Glanzstück

Als im vorigen Jahr in der Verwaltungsdirektion der Berliner Lindenoper allen Ernstes überlegt wurde, die Stelle des Archivars einzusparen, konnte hausinterner Protest den Schildbürgerstreich gerade noch verhindern. Andernorts setzten Opernhäuser und ihre Orchester alles daran, die Schätze ihrer Archive aufzuarbeiten, Tondokumente aufzufinden, aufzubereiten und zu editieren. In jeder Hinsicht maßstabsetzend ist die Edition Dresdner Staatskapelle des Labels Profil, die Produzent Günter Hänssler in Zusammenarbeit mit dem MDR Figaro, dem Kulturradio des Mitteldeutschen Rundfunks, und der Dresdner Wunderharfe ins Leben rief. Glanzstück der Edition ist die Nr. 30, die auf drei CDs sämtliche Dresdner Aufnahmen des großen Dirigenten Fritz Busch von 1923 bis 1932 bietet, eine DVD mit umfangreicher detaillierter Dokumentation seiner zehn Dresdner Jahre, der Umstände seiner Vertreibung aus der Stadt 1933 und der späten Heimholung durch den Dirigenten Giuseppe Sinopoli 1999, mit dem erstmals vollständig veröffentlichten, wirklich sensationellen Bild- und Tondokument der 1932 im Dresdner Opernhaus aufgenommenen „Tannhäuser“-Ouvertüre, und ein Beiheft von 192 Seiten, das mehr als nur ein Beiheft zu dieser von Steffen Lieberwirth, Musikchef von MDR Figaro, verantworteten Box ist. (PH07032) Die Geschichte des musikalischen Kunstwerks ist, im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit ohnehin, immer auch Technikgeschichte. Wer die Dresdner Aufnahmen adäquat hören will, der muß sich über die Umstände ihrer Entstehung kundig machen. Diese werden von Jens-Uwe Völmecke sowohl für die akustischen Aufnahmen der ersten Staffel von 1923 als auch für die elektrischen der zweiten, für die 1928 aufgenommenen Auszüge aus der „Ägyptischen Helena“ mit Mitgliedern der Berliner Staatskapelle für „Odeon“ und für den Kontrollmitschnitt eines Konzerts der Dresdner Staatskapelle in der Berliner Philharmonie ausführlich dargestellt und problematisiert. An diesem 25. Februar 1931 spielten die Dresdner jene Zweite von Brahms, die auch am 8. Dezember 1920 ein junger Gastdirigent aus Süddeutschland mit ihnen geprobt hatte, und zwar so, daß sie ihm in der Probenpause die Leitung ihrer Sinfoniekonzerte angetragen hatten. Das Wunder der kompetenten Restaurierung durch das THS Studio, Holger Siedler, Dormagen, wird nur noch übertroffen von dem Wunder der Aufnahmen selbst. Wenn auch die suggestive Kunst Fritz Buschs sich einige Male nur erfühlen läßt – sie läßt sich erfühlen: Präzision und Spontaneität, ein immer natürlich, ganz unartifiziell wirkender, melodischer Fluß, kalkulierter Spannungsaufbau, zur Entladung drängend, und hemdsärmelige Nonchalance, mit der Busch gelegentlich einiger Zugnummern des Repertoires „Butter bei die Fische“ macht, aber auch ein seelischer Abgrund, der sich im Vorspiel zum 3. Aufzug der „Meistersinger“ öffnet. Als schwaches Echo der Dresdner Verdi-Renaissance weht die Ouvertüre zur „Macht des Schicksals“ herüber, 1926 eine jener Aufführungen, „in denen man sich dem Ideal dieser Kunst nahe fühlte“, wie Busch in seinen Erinnerungen schrieb. Und wer könnte die Auszüge aus Straussens „Ägyptischer Helena“ sicherer an allen Kitschklippen vorbeischiffen als der Dirigent der Uraufführung? Mittelmaß organisiert sich gern gegen das Genie. Das „Aus“, das Fritz Busch am 7. März 1933 in seinen Dienstkalender eingetragen hat, markiert das Ende einer großen Ära, unwiederholbar, uneinholbar. Aber alles von dieser auf die unsere Zeit Gekommene kann nun wieder gehört werden. So hört sich Wiedergutmachung an, und so sieht Wiedergutmachung aus. Welch unverdientes Geschenk.

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