„Je eindringlicher die Tat sich zeigt“

Im Jahr 1961 benannte man in Sigmaringen, am südlichen Rand der Schwäbischen Alb gelegen, die neuerbaute Kaserne nach Claus Schenk Graf von Stauffenberg. Seither pflegen Militär- und Zivilverwaltung der heutigen Kreisstadt regelmäßig das Andenken des katholischen und nationalkonservativen Widerstandskämpfers. Am vergangenen Wochenende luden die in der Graf-Stauffenberg-Kaserne beheimatete 10. Panzerdivision, der Landkreis Sigmaringen und die Benediktiner-Erzabtei Beuron unter dem Leitwort „Es lebe das geheime Deutschland! – Claus Schenk Graf von Stauffenberg – Person, Tat, Rezeption“ zu einem eintägigen Symposion in das Sigmaringer Offiziersheim.

Alles in allem wurde die Veranstaltung von zwei Schwerpunkten geprägt – im zweiten Teil von der Frage nach der Rezeption des Hitler-Attentats vom 20. Juli 1944 in der Bundeswehr en gros und am Standort Sigmaringen en detail, im ersten Teil vom Nachspüren politischer Motive und geistesgeschichtlicher wie religiöser Dispositionen, die Stauffenberg zu seinem Handeln bewegt haben mögen.

Bei der Frage nach den vorrangigen Motiven postulierte der Freiburger Militärhistoriker Wolfram Wette (JF-Porträt 29/09) in seinem das Symposion eröffnenden Referat eine Lücke: Hier sei bislang kaum systematisch geforscht worden. Dem anfänglichen Vorwurf, Stauffenberg hätte Verrat geübt, habe man später mit überhöhenden Begriffen wie jenem vom „Aufstand des Gewissens“ geantwortet. Laut Wette hatten jedoch vor allem national- und machtpolitische Erwägungen Stauffenbergs Entschluß reifen lassen, wenngleich der Historiker ein von Diversität geprägtes Bündel an Motiven samt Entwicklungen und Widersprüchlichkeiten einräumt.

Mit Motiven und Entwicklungen, die, cum grano salis gesprochen, für Wette nicht zu den zuletzt ausschlaggebenden Beweggründen gehören, beschäftigten sich nichtsdestotrotz zwei weiteren Referenten. Für den Stefan-George-Biographen Thomas Karlauf bestimmten drei Motivkreise Stauffenbergs Handeln: Soldatentum, Familie und „die geistige Welt Stefan Georges“. Den Gebrüdern Stauffenberg, und somit auch Claus, erwuchs ab 1923 der enge Kontakt mit dem 1933 verstorbenen Dichter zu einer Leben und Denken prägenden Größe.

So liegt es laut Karlauf zum Beispiel nahe, daß Stauffenberg das 1943 im Offizierskreis zitierte George-Gedicht „Der Widerchrist“ subversiv auf Hitler bezog, nachdem er erkannt habe, daß die dichterische Idee eines neuen Europa unter Führung der deutschen Jugend von Hitler korrumpiert worden sei. Der Offizier, der anfänglich dem Nationalsozialismus als möglicher geschichtlicher Realisierung von Georges Vision eines geheimen Deutschlands wohlwollend gegenüberstand (aber auch skeptisch auf das primitive Gebaren in der Anhängerschaft des Dritten Reiches blickte), mußte nicht allein das Scheitern dieser Hoffnung erleben, sondern fühlte sich persönlich und jenes Deutschland von Hitler verraten: Nun war, im Sinne Georges, eine Elite gefragt, die sich durch die Tat definiere – zumal Begriffe wie Umsturz und Staatsstreich auch in der Welt Georges eine Rolle spielten.

Daß die Ideale des Dichters auch noch 1944 Stauffenberg in ihren Bann schlugen, sieht Karlauf durch einen Abend beglaubigt, bei dem George ein zentrales Gesprächsthema war. Zwei Wochen danach sollte das Attentat verübt werden.

Als weiteren Motivkreis nahm der zur Beuroner Klostergemeinschaft zählende Klausner Br. Jakobus Kaffanke den religiösen Werdegang Stauffenbergs in den Blick und eröffnete sein Referat mit der Einsicht, daß diese Thematik in der frühen Literatur über den Helden des 20. Juli weitaus intensiver zur Sprache gekommen sei als in jüngeren Beiträgen. Von der gut belegten religiösen Sozialisation innerhalb der katholischen Kirche in Kindheit und Jugend Stauffenbergs, in der ein „natürlicher und selbstverständlicher Glaube gelebt“ wurde, schlug der Benediktiner einen Bogen zur religiösen Praxis des späteren Offiziers, der an der Spitze seiner Soldaten die Heilige Messe besuchte.

