Von Mienen und Masken

Schnurstracks steuert die adrett gekleidete Frau mittleren Alters, Typ Studienrätin oder Sozialpädagogin, auf den JF-Stand zu. Im Gesicht trägt sie ihr Vorurteil spazieren. „Das ist doch die NPD-Zeitung, oder?“ — „Nein!“ — „Sondern?“ — „Wir sind eine konservative Wochenzeitung für Politik und Kultur.“ Darauf sie mit deutlich angewidertem Mienenspiel: „Ja, ja, alles klar.“ Dreht sich auf dem Absatz um und trollt sich mit ihrem kleinen Trolley. Ratlos schauen sich die JF-Mitarbeiter an. Immer wieder frappierend, wie wenig manche Leute wissen wollen.   Am Stand von Blanvalet (München) ist eine Taschenbuchausgabe des Thrillers „Verstummt“ von Karin Slaughter direkt am Gang in einem Halbkreis bis auf Brusthöhe aufgestapelt. US-Dutzendware, eigentlich nicht der Rede wert. Bemerkenswert ist nur,  wie rasch der Stapel abgetragen wird. Viele müssen das Buch einfach im Vorbeigehen einsacken. Schließlich holt der Verlag zur Gegenwehr aus. Auf einem karierten Blatt steht ungelenk handgeschrieben: „Nur Deko! Nicht zum Mitnehmen!“ Allein, es hilft nichts, Stunden später bereits ist der Stapel erneut deutlich kleiner geworden.   Karneval außerhalb der Narrenzeit? Vorgezogener Helloween? Am Samstag streifen Hunderte von Kindern und Jugendlichen in schrillen Kostümen durch die Hallen und über den Innenhof. Sie entpuppen sich als Anhänger der auch in Deutschland zunehmend populären japanischen Manga- Comics und Anime-Filme und Teilnehmer der deutschen Cosplay-Meisterschaft, die auf der Buchmesse stattfindet. Der Begriff steht für costume play (Kostümspiel) und bezeichnet einen Trend, bei dem es darum geht, Manga- bzw. Anime-Figuren möglichst originalgetreu darzustellen.   Am letzten Tag der Messe dürfen seit einigen Jahren die Aussteller ihre Bücher auch verkaufen. Zumeist tun sie das zu einem Messerabatt zwischen 25 und 50 Prozent, feste Sätze gibt es nicht. Der linke Papyrossa Verlag (München) will für ein Buch über die Wehrmachtsausstellungen 12 statt 16 Euro. „Gut, das nehme ich dann.“ — „Gern.“ Als der Blick auf die am Sakko getragene Pressekarte des JF-Mitarbeiters fällt, ändern sich Tonfall und Konditionen jedoch plötzlich. „Nein, für Sie gilt der Rabatt nicht.“ — „Wieso denn nicht?“ — „Darum, Sie bekommen gar nichts von uns.“ Aha.

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