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Entschluß zur Modernität

Es gibt ein Foto von Ralf Dahrendorf, das man mit Grund „ikonisch“ nennen kann, es gehört in die Bildgeschichte der Bundesrepublik: jene Aufnahme vom Rande des FDP-Parteitags im Januar 1968, die ihn zeigt, wie er neben Rudi Dutschke sitzt, der mit leicht gesenktem Kopf in ein Mikrofon spricht. Dahrendorfs Gesichtsausdruck schwankt zwischen Arroganz und Irritation, der Trenchcoat, Anzug und Krawatte signalisieren Bürgerlichkeit, die vor dem angezogenen Knie verschränkten Hände Anspannung, die Bereitschaft, sich überhaupt zu einem solchen Auftritt herzugeben, spricht für „Liberalität“, auch für einen gewissen Mut, bedenkt man den Tribunalcharakter öffentlicher Debatten vor einer Menge, die selbstverständlich mit der Apo und nicht mit einem Vertreter des Establishment sympathisierte.

Daß Dahrendorf Teil des Establishment war, stand für die Zuhörer außer Frage. Er zählte allerdings zu den „Jüngeren“ und den „Fortschrittlichen“. Als Angehöriger des Jahrgangs 1929 rechnete Dahrendorf zur Flakhelfergeneration, war aber in erster Linie durch die Nachkriegszeit geprägt worden, hatte früh, 1952, sein Studium der Soziologie mit dem Doktortitel abgeschlossen, dann fünf Jahre später einen weiteren an der berühmten London School of Economics erworben, sich gleichzeitig habilitiert und unmittelbar darauf, 1958, mit gerade neunundzwanzig Jahren, seinen ersten Ruf erhalten. Dahrendorf lehrte an der Akademie für Gemeinwirtschaft in Hamburg, später an den Universitäten Tübingen und Konstanz. Zu dem Zeitpunkt verstärkte er auch seinen politischen Einsatz.

Der Eintritt in die SPD lag nahe, da sein Vater – Gustav Dahrendorf – zu den einflußreichen Funktionären der Partei in der Weimarer Republik gehört hatte. Allerdings entfremdete sich Dahrendorf rasch der Sozialdemokratie und ging – endgültig 1967 – zur FDP. Deren Funktion in den Jahren der Großen Koalition war die der einzigen parlamentarischen Opposition im Bundestag. Deshalb wurde sie von Teilen der progressiven Intelligenz als Hoffnungsträger betrachtet, wenngleich die Parteiführung den Avancen mit Zögern begegnete.

Dahrendorf seinerseits hoffte (ganz ähnlich wie Rudolf Augstein), daß die Freien Demokraten zum Träger eines neuen – und das hieß: linken – Liberalismus werden könnten. Sein rascher Aufstieg in der Partei, die Übernahme eines Bundestagsmandats, der Eintritt in das erste Kabinett Brandt als Staatssekretär des Auswärtigen Amtes, ließen Ambitionen erkennen, aber auch eine gewisse Unstetigkeit. Schon 1970 wechselte Dahrendorf als Kommissar für Außenbeziehungen und Außenhandel nach Brüssel. Manche sprachen davon, er sei abgeschoben worden, weil für die parlamentarische Praxis unbrauchbar, und 1974 kehrte er der Politik ganz den Rücken, um die Leitung der London School of Economics zu übernehmen.

Das war keine Position, die man ihm als Sinekure gegeben hatte, sondern eine Stellung, die er der Tatsache verdankte, daß er als einer der einflußreichsten Sozialwissenschaftler der Zeit gelten konnte, der außerdem – anders als die Mehrzahl seiner Fachkollegen – den Marxismus ablehnte. Dahrendorfs Bezugnahme auf Karl Popper hat ebenso wie seine Haltung im sogenannten „Positivismusstreit“ gezeigt, daß er die Heilserwartungen, die viele an seine Disziplin herantrugen, nicht teilte, wie er überhaupt utopischen Erwartungen mit Skepsis gegenüberstand: „Die völlig egalitäre Gesellschaft ist nicht nur ein unrealistischer, sie ist auch ein schrecklicher Gedanke.“

Solche Klarstellung war kein Hinweis auf ein unpolitisches Verständnis seiner Wissenschaft. Dahrendorf definierte Soziologie nach amerikanischem Muster als „angewandte Aufklärung“ und hat mit zwei Schriften, die beide 1965 erschienen, ganz bewußt und entscheidend auf die Entwicklung der öffentlichen Debatte eingewirkt. Es handelte sich um „Bildung ist Bürgerrecht“ sowie „Gesellschaft und Demokratie in Deutschland“.

Wahrscheinlich hatte „Bildung ist Bürgerrecht“, eine Broschüre, die in der Reihe der Zeit-Bücher erschien, die nachhaltigere Wirkung, weil Dahrendorf darin die Forderung nach einer „aktiven Bildungspolitik“ mit dem Verlangen nach einer Öffnung des Schul- und Hochschulwesens verknüpfte, die den wirklich oder vermeintlich benachteiligten Schichten (dem katholischen Mädchen vom Lande) Zugang verschaffen sollte.

