Ikonen zum Verlieben

Mitten in dem klassisch dekorierten Zimmer steht ein Holztisch, bestückt mit Kristallkaraffe, Gläsern, alten Leuchtern und einer Bibel von 1903. An der Wand hängt ein Kruzifix, ein riesiges Frauenbildnis und ein Spiegel: eine altbürgerliche Wohnung, glaubt der erste Blick. Aber dann fallen surreale Brechungen auf, beispielsweise die Schere an der Wand.

Auf der anderen Seite läuft eine Filmprojektion: Drei Akteure rezitieren Lautréamonts „Gesänge des Maldoror“. Bald erkennt man: Die Szene wurde in diesem Zimmer gedreht! Hier sprachen sie den Text über Maldoror, den gefallenen Engel, vereinsamt, in Finsternis. „Es heißt, die Liebe habe ihn in diesen Zustand versetzt“, verrät eine Textstelle. So wird Maldoror zum Selbstporträt des Regisseurs Werner Schröter, der seit den 1960er Jahren Film, Theater und Oper inszeniert, alle drei Kunstrichtungen miteinander vermischend.

Wie der düstere Engel Maldoror ist er „heimatlos“, lebt ohne festen Wohnsitz – immer auf der Suche nach der unerreichbaren Liebe. Diese Sehnsucht sieht er in Stummfilmgesten, im Drama und in der großen Oper verdichtet: in „Salomé“, „Lohengrin“, „Käthchen von Heilbronn“, „Emilia Galotti“ – und eben im „Maldoror“ des Comte de Lautréamont.

Hinter dessen Adelstitel verbarg sich der paraguayische Poet Isidore Ducasse. 1870 als 24jähriger in Paris verstorben, hinterließ er ein verstörendes Werk. Ihm ist diese Rauminstallation als Hommage gewidmet. Sie ist Bestandteil einer Fotoausstellung, in der Schröter Porträts seiner Schauspieler und unbekannten Weggefährten präsentiert: gesammelte Blicke, ohne Schminke und lichttechnischen Aufwand, sondern mit Minox, Polaroid und Einwegkameras fixiert – nicht immer „vorteilhaft“, aber echt. Da sind natürlich die Bildnisse der Magdalena Montezuma zu nennen, des 1984 verstorbenen Stars aus Schröters frühen Filmen. Das Gesicht dieser zu spät geborenen Zwanziger-Jahre-Diva mit ihren übergroßen, expressiven Augen war zentrale Attraktion manirierter Szenerien in „Willow Springs“ (1972) oder „Flocons d’Or“ (Goldflöckchen, 1976). Goldflocken regnen – in einem anderen Foto – auch auf Isabelle Huppert hinab, mit der Schröter seinen einzigen Kommerzerfolg, Ingeborg Bachmanns „Malina“ (1990), verfilmte.

Nebst Sehnsucht ist der Tod, die Auflösung ein ständiges Thema für den Spätromantiker Schröter. Aber anders als bei seinem jüngeren Kollegen Christoph Schlingensief bleibt der biographische Bezug meist verschleiert. So drehte er seinen jüngsten Spielfilm „Diese Nacht“ (2009) während einer – inzwischen geheilten – Krebserkrankung. Die ließ sich nur erahnen in diesem Werk, das die Allgegenwart des Todes verströmt.

Anders die Fotos, deren Gesichter den Schrecken ihrer Biographie offenbaren: besonders die Bilder vom „Mann mit der Blume im Gesicht“, aufgenommen 2007 in Portugal. Die zeigen ein Antlitz, das restlos hinter einem Blumenkohl von feuerroten Tumoren verschwunden ist. Nur zwei Augen blicken noch aus dem unförmigen Krater. Diese Tumorblüte ist wahrhaft eine „Blume des Bösen“ im Sinne Baudelaires. Nicht minder schlimm ist der Grund, warum sie im Zeitalter moderner Medizin nicht bekämpft wurde: Der Erkrankte ist Mitglied einer Religionsgemeinschaft, die ärztliche Behandlung verbietet. Wie schrecklich muß der Gott dieses Mannes sein, der sich lieber qualvoll verunstalten läßt, als den Zorn seines Herrn zu riskieren. Wird der Unglückliche diesem Gott jemals verzeihen können?

Die Grausamkeit erfährt tatsächlich noch Steigerung: durch den Kontrast mit Porträtfotos von Carole Bouquet, direkt unter die Bilder vom Blumen-Mann  gehängt. Denn Madame Bouquet, Darstellerin aus Schröters „Tag der Idioten“ (1981), wurde von der Natur mit einzigartiger Schönheit beschenkt, die sogar ungeschminkt und im simplen Licht keinerlei Abstriche erleidet.

Wen Schröter auch fotografiert, ob Wim Wenders, die Japanerin Emi, Ingrid Caven, Christine Kaufmann – er zeigt die Gesichter zwar nackt, oft hilflos, aber diese Offenheit enthält keine Denunziation. Man könnte sie fast alle lieben, diese Schröter-Ikonen. Kaum ein Antlitz, dem er nicht besonderen Glanz verliehen hat, das nicht zur Projektionsfläche von (Liebes-)Sehnsüchten werden könnte. Insofern passen diese – bis dato unbekannten – Fotografien nahtlos in das Gesamtwerk, für das er beim Filmfestival in Venedig 2008 eine Auszeichnung erhielt. Ohne sie wäre es nicht mehr vollständig.

Die Ausstellung zu Werner Schröter ist bis zum 28. Februar im Berliner Haus am Lützowplatz, Lützowplatz 9, täglich außer montags von 11 bis 18 Uhr zu sehen. Der Eintritt ist frei.

Fotos: Bulle Ogier und Magdalena Montezuma, Paris 1973: Nicht immer vorteilhaft, aber echt, Isabelle Huppert, Goldregen (2009): Sehnsüchte

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