Die Lust auf Schuld

Spätestens seit Daniel Goldhagen wissen wir, das Böse steckt uns Deutschen in den Genen. Der ehemalige Außenminister Joschka Fischer wollte uns glauben machen, die Erinnerung an Auschwitz sei das "einzige Fundament der neuen Berliner Republik", und mit dem Stelenfeld unweit des Reichstages zementierten Peter Eisenman und Wolfgang Thierse (SPD) die angebliche Erbschuld der Deutschen für alle Zeit. Nebenbei schufen sie dem zur Zivilreligion mutierten Holocaust damit auch eine angemessene Kultstätte.

Warum aber akzeptieren "wir Deutschen", um in der kollektivierenden Terminologie Goldhagens zu bleiben, so etwas? Warum sind wir bereit, jeglichen Nationalstolz zugunsten einer negativen Identität zurückzustellen? Nur damit wir voller Inbrunst verkünden können, daß wir im Umgang mit der schuldhaftesten Schuld vorbildlich sind?

Daß aber das aufrechteste Bereuen, auch aus christlichem Verständnis, hinfällig wird, wenn gleichzeitig die Untilgbarkeit der Schuld und deren Vererbbarkeit akzeptiert wird, mag uns nicht in den Sinn kommen. Auch dies ein Zeichen für die breite Akzeptanz der erwähnten neuen Zivilreligion. Es scheint, als wollten wir Deutschen keine Vergebung, als hätten wir geradezu eine "Schuld-Lust" entwickelt.

Unterstellten Alexander und Margarete Mitscherlich in "Die Unfähigkeit zu trauern. Grundlagen kollektiven Verhaltens" Ende der sechziger Jahre den Deutschen noch die Verweigerung einer konsequenten Aufarbeitung der NS-Vergangenheit, so bezieht der Deutsche seinen Nationalstolz mittlerweile "aus seiner historischen Schuld und deren ständigen Bewältigung". Zu diesem Schluß kommt die aktuelle Studie des Instituts für Staatspolitik (IfS), die den provozierenden Titel "Meine Ehre heißt Reue" trägt. Sie konstatiert bei den Deutschen einen Drang zu einer neuen, negativen Identität und entlarvt den "Schuldstolz" und die "Schuldlust" dabei als eindeutig psychopathologische Symptome, an denen die Nation leide. Diese Besonderheit der heutigen Gesellschaft in Deutschland, ihre kollektive Identität aus etwas Negativem zu ziehen und darüber noch Stolz zu empfinden, bezeichnet die Studie als "lebensfeindliches Phänomen", dessen sich die Nation entledigen muß, will sie nicht daran zugrunde gehen.

Institut für Staatspolitik: "Meine Ehre heißt Reue". Der Schuldstolz der Deutschen. Wissenschaftliche Reihe – Heft 11. Albersroda 2007, broschiert, 43 Seiten, 5 Euro.

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