Innere Emigration mit höherem Komfort

Unter den herausragenden Köpfen der Konservativen Revolution sind es vor allem Ernst Jünger und Carl Schmitt, die nach wie vor das größte Interesse auf sich ziehen. Das erklärt auch die Menge an Briefwechseln mit einem der beiden als Partner, die seit Jahren veröffentlicht werden.

Der Korrespondenz zwischen Schmitt und seinem Schüler, dem Staatsrechtlehrer Ernst Forsthoff, kommt dabei eine besondere Bedeutung zu, obwohl hier für die Geschichte der KR – wegen der relativen Jugend Forsthoffs, der 1902 geboren wurde – nur wenige Aufschlüsse zu erwarten sind. Die Masse der Briefe stammt aus der Nachkriegszeit und kann verstanden werden als zentrales Dokument jener konservativen Intelligenz, die weder den "Nationalen" zuzurechnen war noch der "Adenauer-Rechten". Es handelte sich um "Etatisten", Etatisten allerdings, die, der Analyse Schmitts folgend, den Staat für tot erklärten.

Schon in einem Brief vom 18. September 1949 schrieb Forsthoff an Schmitt über das Grundproblem, das dadurch entstanden sei, "daß Revolution legitim und der Revolutionär zu einem Ehrentitel geworden ist. (…) Die Technik des revolutionären Vorgangs zwingt zu einem politischen Denken, das den Staat skelettiert, das Fleisch der Hoheit, Würde, der traditional angereicherten Substanzen entfernt und nur das Machtgerippe übrigläßt. In einem Staat, der mit dem pouvoir constituant irgendwie zu tun hat, teilt sich diese Mentalität notwendig auch dem Herrschenden mit: das Schicksal des Staates im 19. Jahrhundert als Folge der französischen Revolution. (…) Der Revolutionär (der erfolgreiche) ist deshalb au fond der niedere Typus. Ein die Revolution als legitim prinzipiell einbeziehendes politisches und staatsrechtliches Denken ist deshalb notwendig ein Plädoyer für ein menschliches Gefälle, wie es sich 1918, 1933, 1945 stufenförmig abzeichnet. Das Scheitern des 20. Juli ist zwangsläufig, weil der Edlere in der Rolle des Revolutionärs zwangsläufig unterliegt."

Das hinter diesen Ausführungen stehende Geschichtsbild setzte voraus, daß das nach dem Ende der konfessionellen Bürgerkriege im 16. und 17. Jahrhundert gewonnene Maß an Staatlichkeit in Europa kontinuierlich abgebaut worden sei, bis der "Gesellschaft" im 19. Jahrhundert eine Usurpation des Staates gelang, gekoppelt mit dem Versuch, eben das zu tun, was Hobbes als Menetekel vor Augen gestellt hatte: den "Leviathan" zu erlegen und sein Fleisch zu verkaufen. Für die konkrete Lage hieß das aus der Sicht Schmitts und Forsthoffs: Die Bundesrepublik war im Kern so wenig "verfassungsfähig" (Forsthoff) wie die Weimarer Republik, und ihrer Rechtsstaatlichkeit war nicht zu trauen, da die Vorstellung vom Grundgesetz als einer "Werteordnung" ein hohes Maß an Beliebigkeit oder Willkür in der Gesetzesauslegung erlaubte und den Übergang zum "Justizstaat" ermöglichte.

Während Forsthoff und Schmitt – nach einer Phase der Depression in der zweiten Hälfte der vierziger Jahre, als die Rückkehr Forsthoffs an die Universität fraglich schien – auf die Verwaltung als korrigierendes und stabilisierendes Element setzten und 1962 die Gründung der Zeitschrift Der Staat als Sammlungspunkt für eine prinzipielle theoretische Gegenposition gelang, zeigte sich in der Folge, daß die mit Sorge beobachtete Entwicklung Beschleunigung gewann und die zaghaft keimenden Hoffnungen zunichte machte.

