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An der Grenzscheide

Eine phänomenale Ausstellung zur Kunst und religiösen Symbolik des Buddhismus in Pakistan zeigt noch bis Mitte August der Berliner Gropiusbau. Bonner Wissenschaftler von der Bundeskunsthalle haben sie erarbeitet. Dort startete die Schau; ab September wird sie im Zürcher Museum Rietberg zu sehen sein. So kommt diesen drei Städten das Privileg zu, 300 (bislang nie ausgeliehene) erstklassige Objekte aus indischem Kunstschaffen und buddhistischer Lehre in Europa präsentieren zu können, welche zudem den geistigen Konnex von Orient und Okzident eindrucksvoll dokumentieren. Denn, geographisch und kulturell scheinbar sehr fern, hat die historische Kultur Gandharas mit dem Westen erstaunlich viel zu tun.

Gandhara liegt im indischen Nordwesten, der historischen Grenzregion zum persischen Machtbereich, hat sein Zentrum im Becken des heutigen Peshawar und reicht bis nach Afghanistan hinein. Aufmerksamkeit zog das Gebiet auf sich, als 2001 die Taliban im afghanischen Bamiyan-Tal die beiden monumentalen Buddhafiguren sprengten.

Dieser barbarische Akt eines intoleranten, monotheistisch radikalisierten Islam negierte Indiens religiöses Bewußtsein ebenso wie die Synthese Gandharas. Dessen Kultur leistete jahrhundertelang eine erfolgreiche Integration heimischer, östlicher und westlicher Einflüsse. „Gandhara lag am Schnittpunkt mehrerer Kulturen. Hier an der Grenzscheide zwischen dem hellenisierten Westen und dem indischen Subkontinent trafen das buddhistische Indien, die philhellenischen Parther, der römische Osten und die Steppenvölker (…) aufeinander.“ (H. Plaeschke) So bildete sich dort zwischen 200 v. und 300 n. Chr. eine Bildersprache aus, die in griechischer Formgebung die neuen Motive der buddhistischen Lehre entfaltet, ja das Bildnis des Buddha erstmalig gewagt hat.

Voraussetzung hierfür war der Alexanderzug gen Osten, das Gründungsdatum der hellenistischen Epoche. Diese Tat hat das „historische Profil der Welt radikal verändert“, denn west-östlicher Austausch ist seither nie abgerissen. Mircea Eliade hat deshalb das imperiale Auftreten Alexanders als absolute Kulturschwelle gedeutet, vergleichbar der Innovation des Ackerbaus. Kulturell brachte dies den Export künstlerischer Gestaltformen samt der Idee von Wissen und Bildung nach Asien. So entstand erstmals eine kosmopolitische Ökumene.

Umgekehrt provozierte Europa aber auch die Regeneration und Vertiefung des östlichen Geistes und seinen Rückstoß nach Westen seit der Zeitenwende. Hier entsprang die religiöse Atmosphäre der ersten vier Jahrhunderte, als Rom zur Weltmacht wurde und die frühe Kirche entstand. Neuplatoniker, Gnostiker, Mithras-Jünger, Kirchenväter, die letzten Heiden und die ersten Christen, fanden sich im synkretistischen „Zeitalter der Angst“ (Dodds) doch vereint im Zeichen der Erlösungsidee: der schöpferischen Antwort des Orients auf den westlichen Imperialismus. Erkenntnis des Leidens und indische Weltablehnung: die Erlösungsidee als Heilsversprechen einer Befreiung vom Nichts des Irdischen, als Bewußtseinswandel, als „Erwachen“ zur Einheit des menschlichen Lichtfunkens mit dem Daseinsgrund begründen – als positive oder negative Theologie – seit den Upanischaden die vielfältigen Systeme östlicher Meditation und westlicher Mystik. So wurden die Universalreligionen, ihre Heilszusage, ihr Bekehrungsanspruch in west-östlicher Variation erst möglich. Der in ewiger Schau versunkene Tiefenblick spätantiker Porträts bezeugt die geistliche Kehre dieser ersten Weltkultur.

Solche Globalisierung und andere Moderne zeigt die spirituelle Kunst Gandharas, die nun im Gropiusbau den ganzen Kanon buddhistischer Bildmotive ausbreitet und ihr spirituelles Prinzip offenbart. Die Ausstellung selbst unterstreicht den religiösen Aspekt, indem sie die ganze Etage des ringförmig angelegten Gebäudes als Gang durch ein indisches Klosters gestaltet. Folgerichtig simuliert der große Zentralraum einen Stupa. Als architektonisches „Reliquiar“ gilt der als der eigentliche Träger spiritueller Essenz. Sein kosmologisch imaginierter Kultbau aus quadratischem Sockel, Rundkuppel und „Weltachse“ wird hier ins museale Szenarium ausstellungsdidaktisch übertragen.

So vollzieht der Besucher das Umwandlungsritual buddhistischer Tempelanlagen als anschaulichen Bildungsgang nach. Sein Weg endet, von multimedialen Einschüben angereichert, bei der 3D-Animation im letzten Raum. Sie dokumentiert die Zerstörung und ruinösen Relikte im Bamiyan-Tal und unterrichtet über das Rekonstruktionsprojekt der ICOMOS. Mit Hilfe stereoskopischer Projektionen wird die komplexe räumliche Struktur des Orts in ihrer Gesamtheit dargestellt und nachvollzogen.

Im welthistorischen Rückblick stellt Asien sich als der religiöse Kontinent dar. Europa hat dessen Impuls aufgenommen, sich dann aber der praktischen Weltdurchdringung ganz zugewandt. Sein „Projekt der Moderne“ macht das vollends perfekt. In seinen beiden Teilen: emanzipatorisch und technokratisch, hält es am Ich, an äußerer Erfahrung und allseitigem Optimierungswahn fest.

Schließlich hat es diese „totale Mobilmachung“ auch noch globalisiert. Sein religiöser Diskurs, pendelnd zwischen Atheismus und positiver Gläubigkeit, bleibt gleichwohl befangen in den Aporien des „abrahamitischen“ Horizonts. Indien dagegen ist anders. Gandharas Bildwelten veranschaulichen dies eindringlich, doch lautlos.

Die Ausstellung „Gandhara – Das buddhistische Erbe Pakistans. Legenden, Klöster und Paradiese“ ist bis zum 10. August im Berliner Martin-Gropius-Bau, Niederkirchnerstr. 7, täglich von 10 bis 20 Uhr zu sehen. Der Katalog kostet 29 Euro. Internet: www.bundeskunsthalle.de

Foto: Kopf eines Buddha Hauptstupa ( 4.–5. Jh. n. Chr.), Vision eines Buddha-Paradieses (4. Jh. n. Chr.)

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