Markus Krall Freiheit oder Untergang

 

Bruchlinien

Lange bevor er weltbekannt wurde, veröffentlichte Samuel P. Huntington 1957 das wichtige Buch „The Soldier and the State“. In der Erkenntnis, daß die Weltmacht USA eine solche Theorie benötigte, um sich ihren Aufgaben gewachsen zu zeigen, formulierte der damals erst dreißigjährige, seit einigen Jahren aber bereits in Harvard lehrende Politikwissenschaftler eine Geschichte und Theorie der politisch-militärischen Beziehungen der Vereinigten Staaten, in die auch die Erfahrungen der preußisch-deutschen und japanischen Militärgeschichte einflossen. Das Buch wurde zum Klassiker der Militärtheorie und -geschichte, nicht zuletzt weil es die strukturellen Spannungen zwischen einer liberalen Gesellschaft und dem Sozialkörper und der Institution des Militärs nicht schönredete, sondern nüchtern thematisierte. Während in den USA Militärgeschichte und Militärpolitik bis heute selbstverständliche Gegenstände der akademischen Forschung sind, stehen sie in Nachkriegsdeutschland noch immer unter dem moralischen Verdikt des Antimilitarismus. Später wandte Huntington sich den politischen Problemen der Dritten Welt zu, auch hier oft unter dem Aspekt der politisch-militärischen Beziehungen. Internationale Aufmerksamkeit erregte dann Huntingtons Aufsatz in der Zeitschrift Foreign Affairs „The clash of civilizations“ (1993). 1996 folgte sein Opus magnum unter dem gleichen Titel, das bald in zahlreichen Übersetzungen erschien (deutsch als Taschenbuchausgabe bei Siedler-Goldmann, 1998). Huntington prognostiziert darin eine neue Ära der Weltpolitik im 21. Jahrhundert. Während das 20. Jahrhundert im Zeichen der großen Ideologien und ihrer Machtkämpfe gestanden hatte – der liberalen Demokratie des Westens, des Sowjetkommunismus und des Faschismus -, werde das neue Jahrhundert sich vor allem unter dem Einfluß der Kulturen der verschiedenen Weltregionen in einer künftigen politisch und kulturell multipolaren Welt abspielen. Die Prognosen der Modernisierung, die mit Verwestlichung gleichgesetzt wurde und den Weg zu einer universalen Weltkultur westlichen Gepräges nehmen sollte, haben sich, so Huntington, als voreilig erwiesen. Die Macht des Westens befinde sich im Niedergang, die Kraft seiner Kultur verblasse, die außerwestlichen Kulturen und ihre religiösen Fundamente erleben eine Ära der Wiedergeburt (revival), woraus sich neue Konflikte ergeben, in denen besonders die demographischen Verschiebungen und die damit zusammenhängenden kulturellen Antriebe in den alten Kulturen ihre Rolle spielen, die eine Renaissance erleben. Dies tritt besonders in den Beziehungen zwischen dem niedergehenden Westen und dem erstarkenden Islam zutage, aber auch etwa in den sich verschärfenden Konflikten zwischen Islam und indischem Hinduismus respektive der chinesisch-konfuzianischen Kultur. Aufsehen erregte zu Recht nicht nur Huntingtons klare Zeichnung des westlichen Niedergangs und seiner Gründe sowie seine These, daß diese Konflikte sich vor allem an den „Bruchlinien“ der Kulturen entwickeln, etwa im Nahen und Mittleren Osten, wo Israel als Vorposten des Westens auftritt und auf den Widerstand vor allem des islamischen Schiitismus trifft. An Huntingtons Zeichnung der Weltpolitik und ihrer Triebkräfte im begonnenen 21. Jahrhundert ist besonders anregend, daß er sie auf einen umfassenden welthistorischen- und kulturellen Hintergrund zurückführt, also die These etwa Henry Kissingers von der künftigen multipolaren Weltpolitik historisch und kulturell bestätigt und untermauert. Man hat ihn daher mit guten Gründen mit Universalhistorikern wie Arnold Toynbee oder Oswald Spengler verglichen. Huntington, 1927 in New York geboren, war in der Tat nie ein Mann des wissenschaftlichen Elfenbeinturms und Spezialistentums. Seine Interessen und Untersuchungen waren stets breit, universalhistorisch angelegt und mit einem praktischen Impuls versehen: Politik sollte unmittelbar der Politikberatung dienen. So beschäftigten ihn am Ausgang seines Lebens vor allem die Fragen nach der Identität der Nordamerikaner und US-Bürger. In seinem klugen und besorgten Buch „Who are We?“ (2004) überkamen ihn wachsende Zweifel an der klassischen Integrationsfähigkeit der USA. Im Blick auf den mächtigen Einwanderungsstrom aus Mittel- und Südamerika mit den bekannten Folgen einer nachhaltigen sprachlichen und kulturellen Hispanisierung des Südens und Südwestens der Vereinigten Staaten wurde Huntington zu einem Kritiker des multikulturellen Konzepts in den USA und zum Verfechter ihrer anglo-protestantischen „Leitkultur“. Von seiner Herkunft eher ein Mann des liberalen Spektrums der amerikanischen Politik, wie es in Harvard und New York vorherrscht, weltläufig und weltkundig, wurde Huntington doch zunehmend zu einem kulturkritischen Konservativen, der sich von fortschrittsgläubigen Wortführern des Zeitgeists keine Denkverbote auferlegen ließ. Am 24. Dezember starb er im 82. Lebensjahr auf der Insel Martha’s Vineyard im US-Bundesstaat Massachusetts. Als Repräsentant des realpolitisch-konservativen Lagers in den Vereinigten Staaten wird er in der amerikanischen und westlichen Debatte über die Weltpolitik auch weiterhin präsent sein. Bild: Samuel P. Huntington

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