Die Ursachen dafür sahen Schmitt und Forsthoff in der Ausbreitung des "Sozialbazillus" einerseits – also der Forderung nach einer weitergehenden Garantie individueller Wohlfahrt durch den Staat – und dem Abbau der Staatsreste. Interessanterweise glaubten weder Schmitt noch Forsthoff an die "Formierte Gesellschaft" als Alternative (ein Projekt, das immerhin Rüdiger Altmann und Johannes Groß, die beide ihrem Umfeld zuzurechnen waren, angestoßen hatten), eher noch an die neue Macht der "Organisation". Da Verfassungsfragen als politische Fragen zurückgetreten waren, schien nur noch die "Technostruktur" stabilisierend zu wirken.

Der Briefwechsel liefert hier einige besonders interessante Aufschlüsse für die allmähliche Ausformung der "Technokratie" im Denken Forsthoffs, der mit seinem 1971 erschienenen Buch "Der Staat in der Industriegesellschaft" eine Art Programm dieser Richtung vorlegte, die von außen als "technokratischer Konservatismus" bezeichnet wurde. Wie weit die damit verbundenen Erwartungen gingen, ist auch einem Kommentar Forsthoffs zu Schmitts "Theorie des Partisanen" zu entnehmen, wenn er angesichts der Rolle der Guerilla in der Dritten Welt äußerte: "Es gibt bisher offenbar noch nicht den Partisan, welcher der doch in vieler Hinsicht verletzlichen Industriegesellschaft gefährlich werden könnte. (…) Am Wohlstand der Industriegesellschaft partizipieren zu breite Schichten, als daß sich der Partisan in den Grosstädten hochzivilisierter und industrialisierter Länder wie ein Fisch im Wasser bewegen könnte." – Eine Annahme, die man heute so kaum noch aufrechterhalten dürfte.

Obwohl Forsthoffs Buch ein publizistischer Erfolg war und als Pendant zu Arnold Gehlens "Moral und Hypermoral" gelesen werden konnte, blieb die langfristige Wirkung begrenzt. Man wird die Ursache dafür in der Veränderung des geistigen Klimas zu sehen haben, die seit Mitte der sechziger Jahre spürbar wurde. Es gibt kaum etwas, worüber die Briefpartner mit größerer Bitterkeit sprachen als über die Folgen des Linksrucks und der Radikalisierung der Studenten. Im Juni 1969, nachdem seine Emeritierung schon vollendete Tatsache war, schrieb Forsthoff: "Was dem Nationalsozialismus nicht gelang, die Universität im Kern zu zerstören, das geschieht heute."

Obwohl Forsthoff nach vorübergehendem Verlust seines Lehrstuhls an die Hochschule hatte zurückkehren können und bis in die siebziger Jahre zu den gesuchten Beratern der Politik gehörte, trotz seiner Verbindung zu führenden Wirtschaftskreisen und der aufsehenerregenden Berufung zum Präsidenten des zypriotischen Verfassungsgerichts, trotz seines Renommees als Spezialist für das Verwaltungsrecht und der raschen Karrieren seiner Schüler, teilte er mit dem in ganz anderer Weise isolierten Schmitt das Empfinden, "draußen" zu stehen. Das hing mit dem nie verwundenen Gefühl zusammen, sowohl in der NS-Zeit als unter dem Regime der "45er" zurückgesetzt und ungerecht behandelt worden zu sein.

Wieviel Berechtigung das im einzelnen hatte, ist hier nicht zu erörtern – man wird im Falle Forsthoffs deutlich mehr Verständnis haben müssen als im Fall Schmitts -, aber es handelte sich für beide in der Bundesrepublik um innere Emigration mit höherem Komfort. Denn auch das wird an dieser mustergültig editierten Korrespondenz deutlich: wie groß die Einflußmöglichkeiten der geistigen Rechten in Westdeutschland bis Mitte der sechziger Jahre waren und wie radikal sie sich in der Folgezeit verkleinerten.

Dorothee Mußgnug, Reinhard Mußgnug und Angela Reinthal (Hrsg.), in Zusammenarbeit mit Gerd Giesler und Jürgen Tröger: Briefwechsel Ernst Forsthoff – Carl Schmitt (1926-1974).Akademie-Verlag, Berlin 2007, gebunden, XII und 592 Seiten, Abbildungen, 49,80 Euro

Foto: Ernst Forsthoff und Carl Schmitt, Heidelberg 1957: Sowohl in der NS-Zeit wie unter dem Regime der "45er" ungerecht behandelt sich auch eine Sahra Wagenknecht schützen.

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