Langen Müller Sarrazin Wir schaffen das

 

Mosaik

Er könne keinen Frieden auf seinem Schicksalsweg finden, klagt Rasmus Kellermann in „A Partial Print“, dem ausufernden Finale seiner gleichnamigen jüngsten CD (Startracks/Indigo), da ihm, so ist er offenbar zu sagen bemüht, alles, was dieser zu bieten habe, als zu klein und zu spät erscheine. Sollte es sich hier um die romantisch überhöhte Klage über ein recht profanes Künstlerproblem handeln, grundsätzlich und damit auch pekunär unterbewertet zu sein, so könnte sich die Stimmung des Schweden, der allmählich aus dem Folk-Genre in die Gefilde schwerblütiger Popmusik vorgedrungen ist, nunmehr ein klein wenig aufgehellt haben. Die dritte unter dem durch einen ostasiatischen Kinostreifen inspirierten Projektnamen Tiger Lou erschienene CD birgt das Potential, um einen gewissen Durchbruch in jenem Musikkonsumentensegment zu erzielen, das dem New-Wave-Epigonentum verschrieben ist. Hinsichtlich Kopfstärke und Kaufkraft sowie auch dem ungebrochenen Vermögen, den eigenen Geschmack als Trend auszugeben, ist dieses nicht zu unterschätzen, wie der Erfolg von handwerklich zwar soliden, aber unter dem Strich nur wenig originellen Bands à la Interpol oder Coldplay gezeigt hat. Insbesondere die erstgenannten werden von Tiger Lou in ihrer lakonisch drauflos eilenden Larmoyanz mit außerordentlichem Geschick paraphrasiert. Die musikalischen Traditionsbezüge sind aber weitaus vielfältiger und reichen zu Altvorderen zurück – so etwa eingestandenermaßen zu Robert Smith (The Cure). Die Haltung, die Tiger Lou kultiviert, ist nicht minder traditionsbewußt: Bereits und gerade in jener Zeit, in der Kellermann, Jahrgang 1980, noch gewickelt wurde, gehörte es zum Comment jener Musiker, die exquisiten Ansprüchen genügen wollten, die eigene, ganz private Verstörtheit ob einer fremden und feindlichen Welt zu besingen. Diese Tonlage beherrscht auch Tiger Lou und nährt damit die Vermutung, daß es sich vielleicht nicht nur um ein Modephänomen gehandelt hat: Persönliche Sorgen in einer an Anforderungen reichen Gesellschaft umtreiben die meisten. Da ist es tröstend und erhebend, diese als quasi philosophische Probleme betrachten zu dürfen. Das retrograde Faible teilen auch die drei Straßburger Musiker, die unter dem bildungsbürgerlich angestaubten Namen „1984“ firmieren und mit „Open Jail“ (Weekender Records/Indigo) nun ihre beachtenswerte Debüt-CD veröffentlicht haben. Ihr archivgestützter Genre-Mix ist ein maßvoller. Die diversen Anleihen bei simpel treibenden Rockklängen aus den Urgründen des Gothic und ironische Haken schlagenden Wave-Balladen fügen sich mit einer dezent psychedelischen Grundierung und kurzen Exkursen in den Hauruck-Primitivismus des Ska zu einem doch halbwegs kompakten Ganzen. Der Anspruch, dieses Mosaik wäre bereits ein eigener Stil, wäre jedoch zu hoch gegriffen. Unverwechselbar ist 1984 allenfalls durch einige französische Texte und den konsequenten Mißbrauch der englischen Sprache durch Mundwerkzeuge, die ihr nicht gewachsen sind – wobei es natürlich jedem frei steht, dies als existentialistische Persiflage zu betrachten. Komisch, wenn auch wahrscheinlich unfreiwillig, ist auf jeden Fall der Griff in die Mottenkiste, den die englische Band The Sugars auf ihrer CD „The Curse of the Sugars“ (Weekender Records/ Indigo) wagt. Ihr von den Machern angeblich einst als „Gospel Grunge“ bezeichnetes Sammelsurium bietet inmitten von Geschmacklosigkeiten aus den Zeiten, in denen Großvater mit Großmutter das Tanzbein schwang, lediglich einen Lichtblick. „Unnamed Duet“ klingt immerhin so, als hätte man Lydia Lunch und Rowland S. Howard vor das Mikrofon gebeten. Doch auch die hätten es besser hinbekommen.

AfD Fraktion NRW Stellenausschreibung Inneres
Probeabo JF 2021 Gratis lesen

Wenn Ihnen der Artikel gefallen hat: Unterstützen Sie die JF mit einer Spende.

Der nächste Beitrag

ähnliche Themen
Hierfür wurden keine ähnlichen Themen gefunden.
aktuelles