Pankraz, Königin Nofretete und die Ruinenbaumeister

Ein Held darf seine Wunden vorzeigen, ein Feigling sollte sie verhüllen.“ So ein altes ägyptisches Sprichwort. Sind Gebäude Helden oder Feiglinge? Das fragt sich in Berlin zur Zeit so mancher Besucher des endlich wiedereröffneten Neuen Museums, in dem die weltberühmte Nofretete ihren alten Platz zurückerhalten hat, zur Freude aller Kunstfreunde und aller Freunde Berlins.

Nur eben: Der alte Platz ist es gerade nicht, nur der alte Ort im Zentrum der Museumsinsel. Früher war Nofretete Glanzpunkt jenes 1855 von Friedrich August Stüler errichteten Neuen Museums, das in den Bombennächten des Zweiten Weltkriegs ausbrannte und zur Ruine wurde. Heute steht sie in einem ebenfalls „Neues Museum“ genannten Haus, das zwar eine „Rekonstruktion“ des Stüler-Baus zu sein begehrt, in Wirklichkeit aber eine Weltkriegsruine ist, welche mit viel Aufwand ihre „Wunden“ vorzeigt, eine wetterfest gemachte Luxus- und Dauerruine , im Grunde ein Kuriosum ohnegleichen.

Und wozu das Ganze? Nicht praktische, ausstellungstechnische Gründe gaben den Ausschlag und auch keine finanziellen, sondern ausschließlich ideologische, geschichtstheologische. Das Gebäude sollte selber zum Ausstellungsobjekt gemacht werden, genauer: zum Demonstrationsobjekt für die Schrecken des Krieges und für die „ewige Schuld der preußisch-deutschen Kriegsverursacher“. Und dazu mußte es gewissermaßen gedemütigt werden. Die aus Stüler-Zeiten teilweise bewahrte Pracht seiner inneren Ausstattung mußte beim „Wiederaufbau“ an allen Ecken und Enden konfrontiert werden mit nackten Ruinenwänden, zerstörten Fenstersimsen, Einschuß- und Sprenglöchern.

Resteverwertung als Bauprogramm“ nennt die wackere Gesellschaft Historisches Berlin e. V. das nun zu besichtigende Resultat der ideologiesüchtigen Ruinenbaumeisterei. Und voller Bitterkeit und Zorn fügt sie – in ihrer öffentlichen Stellungnahme zu den Vorgängen – hinzu: „Dieses Haus war ein epochales Gesamtkunstwerk des preußisch-romantischen Klassizismus und der technischen Revolutionen jener Zeit, es galt bis zu seiner Zerstörung als Ikone modernster Museums-Konzeptionen … Doch der schwer kriegsverletzte Patient wurde absichtlich nicht geheilt.“

Tatsächlich war Stülers hochklassizistisches Neues Museum nicht nur prächtig ausgestattet, sondern überaus funktionell, ein Wunder an Vielverwendbarkeit. Schönheit und Funktion gingen in ihm eine einmalige Synthese ein, wie sie später nie wieder erreicht wurde. Berlin nutzte das Haus als Unterkunft bzw. Zwischenaufenthalt für die verschiedensten Sammlungen. Außer Nofretete und den ägyptischen Altertümern glänzten in ihm altgermanische und andere ethnographische Schätze, Gipsabgüsse aus der griechischen und römischen Antike, Möbel, Vasen, mittelalterliche Reliquiare; auch das Kupferstichkabinett war in ihm untergebracht.

Niemand, buchstäblich niemand kam je auf den Gedanken, daß ein Stilbruch oder auch nur eine geringe Stör-Differenz zwischen Gebäude und den gezeigten Sachen bestehe. Alles paßte, und wenn es manchmal doch nicht paßte, zögerten Stüler und seine Nachfolger nicht, bauliche Veränderungen vorzunehmen. In den Jahren 1883 bis 1887 wurde ein zusätzliches Mezzaningeschoß eingezogen, der sogenannte Griechische Hof wurde mit einem Glasdach überdeckt, ein neuer Boden auf Höhe des normalen Niveaus des Erdgeschosses entstand usw. usw.. Das Neue Museum war vor dem Krieg eine Dauerbaustelle, ohne daß ihm je im geringsten Gewalt angetan werden mußte.

Bei Kriegsende bestand in Ost wie West volle Einigkeit darüber, daß das Haus eines Tages genauso wiederaufzubauen sei, wie es vor den Bombenangriffen gewesen war. Die Honecker-Regierung ließ in ihrer letzten, gemäßigt pro-preußischen Phase einen kompletten, historisch getreuen Wiederaufbauplan erstellen, der freilich in der Schublade verschwand, da die notwendigen Gelder für den „Friedenskampf“ gebraucht wurden. Und nach der Wende von 1989 kam das Desaster. Das Projekt geriet in die Hände West-Berliner, von ’68 und PC geprägter „Einnerungsspezialisten“, und die Ruinenbaumeister bekamen, wie schon vorher beim Wiederaufbau der Alten Pinakothek in München, Oberwasser und freie Fahrt.

Daß am Ende der Brite David Chipperfield den Zuschlag erhielt, birgt eine böse Pointe. Ob er es nun gewollt hat oder nicht oder ob ihm sein Unterbewußtsein die Hand geführt hat – er hat jedenfalls in seinem Bereich nur zu Ende geführt, was einst sein Landsmann, der „Bomber-Harris“, flächendeckend in die Wege leitete: die systematische Zerstörung der preußisch-deutschen Tradition, die Verwandlung ihrer Stein gewordenen Zeugen in überdimensionale Ausrufezeichen politisch korrekten Erinnerns.

Aber nichts gegen David Chipperfield! Er ist eines jener vielgelobten, global operierenden Architektengenies, die heute in Dubai und morgen in Singapur und übermorgen in Lagos und manchmal eben auch in Berlin ihre Duftmarken absetzen. Sie richten sich nach dem Auftraggeber, übersetzen das ins brutal Wirkliche und Monumentale, was kleinere Geister sich in ihren Parteibüros ausdenken. Daß hierzulande Gebäude, jenseits aller Funktionalität, irgendwelche „Wunden“ vorzeigen müssen – dafür sind sie nicht verantwortlich.

Ob Königin Nofretete sich an dem neuen Ort, wo sie nun angeblich ihren angestammten Platz gefunden hat, wohlfühlen würde? Man darf daran zweifeln. Ihr Name bedeutet „die Schöne“, genauer: „die Schöne ist angekommen“. Schöne wollen vollkommen sein, und auch dort, wo sie ankommen, soll es vollkommen sein.

Die ägyptische Öffentlichkeit fordert von Berlin schon seit langen, daß es endlich die „Heimkehr“ der Königin nach Ägypten ermögliche, vulgo: Berlin soll die Königin ausliefern. „Bei uns“, argumentieren die Heimkehr-Enthusiasten jetzt wohl, „hätte sie wahrhaft königliche Gemächer, müßte nicht in einer Dauerruine hausen.“

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