Sonnenbanner

Als am 21. Juni das Abkommen zur erweiterten Autonomie Grönlands in Kraft trat, wurde bei der Zeremonie in der Hauptstadt Nuuk in Anwesenheit der in Landestracht gekleideten dänischen Königin Margarethe II., die nur formelles Staatsoberhaupt bleibt, auch die grönländische Nationalflagge feierlich gehißt.

Die wird seit 1985 verwendet, als Grönland in die Selbständigkeit entlassen wurde. Bei der Gestaltung hat man zwar an den dänischen Farben festgehalten, aber bewußt auf die Verwendung des skandinavischen Kreuzes verzichtet, das auch vorgeschlagen worden war. Die grönländische Flagge ist weiß und rot geteilt, auf dem Tuch (zum Mast verschoben) ein geteilter Kreis in verwechselten Farben. Die offizielle Interpretation besagt, daß das obere Feld das Nordkap darstellen solle und das untere den Ozean. Die weiße Hälfte des Kreises stehe für die Eisberge und das Packeis, die rote für die Fjordlandschaft.

Obwohl das Motiv der grönländischen Fahne sehr eindrücklich ist, muß man feststellen, daß der Kreis in der politischen Symbolik sonst nur eine untergeordnete Rolle spielt. Es sind im allgemeinen eher philanthropische (wie die Round Tabler) oder internationale Organisationen mit kulturellen Zielen (wie die Communauté der frankophonen Länder), die ihn verwenden, um Einheit bei Gleichberechtigung der Glieder zum Ausdruck zu bringen. Es handelt sich letztlich um eine so elementare Form, daß man fragen darf, ob der Kreis überhaupt zu den Symbolen gezählt werden kann.

Die Verhaltensforschung weist darauf hin, daß viele Tiere bei Paarungsritualen oder Rangkämpfen in Kreisbahnen laufen. Andere neigen wie der Mensch dazu, ganz selbstverständlich Kreise zu bilden, sobald sie sich in größerer Zahl versammeln. Unsere Alltagsmetapher „Kreis“ bezeichnet immer eine überschaubare Menge, die um einer Sache oder Person willen zusammengehörig ist und ihre Ordnung spontan findet.

Allerdings sind hier die Übergänge zum Symbolischen schon fließend. Von der Tafelrunde der Gralsritter bis zu den „Runden Tischen“ der Gegenwart besaß und besitzt der Kreis eine über das Praktische und Selbstverständliche hinausgehende Qualität, wobei die Einheit und Abschließung des Ganzen in den Vordergrund rückt. Sicher kann man eine Verbindung mit den magischen Kreisen, die seit der Frühzeit Schutz gegen böse Mächte bieten sollten, ebenso vermuten wie eine Berührung mit der Symbolik von Gürtel und Ring, Kranz und Krone.

Das Archetypische des Kreises hat den Gedanken nahegelegt, auch die Einheit und das Ganze der Welt und den diesen „Erdkreis“ umgebenden Raum als Kreis beziehungsweise Kugel vorzustellen. So kannte die griechische Philosophie den Gedanken der kugelförmigen – und deshalb vollkommenen – Gestalt des Universums. Im Buddhismus fällt die Identifizierung der Begriffe „Ewigkeit“, „Kreis“ und „Rund“ auf. Seine tibetanische Variante bringt diesen Gedanken im „Mandala“, wörtlich: „Kreis“, bildlich zum Ausdruck.

Aber auch viele Religionen der Primitiven stellten das Ganze der Schöpfung oder die göttliche Macht in einem Kreis oder einer Menge konzentrischer Ringe dar. Allerdings ist nicht auszuschließen, daß sich hier die Deutung mit der als Sonne berührt. Die Wahrnehmung der Kreis- beziehungsweise Kugelform dieses Himmelskörpers könnte hier eine Rolle spielen; jedenfalls haben sich Sonnensymbole in der Darstellung als Kreis bis heute erhalten.

Das erklärt wahrscheinlich auch, warum die offizielle Deutung der grönländischen Flagge keineswegs die populäre ist. Verbreitet findet man die Meinung, daß der Kreis die im Nordmeer versinkende Sonne wiedergebe. Eine Auffassung, die sich mit der Deutung der anderen – ungleich berühmteren – Flagge mit Kreismotiv berührt: der japanischen. Diese soll zurückgehen auf das 13. Jahrhundert, als der Priester Nichiren dem Kronfeldherrn, dem Shogun, ein Sonnenbanner übergab, um die mongolische Invasion zurückzuschlagen – angesichts der Verehrung der Sonnengöttin in Japan ein naheliegender Gedanke. Fest steht in jedem Fall, daß das weiße Tuch mit dem roten Kreis in Japan seit unvordenklicher Zeit in Gebrauch war, lange bevor es 1870 offiziell zur Nationalflagge erhoben wurde. 

Die JF-Serie „Politische Zeichenlehre“ des Historikers Karlheinz Weißmann wird in zwei Wochen fortgesetzt.

Foto: Nationalfahne Grönlands: Bewußt auf das Kreuz verzichtet

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