Klaus-Rüdiger Mai Die Zukunft gestalten wir!

 

Geschichte auf dem Abstellgleis

Sommer 1989. In Budapest, später in Prag campieren Zehntausende DDR-Bürger, die ihre Ausreise in die Bundesrepublik fordern. Die erste große Flüchtlingswelle führt über Österreich, das schon seit Monaten diskrete Fluchthilfe geleistet hat. Eine Gedenkveranstaltung „Zug der Freiheit“ in Wien hätte also ihre Berechtigung. Wie gesagt: hätte, denn die für Mai geplante Feierlichkeit wurde vom deutschen Auswärtigen Amt abgesagt, weil, wie es heißt, Minister Steinmeier fürchte, die „Aktion könnte an die Bahntransporte von Juden in NS-Vernichtungslager erinnern“.

Spinnt der Minister? Die massenhafte Republikflucht war der spezifische und selbstbestimmte Beitrag der DDR-Bevölkerung zur revolutionären Bewegung, die 1989 den gesamten Ostblock erfaßte. Der Kampf der polnischen Solidarność gehört genauso dazu wie die Reformbewegung in Ungarn. Die Ungarn unterstützten die Flüchtlinge, und selbst die Staatspartei in Budapest sah keinen Sinn mehr darin, die entlaufenen Untertanen an Erich Honecker auszuliefern. Das Ergebnis war der Zusammenbruch der kommunistischen Imperiums und das Ende der deutschen Teilung.

Was also meint Steinmeiers überlieferte Formulierung? Nimmt man sie beim Wort, dann legt sie nahe, die DDR-Bürger hätten sich mit ihrer Flucht in die Situation der verfolgten Juden begeben und die Bundesrepublik könnte deswegen mit einem „Vernichtungslager“ identifiziert werden. Das meint Steinmeier natürlich nicht. Höchstwahrscheinlich meint er überhaupt nichts, denn er ist nur ein Bürokrat, der Vorgaben exekutiert. In diesem Falle lautet sie: Es gibt keine Geschichte und keine kollektive Erinnerung, die neben oder über der NS-Geschichte steht oder diese konterkariert. Weil dieses Dogma mit der erfahrbaren Wirklichkeit nichts zu tun hat, werden zu seiner Durchsetzung die Erinnerungen und die Rituale, die sie vergegenwärtigen, manipuliert. Die Absage des „Zugs der Freiheit“ hat eine ungewollte, aber ehrliche Symbolik.

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