Markus Krall Freiheit oder Untergang

 

Verbaler Süßstoff für Verlierer

Versagen heißt sterben“, verkündet ein radikaler Manga-Titel aus Japan, einem Land, in dem die Kultur des respektablen Abgangs – bis hin zum Harakiri – hohen Stellenwert besitzt. Und der Aphorismus übertreibt keineswegs: Es stirbt tatsächlich eine Menge Lebenskraft im Angesicht des Versagens. Wieviel Hoffnung zerplatzt, wieviel ermüdende Enttäuschung macht sich breit! Ja, etwas stirbt. Und je wichtiger das Ziel war, desto größer der Absturz.

Zugleich entsteht genau dann, in der größten Niederlage, die Möglichkeit zur „heroischen“ Haltung. Jeder Tragödienheld beweist seine Größe nicht im Sieg, im Erfolg, sondern im Versagen. Nur wer vor den Trümmern seiner Bemühungen aufrecht stehen kann, kann als Überwinder von Zufall, Fatum und sogar Tod gelten.

Aber was macht eine Kultur, die den Tod verdrängt? Muß die nicht zwangsläufig auch das Versagen leugnen? Sie muß – und tut dies, indem sie in Euphemismus und Umwertung nach Rettung sucht.

Es ist kaum möglich, an dieser Stelle nicht zahlreicher Stellungnahmen von Politikern zu gedenken – besonders nach den Wahlen, wenn der Verlierer seiner schlimmsten Niederlage noch „positive Seiten“ abgewinnen möchte. Der Zuhörer merkt: Hier mißbraucht jemand die prinzipielle Mehrdeutigkeit aller Phänomene, um noch Pluspunkte für sich rauszuquetschen. In solchen Reden spürt man unfreiwillige Komik und – da Versagen gleich Sterben ist – den ängstlichen Subtext: „Ich will nicht sterben.“ Angst aber verdient Mitleid. Nur schadet sich eine Person, die Mitleid und Spott provoziert, mehr als beim finstersten Bekennen eigenen Versagens.

Andererseits, wer könnte es ihnen vorwerfen? Immerhin sind sie Kinder einer Epoche, die vor einem Vierteljahrhundert alle existentiellen Bereiche mit der Pest des „positiven Denkens“ verseuchte. Darin wird alles zur „Chance“: Krankheit als Chance, Liebeskummer als Chance, Arbeitslosigkeit und – am besten noch – Tod als Chance. Als Chance wozu?  Zum Wachstum der Persönlichkeit, die so in höchste spirituelle Sphären ranken soll. Leider entwickelten auch diese Brutal-Optimisten – bei aller Umwertungskunst – eine auffallende Ängstlichkeit vor dem Faktischen.

Aber vielleicht sollte man die Ursachen nicht (nur) im Zeitspezifischen suchen. Womöglich sind das bloß Variationen eines Phänomens, das die Alltagspsychologie schon seit langem beobachtet: Wenn jemand einen Raum betritt, wo bereits Anwesende sich in bequemen Sesseln aalen, während für ihn selbst nur noch ein ungemütlicher Holzstuhl übrigbleibt – wie reagiert diese Person? Nun, sie ärgert sich spontan. Sie begreift, (mal wieder) die Verliererkarte gezogen zu haben. Natürlich möchte die Psyche diesem „unglücklichen Bewußtsein“ möglichst bald entrinnen, die innere Spannung abbauen. Also beginnt sie zu suchen – und wird bald fündig: „Ja, ist ein stabiler Holzstuhl nicht viel gesünder als so ein formloser Plumpssessel? Zwingt er nicht zu einer guten Körperhaltung, während die Sesselfurzer ein Abo beim Orthopäden erwartet?“ Schon ist die Umwertung gemacht, schon fühlt man sich auf dem härtesten Stuhl wohl, und der innere Druck ist entwichen.

Das Schönreden, das Umwerten ist der Versuch des Menschen, sich mit seinem Mangel an Allmacht zu arrangieren: mit der Einsicht, kein Gott zu sein. Kaum hatten nämlich antike Philosophen die Existenz der Götter in Zweifel gezogen, als Protagoras den Menschen als deren Stellvertreter vorschlug. Nichts anderes verkündet sein  Homo-Mensura-Satz: „Der Mensch ist das Maß aller Dinge, der Seienden, daß sie sind, und der Nichtseienden, daß sie nicht sind.“

Und wie bestimmt er das? Durch seine Sprache! Protagoras zählte nämlich zu den Sophisten, den von Plato gehaßten Rhetorikern, die Wahrheitsfindung mit geschickter Überrededungskunst identifizierten. Egal, ob in der Politik, im Geschäft oder im Alltag: Entscheidend ist nicht, wer recht hat, sondern wer recht behält. Der Redner, der die Kunst raffinierter Argumentation beherrscht, auch wenn er „der schlechten (Sache) sich bedient, gewinnt, und wenn er zehnmal unrecht hätte“, begriff der Komödienautor Aristophanes. Warum diese Sprachkraft nicht auch zur Umdeutung oder Abmilderung einer Niederlage verwenden? Alles andere wäre Zelebrierung von Tragik.

Dennoch haben die Sophisten unrecht. Es gibt Niederlagen, die keinerlei Umdeutung mehr verkraften: beispielsweise der Tod. In solchen Situationen hat die Stunde des Euphemismus geschlagen. Dann ist niemand mehr gestorben – oder gar unter Qualen verendet –, sondern „von uns gegangen“. Durch schöne Worte will man Unabänderliches ins Erträgliche übersetzen. Auch wenn die Politik eindeutigen Schrecken schafft, sucht sie dafür zweideutige oder gar positiv besetzte Begriffe. Da braucht man gar nicht die „Umsiedlung“ (statt Vertreibung), die „Schutzhaft“ oder den „antifaschistischen Schutzwall“ zu bemühen, da reicht schon die „Reform“ als verbaler Süßstoff für krasse Sparmaßnahmen. Kritiker setzen deshalb diesen Begriff konsequenterweise in Anführungszeichen, als Zeichen seiner Entlarvung.

Natürlich ist der Euphemismus unmittelbar der Ironie benachbart. Schließlich enthält das Schönreden immer noch mehr Akzeptanz von Realität als deren völlige Leugnung. Es ist ein Kompromiß zwischen harten Tatsachen und Wunschdenken – ein sensibler Balanceakt, der ein Höchstmaß an Taktgefühl verlangt. Ein Schritt in die falsche Richtung – und die Sache geht nach hinten los. Dann geschieht unfreiwillig, was Zyniker oder Virtuosen des schwarzen Humors mit voller Absicht tun: durch unangemessene Wortwahl den Lacher provozieren.

Ein perfektes Beispiel für einen solchen Lacher zitierte Theodor Lessing in seiner „Geschichte als Sinngebung des Sinnlosen“ (1919): „Im Jahr 1882 flog durch vulkanische Eruption die Südseeinsel Krakatoa in die Luft, wobei viele hunderttausend Menschen von der Flutwelle getötet wurden. Eine Riesenwolke feinen Staubes blieb in der Luft, umkreiste mehrmals die Erde und brachte die tiefen, farbigen Dämmerungserscheinungen hervor, die zu jener Zeit bis Mitte der neunziger Jahre in der ganzen Welt sichtbar waren. Es ist uns heute klar geworden, daß die Farbwolken des Krakatoa in innigster Beziehung stehen zu den neuen Malerfarben, den bunten Werten, den Neobildern, den Nuancen dieser Jahre.“

So haben hunderttausend Tote noch was Positives: bunte Werte, neue Malerfarben! 

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