Klassiker „Die Ducks – Psychogramm einer Sippe“ von „Grobian Gans“. Der 1981 geborene Buéno ist ein postmodern angehauchter Autor, Christian Kracht nicht unähnlich, der jedoch der christdemokratisch-zentristischen Partei „Union für die französische Demokratie“ nahesteht.

Satire als verbissen ernster Kulturkampf

Wo die Satire anfängt und wo sie aufhört, läßt sich inzwischen allerdings nicht immer so einfach bestimmen. Die PC-Fanatiker schrecken heute vor keiner Absurdität zurück. In den USA wurde Twains „Huckleberry Finn“ von dem Wort „Nigger“ gesäubert, in Deutschland Astrid Lindgrens „Pippi in Taka-Tuka-Land“ vom „Negerkönig“. In Großbritannien erschien unlängst eine Studie, wonach klassische Kinderbücher wie „Pu der Bär“ und „Der fantastische Mr. Fox“ „sexistisch“ seien, weil darin überwiegend männliche Figuren vorkämen. In einer solchen geistigen Atmosphäre kann man auch die Schlümpfe frei nach Bart Simpson als „Nazikommunisten“ brandmarken, und die Blondheit Schlumpfinchens als Manifest „arischer“ Rassenideale werten, ohne daß es weiter auffiele.

Ein Ende dieses leider verbissen ernst gemeinten Kulturkampfes ist nicht abzusehen. Erwähnt sei auch noch Richard Herzingers semi-klassische Attacke auf Asterix und Obelix, die er als reaktionäre „Anti-Westler“ anprangerte, die sich, ähnlich den Schlümpfen, an ihrer „ethnisch homogenen Dorfgemeinschaft“ festklammern würden, statt sich den Segnungen der „römischen“ (analog: „amerkanischen“, „westlichen“) Zivilisation zu öffnen, wie etwa dem Multikulturalismus, den man so vorbildlich in Entenhausen verwirklicht sehe.

Einem solchen Kanaillentum (bei der Lektüre von Asterix zu den Römern halten!) möchte man am liebsten ein anderes Buch von Antoine Buéno entgegenhalten: den politischen „Outing“-Leitfaden mit dem Titel „Ich bin rechts, und ihr könnt mich mal!“, der allerdings leider ebenfalls nur ironisch gemeint ist.

JF 22/11

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