Langen Müller Sarrazin Wir schaffen das

 

Bruder Frühmensch

Man spricht vom „Geniewinkel“ im deutschen Südwesten, weil der so bedeutende Köpfe wie Hölderlin, Hegel und Heidegger hervorgebracht hat. Die Begründung ließe sich sogar rückwärts verlängern, wenn man die erstaunlichen archäologischen Funde als Beleg hinzunimmt, die auf der Oberalb während der letzten Jahrzehnte gemacht wurden. Die baden-württembergische Landesausstellung „Eiszeit – Kunst und Kultur“ kann jedenfalls damit werben, daß sie die ältesten Kunstwerke der Menschheit zeigt.

Das Prunkstück der Exposition ist ohne Zweifel der „Löwenmensch“ vom Lonetal, eine etwa dreißig Zentimeter hohe Figur aus Mammutelfenbein mit Löwenkopf und Menschenleib. Deren Reste, in zweihundert Einzelteile zerbrochen, waren bereits 1939 in einer Höhle der Oberalb gefunden und in einem langwierigen Prozeß rekonstruiert worden. Die Darstellung erinnert an ein ähnliches Mischwesen, das der Frühmensch an die Wand der Höhle von Chauvet gemalt hat: eine Gestalt mit Menschenbeinen, Hirschkopf und -geweih sowie Fuchsschweif. Während der Löwenmensch aufrecht steht, tanzt der Hirschmensch, was zu der Vermutung führte, daß ein Schamane dargestellt ist, der sich mittels Trance in einen Tiergeist verwandelt. Die Deutung bleibt natürlich spekulativ, aber aufgrund von Analogien zu rezenten Primitiven plausibel und wurde auch auf den Löwenmenschen übertragen, den man dann als Mittler zwischen dieser und der anderen Welt auffassen müßte.

Die Annahme religiöser Motive als Ursprung archaischer Kunstwerke hat immer eine Rolle gespielt und wirkt auch bei der Interpretation vieler Stücke der Ausstellung überzeugend. Das gilt vor allem für die relativ große Zahl der „Venus“-Figurinen aus der Altsteinzeit mit ihren überbetonten Geschlechtsmerkmalen oder die vergleichsweise kleine Zahl der Phalli, das gilt wahrscheinlich auch für die sehr eindrucksvollen entenartigen Vögel, die in Stein geschnitten oder geschnitzt wurden und die vielleicht als „Seelenvögel“ zu deuten sind, aber im Hinblick auf die wunderbaren Miniaturen – teilweise nur drei oder vier Zentimeter lang – von Büffel, Pferd und Mammut zögert man. Auffällig ist, daß ausschließlich charismatische Tiere nachgebildet wurden, aber zweifelhaft, daß immer auf „Jagdzauber“ oder „Totemismus“ geschlossen werden muß.

In seinem Beitrag für den Katalogband der Ausstellung hat Nicholas J. Conard, Professor für Urgeschichte an der Universität Tübingen, darauf hingewiesen, daß, ganz abgesehen von solchen Interpretationsschwierigkeiten, dem Zeitpunkt des Auftretens figürlicher Kunst für die Menschheitsentwicklung entscheidende Bedeutung zukommt: „Er ist einer der gut geeigneten und sicheren Maßstäbe, an dem die Entstehung der kulturellen Modernität gemessen wird. Eine Gesellschaft, die figürliche Kunst produzieren kann, ist gewiß auch in der Lage, ihre Aktivitäten und ihr soziales Verhalten anhand symbolischer Inhalte zu beleben und zu organisieren. Der aktive Einsatz von Symbolen in Sprache, Glaubenswelt und Alltag gehört zu den unerläßlichen Merkmalen der kulturellen Modernität.“

Dabei darf das spielerische Moment in dieser Entwicklung nicht unterschätzt werden: eine elementare Freude am Gestalten, die für den Menschen von Anfang an wichtig war und auch den verblüffend frühen Gebrauch von Musikinstrumenten erklärt – in der Ausstellung wird eine 40.000 Jahre alte Flöte gezeigt, die aus einer Höhle des Achtals stammt. Die Annahme eines solchen Spezifikums könnte weiter die Dauer des menschlichen Schöpferwillens erklären, der sich dem heutigen Betrachter nicht mehr als abruptes Aufbrechen des Geistes nach einer sehr langen Phase dumpfer Existenz darstellt.

Die neue Vorstellung von menschlicher Kreativität, wie sie die Stuttgarter Ausstellung sehr umfassend und didaktisch klug präsentiert, erweckt eher den Eindruck, als ob schon seit dem Auftreten von homo erectus (dessen ältester Überrest in Mitteleuropa ebenfalls aus Baden-Württemberg stammt) vor 500.000 Jahren ein Prozeß kultureller Entfaltung einsetzte, der anfangs sehr langsam, aber schon in der Schlußphase des Paläolithikums mit wachsender Dynamik vonstatten ging. Daß in dem Zusammenhang der Neandertaler positiver als üblich zu beurteilen ist, wird in Stuttgart etwas überbetont, erscheint aber doch plausibel, wenn man einen Gesamtentwurf der menschlichen Kulturgeschichte zeigen will, in den er mit hineingehört. Der eigentliche Durchbruch gelang aber erst homo sapiens, der trotz der extremen klimatischen Bedingungen in die eurasische Steppe eindrang und dort die Voraussetzungen aller höheren Zivilisation schuf.

Die Stuttgarter Schau hebt das sehr früh sehr komplexe Zusammenspiel von Umwelt und intellektuellen Fähigkeiten, Ausweitung der sozialen Verbände und Differenzierung der Kommunikation hervor, das die Erfolgsgeschichte des Jetztmenschen erklären hilft. Daß dabei die eine oder andere politische Korrektheit unterläuft (wenn es um Geschlechter-„Rollen“ geht etwa), ist hinnehmbar, überblickt man die beeindruckenden Exponate und die informative Präsentation als Ganzes. Sie erweitert und ergänzt die übliche Phantasie unserer Anfänge und läßt die Vorstellung von halbäffischen Gestalten allmählich verblassen, zugunsten des Bildes eines nahen, in manchem fremden, in manchem sehr vertrauten Verwandten, für den Überlieferung und Nachahmung, Abstraktion und Stilempfinden, Tradition und Wagnis das Leben bestimmten, – nicht anders als in der Gegenwart.

Die Ausstellung ist noch bis zum 10. Januar 2010 im Kunstgebäude Stuttgart, Schloßplatz 2, täglich außer montags von 10 bis 18 Uhr, Do. bis 21 Uhr, zu sehen. Telefon: 07 11 / 12 04 08 81, Internet: www.eiszeit-2009.de

Der empfehlenswerte Katalog kostet in der Ausstellung 24,90 Euro.

Foto: Elfenbeinstatuette „Löwenmensch“: Die Bruchstücke des etwa 32.000 Jahre alten Löwenmenschen wurden 1939 in der Höhle Hohlenstein-Stadel im Lonetal bei Asselfingen auf der Schwäbischen Alb entdeckt

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