Pankraz, Andrea Berg und die ultimativen Tropfen

Sogar über deutsche Schlager kann man sich manchmal gut unterhalten, so etwa über die Texte und Attitüden von Andrea Berg.  Natürlich bewegt sich auch diese Sängerin in dem üblichen Schrumm-Schrumm-Rahmen aus Herz und Schmerz, zu dem das Publikum begeistert mitklatschen kann. Aber ihr bleibt die an sich vom Genre vorgeschriebene volle Überführung des jeweiligen Liedchens in pures Wohlgefallen stets im Halse stecken. Es gibt da immer einen Rest von Bitterkeit, und die Berg weiß auch darum und läßt das die Zuhörer spüren.

„Du hast mich tausendmal betrogen“, singt sie unter tausendfachem rhythmischem Mitklatschen des Auditoriums, „du hast mich tausendmal verletzt. / Ich bin mit Dir so hoch geflogen, / doch der Himmel war besetzt“. Zwar möchte sie „es“ immer wieder tun, aber, so ermahnt sie sich, „die Gefühle haben Schweigepflicht“. Sie will um Himmels willen „keinen Traum zuviel träumen“, und die Angst vor der vielleicht doch nicht so erfüllten Erfüllung des „höchsten Augenblicks“ durchzieht sehr hörbar und sichtbar den ganzen Auftritt. Darin liegt wahrscheinlich das spezifische Erfolgsgeheimnis dieser – zur Zeit sehr erfolgreichen – Sängerin.

Irgendwie liegt das Ganze quer zum deklarierten Zeitgeist, denn der ist bekanntlich gänzlich auf „Genießen ohne Reue“ eingestellt. Man will die alte Volksweisheit, daß die Neige (die „ultimativen Tropfen“, wie die Spanier sagen) in jedem Falle und unabwendbar bitter schmeckt, mit buchstäblich allen Mitteln widerlegen.  Chemie und Psychologie gehen dabei Hand in Hand. Neuartige Zusätze halten auch noch den abgestandensten Wein- oder Bierrest frisch und appetitlich, und abgefeimte Genußspezialisten oder andere einschlägige Ratgeber versuchen einem beizubringen, wie man sich zu verhalten hat, um nach gehabten Höhepunkten ja nicht in Katzenjammer zu verfallen, von welcher Art auch immer.

Aber die Macht des Schicksals ist wohl stärker. Und es ist nun einmal unser Schicksal, daß wir uns nur momentweise, allenfalls nur für sehr kurze Fristen, auf den Höhen des Lebens halten können und daß darauf mit Notwendigkeit der Absturz folgt. Wäre es anders, könnten wir die Exorbitanz der Höhe gar nicht fühlen, alles wäre gleich, nämlich gleich fad. Und je höher der erreichte Gipfelpunkt, um so tiefer der Absturz. Die einzige Möglichkeit, der Neige, den „últimas gotas“, zu entkommen,  liegt darin, das Glas gar nicht erst zu leeren.

Bereits die alten Genußphilosophen der Antike, die Aristippos und Hegesías, hatten die Kalamität voll durchschaut und scheuten nicht vor den härtesten Konsequenzen zurück. Wer wirklich auf den Gipfelpunkt des Genusses kommen, beziehungsweise sein Publikum auf diesen Gipfel führen will, meinte beispielsweise Aristippos der Jüngere, der muß nicht nur die Neige in Kauf nehmen, sondern er muß auch schon im Vorfeld des Genusses bewußt Unlust auf sich nehmen, beziehungsweise allgemein anfachen, genau wie das Andrea Berg mit jenen Klagetönen am Anfang ihrer Orgasmus-Liedchen tut. Es bedarf der voraufgehenden Mühen der Ebene, um an die ganz große Lusterfüllung heranzukommen.

Hegesías brachte sogar den Tod ins Spiel. Im Leben, lehrte er,  sei Lust nur möglich  durch Unlusterzeugung am Anfang und Neige-in-Kauf-Nehmen am Ende. Man müsse dauernd die größten Unbequemlichkeiten erleiden, Gekeife, Ohrfeigen, Besoffenheit, widerwärtig verschmutzte Feier- und Lagerstätten. Im Tod hingegen ruhten wir friedlich, ohne im geringsten von schlimmen Antrieben und schlimmen Folgen behelligt zu werden. Die fatalen ultimativen Tropfen seien vollständig außer Gefecht gesetzt. Der Tod sei die wahre Erfüllung aller Lust.

Hier biß sich die Genußphilosophie, der sogenannte Hedonismus, regelrecht in den Schwanz, offenbarte die durch und durch paradoxe Struktur eines jeden Versuchs à la Andrea Berg, Lust durch die Erzeugung von Unlustgefühlen aufzuwürzen. Angeblich geht es dabei um die Vertiefung des Glücks, und ein harmloses Schlagerpublikum versteht das auch so und spendet hingebungsvoll Beifall. Aber bei genauerem Hinhören kommt heraus: Wir sind nicht am Leben, um glücklich zu sein, denn wirklich glücklich sein kann man nur im Tod.

Was wir im Leben an Glück genießen können, das ist kein Kontinuum, sondern das sind immer nur Momente höchster Betroffenheit und Erleuchtung, Augenblicke, wo wir uns mit der Welt, mit Gott oder mit dem Sein in höchster Übereinstimmung befinden und alle Fragen aufhören. Manches übrige mag man ebenfalls als Glück bezeichnen, doch es sind im Vergleich mit jenen Augenblicken lediglich kluge Rationalisierungen dessen, was Leben heißt und was uns dieses erträglich macht.

Für das Leben als ganzes, mit seinem Anfang und seinem Ende, gibt es – Andrea Berg sei’s geklagt – kein Glück, nicht einmal ein happy end. Denn das Ende ist immer der Tod, der unserem Leben von sich aus keinen Sinn, keine Folie und keine Würde verleiht. Daher kommt es darauf an, diesen Sinn, diese Folie, diese Würde im Gefühl der Hoffnung aus der Transzendenz, der Übernatürlichkeit heraus zu postulieren, wie das die meisten guten Nachdenker, von Platon bis Kant, auch vorgeschlagen haben.

Und wer jetzt fragt, was dies alles noch mit dem deutschen Schlagerbetrieb und speziell mit der Schlagersängerin Berg zu tun hat, dem antwortet Pankraz: Sie sollen sich bei ihren Konzerten und im Fernsehen nicht so wichtig machen, auch mit ihren höchsten Augenblicken nicht. Vielleicht sind sie manchmal tatsächlich ziemlich hoch geflogen, aber bis in den Himmel hat das nie gereicht. Sonst hätten sie gemerkt, daß der Himmel nicht besetzt ist, niemals besetzt werden kann, auch von noch so viel heller und dunkler Materie nicht und schon gar nicht von Schlagersternchen.

Andrea Berg hat immerhin eines erkannt: Jeder menschliche Höhenflug hat seine Fallhöhe. Das unterscheidet sie wohltuend von anderen ihresgleichen.

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