Pankraz, der Abgleich und die abgeschnittene Ehre

Das wahrscheinliche Unwort des Jahres erklingt heuer früh: Datenabgleich. Die Bahn hat ihre Mitarbeiter nicht bespitzelt oder ausgehorcht, sie hat ihnen nicht nachgeschnüffelt und auch keine Geruchskarteien von ihnen angelegt, sie hat lediglich "Daten abgeglichen". Aus einer geheimdienstlichen Kriminalaktion wurde so ein schlichter Verwaltungsvorgang. Im Grunde ist nichts passiert. Alle Aufregung ist überflüssig, von bösen Kräften ruchlos inszeniert.

Die Unschuldsbeteuerungen der Verantwortlichen klingen possierlich, sind aber glaubhaft. Tatsächlich sind ja niemandem private Geheimnisse abgeluchst worden, sondern es handelte sich um „Daten“, die in offiziellen Computern ruhen und eben nur „abgeglichen“ werden mußten. Etwas „abgleichen“ hieß im bisherigen Sprachgebrauch, es funktionsfähig und ertragshaltig zu machen. Man verglich zwei Dinge nicht nur und machte sie auch nicht nur einander ähnlich („angleichen“), sondern man stellte einen regelrechten Funktionszusammenhang zwischen ihnen her.

Industrielle Werkstücke werden der reibungslosen Produktion wegen gegenseitig abgeglichen. Die Bahn ist, wie jedes große Unternehmen, im Interesse reibungsloser Funktionalität an korruptionsfreien Zuständen interessiert, und also gleicht sie die Daten ihrer Mitarbeiter ab. Die Daten sind nichts weiter als Werkstücke. Um ihr Inneres, um die dahinter steckenden Seelenwehwehs und sonstigen Empfindlichkeiten geht es ausdrücklich nicht, nicht einmal um eventuelle kriminelle Energien und Verfehlungen.

Viel bemerkenswerter als die Missetaten der Bahn ist der Lärm, der um ihre „Enthüllung“ veranstaltet wird. Ganz offensichtlich geht es dabei nicht nur um den üblichen Medienlärm, um die „neue Sau“, die durchs Dorf getrieben wird, um Wichtigtuerei und politisches Punktesammeln. Viele Lokomotivführer und Schaffner fühlen sich wirklich verletzt. Man hat ihnen – man denke! – die Daten abgeglichen! Das empfinden sie so wie früher ein Gentleman, dem man „die Ehre abgeschnitten“ hatte. An die Stelle der Ehre sind heute die „persönlichen Daten“ getreten.

Was sind „persönliche Daten“? Geburtsjahr und Geburtsort, Beruf und Familienstand sind wohl nicht gemeint, denn die stehen seit Olims Zeiten in vielen Registern, ohne daß sich je einer darüber aufgeregt hätte. Auch was einer öffentlich sagt und schreibt und zugelassenerweise tut, gehört nur am Rande zu den „Daten“, wirft allenfalls ein besonderes, pikantes oder gar fatales Licht auf sie. Der Kern der „persönlichen Datei“ besteht vielmehr aus einem Dickicht von halb- oder viertellegalen, zeitgeistwidrigen Verhaltensweisen, individuellen, möglicherweise degoutanten Eigenheiten und – dies vor allem – kleinen, aber ständigen Ordnungswidrigkeiten, vulgo: Gesetzesübertretungen, die nicht zur langfristigen Registrierung gelangen.

Jeder aufgeweckte Zeitgenosse weiß inzwischen, daß es mit der Geheimhaltung dieser persönlichen Daten längst nicht mehr weit her ist. Redaktionen und Pornoverlage, Kleiderläden, Parteien und Nichtstaatliche Organisationen, Banken und Versicherungen, sie alle legen voller Geduld und Verschwiegenheit über jeden einzelnen ihrer Kunden, über jedes ihrer Mitglieder „Persönlichkeitsprofile“ an und bewahren sie sorgfältig. Der Aufstieg des Internet tat ein Übriges. Das Stichwort heißt Vernetzung. Jede Instanz, die daran interessiert ist, kann sich mittlerweile aus dem Netz über die Daten beliebiger Mitbürger umfassend informieren,

Neologismen wie „Datenklau“, „Datenhandel“ oder „Datenmißbrauch“ sind inzwischen fest im Sprachbewußtsein verankert und üben Wirkung aus. Die Rede vom Datenabgleich war jetzt gewissermaßen der Tropfen, der das Faß zum Überlaufen brachte. Gerade ihre bürokratische Beiläufigkeit bringt das Publikum auf. Es will nicht, daß „seine Daten“, dieses kleine Paradies aus Asymmetrie und Ordnungswidrigkeit, abgeglichen und somit funktionalisiert werden, auch und gerade dann nicht, wenn Behörden dringendes öffentliches Interesse als Grund ins Feld führen.

Kein Mensch besteht nur aus Öffentlichkeit, keiner will nur funktionieren, auch Lokomotivführer und Zugbegleiter nicht. Die allermeisten von ihnen sind durchaus damit einverstanden, daß die Bahn korrupten Beamten in ihren Reihen, die gleichzeitig Industrielobbyist spielen und sich durch Ausschreibungsmanipulation hohe Bonitäten verschaffen, das Handwerk legt. Flächendeckenden Datenabgleich wollen sie jedoch nicht. Sie lassen sich gern untereinander vergleichen und gegebenenfalls auch maßvoll aneinander angleichen. Doch abgeglichen werden wollen sie nicht.

Da das Wort aber nun einmal da ist, sollte man es auch ernst nehmen. Es drückt auf fast unheimliche Weise eine moderne Befindlichkeit aus, die unser aller Schicksal ist und auf die wir uns einstellen müssen, die „Mehdornsche Krankheit“, wenn man will. Diese besteht darin, daß ein beträchtlicher Teil unseres Innersten in die Verfügungsgewalt fremder Kräfte gerät und jederzeit in irgendwelche Funktionszusammenhänge eingebaut werden kann, ohne daß wir uns dagegen wehren können, allem „kritischem“ Mediengetöse zum Trotz. Verglichen damit sind traditionelle geheimdienstliche Praktiken, Stasi-Repressionen etwa oder BND-Intrigen, letztlich harmlose Räuber-und-Gendarm-Spiele.

Daß die Sache auf Schiene und Eisenbahn über uns kommt, birgt eine eigene, zusätzliche Pointe. Alles bewegt sich in festen, vorgeschriebenen Gleisen, wird strengstens durch Rot- und Grünlicht geregelt, bezeugt Unabwendbarkeit. Auf Straße und Auto umzusteigen, bringt faktisch nichts, denn auch dort herrscht strengstes Regiment per Rot und Grün. Bahn und Straße können ohne weiteres abgeglichen werden und werden es auch. Die Mehdornsche Krankheit ist keine typische Bahnkrankheit, sie ist eine umfassende Zeitseuche. Wirksame Impfstoffe gegen sie sind leider noch nicht in Sicht. Wer sich gegen sie schützen will, muß seine inneren Asymmetrien so gut es geht unter Kontrolle halten.

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