Der bereits 1939 in eine Verschwörung gegen Hitler involvierte und im Januar 1945 aus der Wehrmacht entlassene Generaloberst Franz Halder bezeichnete Stauffenberg als eine „tief in der Verantwortung vor Gott verwurzelte Herrennatur“. Stauffenberg selbst bekannte sich wenige Tage vor dem Attentat seinerseits zum „Mord aus christlicher Verantwortung“ und suchte den katholischen Berliner Bischof Konrad Graf von Preysing auf, der ihm für das Vorhaben, so Kaffanke, zwar „nicht den Segen der Kirche, aber seinen persönlichen Segen“ geben konnte.

Das letzte dokumentierte Glaubenszeugnis stammt vom Abend des 19. Juli 1944: Als sein Wagen abends an einer Dahlemer Kirche vorbeifuhr, wies Stauffenberg den Fahrer an, anzuhalten. Stauffenberg verweilte eine Zeitlang in der Kirche, in der soeben eine Andacht gehalten wurde, ehe er die Fahrt fortsetzte.

In einem letzten Schritt unternahm der geistliche Referent den Versuch, den Mythos vom geheimen Deutschland auch als ein religiöses Grundmuster zu deuten – ein fehlgeschlagener Versuch, der zwischen Geschichtsdeutung und der oft ungenauen Sprache heutiger Theologie steckenblieb. Ob Stauffenbergs Ruf im Todesmoment nicht auch einen Verweis ins Transzendente darstelle, ist jedoch allemal tieferer Überlegung wert.

Der weitere Schwerpunkt des Symposions beschäftigte sich mit der Rezeption Stauffenbergs. Hierbei stand neben lokalgeschichtlichen Bezügen, die sich insbesondere am Namen der Sigmaringer Kaserne kristallisierten, vor allem der Umgang der Bundeswehr mit dem Stauffenbergschen Vermächtnis im Mittelpunkt. Oberst a.D. Dr. Winfried Heinemann vom Militärgeschichtlichen Forschungsamt in Potsdam zeichnete die Entwicklung von der Vorstellung des Verräters, die in der Wehrmacht, aber auch in den Nachkriegsjahren im Volk noch mächtig war, bis zur aktuell vorherrschenden Wahrnehmung Stauffenbergs nach.

Noch ehe die Bundeswehr mit ihrer Gründung 1955 die Verteidigungsbereitschaft Deutschlands wiederherstellte, markierte der Prozeß gegen Otto Ernst Remer 1952 eine markante offizielle Neubewertung von Stauffenbergs Handeln. Remer, 1944 maßgeblich an der Niederschlagung der Operation Walküre beteiligt und Mitbegründer der ebenfalls 1952 verbotenen NSDAP-Nachfolgeorganisation Sozialistische Reichspartei (SRP), wurde vom Braunschweiger Landgericht wegen Verunglimpfung des Andenkens Verstorbener verurteilt, nachdem er Stauffenberg durch den Schmutz gezogen hatte.

In der Folge wandelte sich die Wahrnehmung Stauffenbergs zunehmend, wobei drei Jahre später vor allem die Integration des Widerstandes vom 20. Juli in die Traditionspflege der Streitkräfte diesen Wechsel auch im Volk beschleunigte: „Die Bundeswehr war hier“, so Heinemann, „der Gesellschaft ein Stück weit voraus.“ Die Einstellung zu Stauffenberg entschied zum Beispiel bei Beförderungsgesprächen über die Aufstiegschancen der Kandidaten.

Abgerundet wurde das Symposion von einigen persönlichen Bemerkungen zur Erinnerungskultur seitens des Generalmajors a.D. Berthold Schenk Graf von Stauffenberg. Bescheiden räumte der Sohn des Widerstandskämpfers ein, über seinen Vater weniger zu wissen, als mancher denken mag, zeigte sich aber – ein verschmitzter Seitenhieb auf die Historikerzunft – überrascht über das, was andere alles wissen. Oder zu wissen vorgeben.                   

Foto: Großer Zapfenstreich zu Ehren von Claus Schenk Graf von Stauffenberg im Hof des Schlosses von Jettingen in Schwaben, dem Geburtsort des späteren Hitler-Attentäters (2007): Die Einstellung zu Stauffenberg entschied über Aufstiegschancen

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