Auch dabei spielte das US-Modell eine wichtige Rolle und die Vorstellung von einer Dienstleistungsgesellschaft, in der ein emphatischer Begriff von „Bildung“ letztlich gar keine Bedeutung mehr haben sollte, weil es darum gehen mußte, formale Qualifikationen zu ermöglichen, die die Eingliederung in bestimmte Funktionen der Angestelltenzivilisation erlauben.

Die prinzipiellen Hemmnisse, die einer solchen Entwicklung in der Bundesrepublik entgegenstanden, hat Dahrendorf in seinem Buch „Gesellschaft und Demokratie in Deutschland“ (1965) analysiert, das – auch wenn man die Konjunktur des Soziologischen in diesen Jahren berücksichtigt – für ein Werk mit wissenschaftlichem Anspruch außerordentlich erfolgreich war. Der erklärt sich aus der Tatsache, daß hier ein neues Paradigma variiert wurde, das seit dem Beginn der sechziger Jahre an Einfluß gewann: die Behauptung eines spezifisch deutschen Modernitätsdefizits, das sich aus der Verspätung der Nation, dem preußischen Etatismus, der Schwäche des Bürgertums und einer fatalen Pseudo-Modernität des NS-Regimes erklärte. Ein neuerlicher Rückfall in die Barbarei, so Dahrendorf, sei nur dann auszuschließen, wenn man die Gesellschaft der Bundesrepublik konsequent am westlichen Beispiel ausrichte, um ihr den bis dato „fehlenden Entschluß zur Modernität“ einzugeben.

Dahrendorfs Bekenntnis zur Modernität war bis in die siebziger Jahre rückhaltlos, erst danach – wieder parallel zum Wandel des Zeitgeists – machte sich ein anderer Ton bemerkbar. Was er nun mit dem Verlust der „Ligaturen“ bezeichnete, war im Grunde aber nichts anderes als der Hinweis auf die atomisierende Tendenz der Gesellschaft, die die konservative Seite immer wieder problematisiert hatte.

Ähnliches wird man sagen müssen in bezug auf seine Analyse der politischen Realität, die sich nach 1989 abzeichnete. Dahrendorf, der häufig über das bürgerliche – vor allem das deutsche – Ordnungsbedürfnis gespottet hatte, beschrieb jetzt als entscheidende Gefahr für die westlichen Gesellschaften den Einbruch der „Anomie“, hervorgerufen durch die Unfähigkeit, der um sich greifenden Gewalt Herr zu werden, und fügte die für einen Liberalen erstaunliche Schlußfolgerung hinzu: „Eben das, was Liberale so stört an den Verfechtern von ‘Ruhe und Ordnung’, provozieren sie selbst durch das Fehlen eines entschiedenen Sinns für Institutionen.“

Im Vorfeld von Dahrendorfs 80. Geburtstag am 1. Mai dieses Jahres brachte der Spiegel eine seltsame „Würdigung“, die mit „Aufstieg und Fall eines liberalen Supertalents“ überschrieben war. In dem Text wurde nicht nur Bezug genommen auf sein Scheitern in der praktischen Politik, sondern auch auf das Zusammenspiel von Begabung, ausgeprägtem Selbstbewußtsein und Sprunghaftigkeit. Wenn man das unangemessen Schnoddrige beiseite läßt, wird man dieser Einschätzung eine gewisse Berechtigung nicht absprechen können.

Dahrendorf, der zu Lebzeiten hoch geehrt wurde, in den britischen Adelsstand aufrückte, nicht nur eine eindrucksvolle akademische und politische Laufbahn hinter sich brachte, sondern auch einer der maßgeblichen Intellektuellen der Nachkriegszeit war, hat trotzdem kaum etwas hinterlassen, was ihn überdauern wird. Von Kernthesen seines Hauptwerks „Gesellschaft und Demokratie“ ist er ebenso abgerückt wie von seinen Erwartungen in die Bildungsexpansion.

Letztlich hat ihn aber an der großen Wirkung gehindert, was er im positiven Sinn als „erasmisch“ verstand, abgeleitet von dem Namen des Humanisten Erasmus von Rotterdam – auch der ein überaus kluger Mann, aber immer schwankend zwischen Wissenschaft, Literatur und öffentlicher Tätigkeit und letztlich gehemmt durch den eigenen Charakter, vor allem das Fehlen jener Leidenschaft, die zur Entscheidung treibt.

Foto: Ralf Dahrendorf (r.) diskutiert mit Rudi Dutschke am Rande des FDP-Parteitags in Freiburg am 31. Januar 1968: „Die völlig egalitäre Gesellschaft ist ein schrecklicher Gedanke“

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