AfD Sachsen Kernkraft

 

Wurzeln und Flügel geben

Psychologische Beratung fällt heute beinahe unter die Wellness-Kategorie. "Andere fliegen für 2.000 Euro auf die Malediven – ich gönn‘ mir eine Gestaltherapie", so begründet die äußerlich kerngesunde Freundin ihre Investition.

Noch für die heutige Großelterngeneration galt die Inanspruchnahme eines Psychologen, Psychiaters oder sonstigen Seelenklempners als kaum gangbarer Weg. Erstens war man doch nicht "irre", zweitens litten jene Psychodoktoren selbst an persönlicher Eitelkeit, drittens stehe deren Diagnose ohnehin von vornherein fest: Die Eltern sind immer schuld. Von den beiden letzteren Zuweisungen wird man Horst Petri nicht ganz freisprechen können. Doch darf man ihm dies zugestehen – mit seinen zahlreichen Buchveröffentlichungen hat sich der 71jährige Psychoanalytiker verdiente Lorbeeren erworben. Vor allem der Einfluß seiner Schrift zum "Drama der Vaterentbehrung" und der Bedeutung des Eltern-Kind-Verhältnisses für den Heranwachsenden oder längst Herangewachsenen ist vierzig Jahre nach Etablierung der Bindungsforschung kaum zu leugnen.

Petris aktueller Titel "Bloß nicht zuviel Liebe" führt aber ebenso in die Irre wie der – unübersehbar von einer PR-Dame verfaßte – Ankündigungstext zu öffentlichen Buchvorlesungen des Autors. Dort heißt es gröbstens zusammenfassend, daß eine "im Beruf zufriedene Mutter über genügend Einfühlung und Liebe zu ihrem Kind verfügt, daß sich dieses geborgen und geschützt fühlt". Tatsächlich spricht Petri mit keinem Wort über die Optionen der Voll- und Teilzeitmutterschaft, wohl aber von der "Eindringlichkeit" neuester Forschungsergebnisse, die "keinen Zweifel am lebensbestimmenden Einfluß und an der Tiefe der frühen Eltern-Kind-Bindung zwischen Geburt und drittem Lebensjahr" zulasse.

Kinder zunächst Wurzeln zu geben, dann aber Flügel – im Grunde argumentiert Petri mit banalen Rezepten. Deren Gelingen scheitert aber allzuoft; die entsprechenden Berichte über Nesthocker, Verweigerer und andere Neurotiker sind Legion. Petri hebt hervor, daß der notwendige Wechsel von "Symbiose und Individua-tionsbedürfnis" von den Kindseltern ein "hohes Maß an Empathie und flexiblen Umgang mit den eigenen Bedürfnissen" erfordere. Insbesondere Alleinerziehende und Einzelkindeltern sieht Petri – ohne Schwarzmalerei – auf einer "schwierigen Gratwanderung, die man nicht durch Unkenntnis oder falsche Ideologien vernebeln sollte".

Horst Petri: Bloß nicht zuviel Liebe. Eltern und Kinder zwischen Bindung und Freiheit. Kreuz Verlag, Stuttgart 2007. broschiert, 240 Seiten, 19,95 Euro

Probeabo JF 2021 Gratis lesen

Wenn Ihnen der Artikel gefallen hat: Unterstützen Sie die JF mit einer Spende.

Der nächste Beitrag

ähnliche Themen
Hierfür wurden keine ähnlichen Themen gefunden.
aktuelles